Der Israelit
- Journal
- Der Israelit
- Volume
- 22 (1881)
- Issue
- Heft 15-16 (13.4.1881)
- Date
- 1881-04-13
- Page
- – (sequence 8)
- Language
- German
- Belongs to
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360 den Letzteren gab er doppelten Sold, dem Volke Spiele, Schaugepränge und allerlei Unterhaltungen. Die Mittel dazu mußten die von ihm confiscirten Reichthümer der Hingerichteten Senatoren bieten. Die ganze Stadt füllte er mit seinen Statuen an, und das Capitol war mit vielen seiner Bilder in vergoldeter Bronce geschmückt. Von allen diesen Statuen war keine so prächtig wie der Reiterkoloß in vergoldeter Bronce, der in der Mitte des Forums und vor dem Tempel der Flavischen Familie errichtet ward. Auf ein hohes Piedestal gestellt, von wo in der Sprache der Poesie sein Haupt bis in den Himmel ragte und auf die glitzernden Dächer der Hallen und Tempel niederschaute, hielt Domitian seine Rechte wie commandircnd vorgestreckt, in seiner Linken trug er eine Figur der Minerva; sein Schwert ruhte friedlich in seiner Scheide, während sein sich bäumendes Streitroß aus das Haupt des gefesselten Rheins trat. Zur Einweihung dieser Reiter-Statue wurden dem Volke großartige Schauspiele veranstaltet und prachtvolle Gastmähler gegeben. Ganz Rom befand sich in einem Taumel der Lust und der Vergnügungen. Um diese Zeit näherten sich die Weisen Israels der Stadt. Schon aus weiter Ferne vernahmen sie den Jubel der Volksmassen; da standen sie still, und Thränen entstürzten ihren Augen; nur Rabbi Akiba weinte nicht; ein glückliches Lächeln verklärte sein Antlitz. — Und seine Begleiter sprachen zu ihm: Warum lachst Du, Akiba? — Er aber fragte: Und Ihr, warum weint Ihr? — Und sie sprachen: Diese Heiden, die sich, vor Bildern bücken und den Götzen Räucherwerk darbringen, die allen bösen und schlimmen Lastern ergeben sind, die von den hohen Zielen des Menschenlebens nichts wissen und nur dem Genüsse sröhnen, leben in Glück und in Sicherheit — wir aber haben das Haus unseres Gottes als einen Schutthaufen gesehen, haben unsere nationale Selbstständigkeit verloren, werden von den Feinden unterdrückt und verfolgt und müssen tagtäglich für unser Leben zittern, und wir sollten nicht weinen? „Gerade deßhalb," antwortete Rabbi Akiba, „freue ich mich. Wenn der allgerechte Gott so viel Gutes Denen erweist, die täglich und stündlich seine heiligen Gebote verletzen, wie viel Schönes und Herrliches hat Er da aufbewahrt für Seine Diener, deren einziges Streben es ist, Seinem heiligen Willen gemäß zu leben!" Und die Weisen sprachen: „Du hast uns getröstet, Akiba, Du hast uns getröstet." Während das römische Volk mit seinem Jubelrufen die Straßen der Stadt erfüllte, waren des Kaisers nächste Freunde und Verwandte in nicht geringen Schrecken versetzt worden. Nachdem der Kaiser den Bürgern ein großes Festmahl gegeben hatte, nahm er sich vor, eine Gasterei für eine auserlesene Anzahl von Personen aus der höchsten Aristokratie folgen zu lassen. Er richtete ein Gemach ganz schwarz her. Die Decke war schwarz, der Fußboden war schwarz und die aufgestellten steinernen Sitzreihen waren mit schwarzem Tuch ausgeschlagen. Die Gäste wurden zu Abend ohne ihre Dienerschaft eingeladen, und jeder sah neben seinem Speisesopha eine Säule gleich einer Grabssäule ausgestellt; in diese war der Name des Gastes eingegraben. Darüber hing die dreifüßige Grabeslampe. Kaum hatten die Gäste Platz genommen, so trat ein Trupp geschwärzter nackter Knaben herein und führte einen Tanz in schauerlichen Bewegungen aus. Dann traten die schwarzen Knaben vor die Gäste und boten ihnen zum Mahle Speisereste an, wie sie das römische Volk seinen Tobten vorzusetzen pflegte. Die Gäste waren vor Schrecken wie gelähmt und erwarteten in jedem Augenblicke den Tod. Da trat der Kaiser herein, langsam und feierlichen Schrittes. Auch er ließ sich nieder, ließ stich die Speisereste reichen, aß davon und sprach dann: „Ja, meine Freunde, die Abgeschiedenen müssen sich mit den Speiseresten begnügen, solche Reste sind ein kostbares Mahl für die Schatten, die zum Orcus hinabfahren. Wisset und denket daran, daß es in jedem Augenblick in meiner Macht steht. Euch aus den Weg, der zum Orcus hinabführt, zu senden. Ich werde von dieser meiner Macht Gebrauch machen, gegen Jeden, der es wagt, an meiner j.Gottesmacht zu zweifeln. Meine Macht ist gleich der des Jupiter, und ich werde mit meinen Donnerkeilen Jeden zerschmettern, der es wagt, gegen mich sich aufzulehnen. —" Der Kaiser erhob sich, und die Gäste dursten zu ihrer Ueberraschung nach Hause gehen. Am andern Tag erschien bei Jedem von ihnen der Sklave, der ihn bedient hatte, rein gewaschen und gekleidet; er brachte die silbernen Schlüssel und den silbernen Becher, die der Gast bei jenem schauerlichen Mahle benutzt hatte. Diese und der Sklave, der sie überbrachte, waren ein Geschenk des Kaisers, eine Entschädigung für den ausgestandenen Schrecken. (Siehe die Fortsetzung in der ersten Beilage.) Hier;« fünf Beilagen. Verantwortliche Redaction: Vr. Lehmann in Mainz. — Verlag und Expedition der »JSraelit* große Bleiche 45 I. Got tSI eden'r Buchdruckerei (Mainzer Anzeiger).