Der Israelit
- Journal
- Der Israelit
- Volume
- 22 (1881)
- Issue
- Heft 13 (30.3.1881)
- Date
- 1881-03-30
- Page
- – (sequence 12)
- Language
- German
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312 Allgemeinen einer versöhnlichen, friedfertigen Gesinnung begegnet bin. Sie können sich aber die Schwierigkeit meiner Position trotzdem gar nicht vorstellcn. Die Herren forderten mit aller Entschiedenheit die Einführung des Berliner Eultus. Vergebens bat der Doctor, wenigstens einigermaßen nock' den Eonservaiivcn Rechnung zu tragen, vergebens beschwor ich sie, mein graues Haupt zn ehren und wenigstens während der Paar Jahre, welche ich noch unter ihnen zu verleben habe, von der gänzlichen Umgestaltung des Gottesdienstes abzustehen. Sie waren tief ergriffen; erklärten aber, ihre Principien nicht fernerhin verleugnen zu können." „Ich ging aus dieser Sitzung in wahrhafter Verzweiflung; der Herr Doctor, welcher mich begleitete, suchte mich zu trösten. Auch ihm sei es sehr weh ums Herz. Wir hätten aber beide — er und ich — redlich gekämpft, wir seien unterlegen, in Ehre unterlegen/— das müsse uns trösten und das Unvermeidliche in geduldiger Ergebung in den gütlichen Willen ertragen lassen." „Ich sann die ganze Nacht auf ein Mittel zur Rettung unseres ehrwürdigen Enltns. Da kam mir, aus höherer Inspiration, der Gedanke, statt einer neuen großen Synagoge eine zweite Geweindesynagoge zu erbauen und in dies eine Gotteshaus, den alten Ritus hinein zu retten/' „Ani andern Morgen entwarf ich ein Memorandum, welches diese Idee des Nähern ansführte. Nach vieler Mühe ist es mir gelungen, diesem Gedanken die Majorität zu sichern." „Das gestern erlassene Rundschreiben der Gemeindeverwaltung ist das sprechende Zeugnis;, was ein ernster beharrlicher Wille vermag. Wir haben damit Alles erreicht, was wir nur wünschen könne!?. Die völlige Gleichstellung des alten Ritus mit dem Reformcnltns unter dem Gemcindcrabbinate, worauf ich den allergrößten Werth lege! Ja noch mehr — wir können auch die von Ihnen seiner Zeit so lebhaft bekämpften geringeren Neuerungen in unserer, „der Alten" — Synagoge wieder abstellen!" „Lassen Sie uns jetzt in aller Stille dafür thätig sein, daß recht viele Gemeindeniitglieder für den alten Ritus opliren; hierzu wollte ich auch Sie auffordern." „Wir werden ganz sicherlich auf eine sehr ansehnliche Anzahl von Stimmen rechnen können. Der Herr Rabbiner sowohl, wie der Herr Rabbinatsadjunct wirken unter der Hand eifrig in unserem Sinne." — „Um des Himmels Willen, Herr, was haben Sie da angestiftet!" rief ich, mit Mühe meinen Unwillen bemeisternd. „Sie haben mit dem Heiligen einen unwürdigen Schacher getrieben!" „Verzeihen Sie meine Aufregung," fuhr ich etwas ruhiger fort, als ich den alten Mann erschreckt zusammenfahren sah. „Ich vermag mich nur schwer zn beherrschen, wo ich die Sache unseres Hciligthuins verrathcn und verkauft erblicke. Ich weiß Ihre gute Absicht anzuerkennen; — Sie irren aus Schwäche und jene Pfaffen mißbrauchen diese Schwäche." „Die Reformer schaden uns nicht so viel, wie die Schwachen unter uns, wie die Heuchler, welche es mit uns und mit Jenen zn halten wünschen. „Wie konnten ^ie nur den unglückseligen Gedanken dieses Eompromisses hegen? netzen Sie denn nicht ein, daß Sie dadurch die Verleugnung der wichtigsten Principien sanctioniren? Ist denn eine Gemeinde, welche p.-r? ans ihren? „Glaubensbekenntnisse" streicht, noch eine jüdische?" „Sie freuen sich, daß die Reformer „den alten Ritus" als gleichberechtigt anerkennen; — können, dürfen Sie denn die Reform airerkennen?" „Gilt Ihnen denn ein Rabbiner, welcher die Verheißungen Gottes leugnet, noch als Rabbiner?" „Die "Kluft zwischen'dem Anerkenntnis; des Judenthnnis und der Verleugnung desselben ist nicht zu überbrücken, mit der Lüge ist kein Pact zn schließen. — Was Sic hier angestrebt haben, ist so unerhört, wie widersinnig. — Wobl scheidet sich die Jndenheit henke in Geseycstrcuc und Gesetzesverächter, wohl gibt cs Synagogen des Abfalls und Rabbiner der Lüge — aber nirgend hat man bis jetzt daran gedacht das vermessene Werk der Verquickung derartig zwischen beiden zu versuchen, daß man einen und denselben Rabbiner zum Rabbiner des Reform- und des orthodoxen Indenthums bestellt. So viel Selbstachtung haben die Resorinrabbiner bislang an den Dag gelegt, daß sie zn einem solchen heuchlcrischen Gebühren sich nicht hergegeben haben würden. Der hiesige, leise miftrctcubc/ 'niemals Farbe bekennende, Allen nach dem Munde redende, phrasenhafte,^ gewissen- und principienlose Geistliche ist der Erste, welcher der Manneswürde so sehr verlustig gehen konnte, um das Ungeheuerliche zn vollbringen." „Ich bin überzeugt, daß die chrenwerthen Männer unter den Reformern sich mit Absehen von diesem unehrlichen Spiel abwenden werden;^— und darum verzweifle ich noch nicht, daß es zn Schanden werden wird." Der alte Herr suchte mich zn beschwichtigen. Ich fasse die Angelegenheit unter einem irrigen Gesichtspunkte ans, ich würde mit einem blinden Fanatismus Alles verderben ich hörte ihn kaum. Tiefes Weh erfüllte mein Herz ob der kurzsichtigen, erbärmlichen Schwäche dieses Führers der Orthodoxie in meinem Kreise, ob des heuchlcrischen Gebahrcns des Nabbinats.-