Der Israelit
- Journal
- Der Israelit
- Volume
- 22 (1881)
- Issue
- Heft 13 (30.3.1881)
- Date
- 1881-03-30
- Page
- – (sequence 9)
- Language
- German
- Belongs to
- journal issue
- OCR quality
- 94% known words query
- IRI
…/2446951-2447850-2447863--17405-2473425- Visual Library
- page viewer of the UB Frankfurt
OCR text
XXII. Jahrgang. Erste Leilage ju tlr. 13 des Israelit. Leitender Ar t i k e I. Uns dem jüdischen Hemeindeleben. Von Naphtali Simon. V. Die beiden andern Candidaten hatten ihre Probcpredigten ebenfalls gehalten. Der Eine hatte über die Aufgabe des Rabbiners und Lehrers, alllehnend anMaleachi2. 7, gesprochen und ansgeführt, wie der Rabbiner nicht über dem Gesetze stehe, wie er nur Lehrer desselben sei, wie er nicht die Macht habe, auch nur einen einzigen auf gesetzlicher Autorität beruhenden Usus aufznheben, wie er ohne Menschenfnrcht und ohne Sucht nach Anerkennung und Lob aus der Sterblichen Mund das ganze Gesetz zu lehren und zu vertreten habe, wie er für den Gehorsam gegen dasselbe die Herzen begeistern und jeden Abfall rügend und mahnend ablvehrcn solle. Nicht wir hätten das Gesetz unsrer Laune und Steigung entsprechend umzngestalten, wir hätten vielmehr uns, unser Denken und Handeln, in Einklang mit den Anforderungen des Gesetzes zu bringen n.'s. w. Der Andere sprach über das Jndenthunl der Gegenwart. Er schilderte den Gegensatz der starren Orthodoxie zu dem ausschweifendsten dladikalismus. Hier Niederrcißen, dort Versteinern; — aber weder das Eine noch das Andere sei die Pflicht des Israeliten unsrer Zeit. Mit pietätsvollcr Scheu habe er das Alte zu achten und zu schonen und in Milde den Kontrast einer vergangenen Anschauung mit dem Geiste der Jetztzeit anszugleichen. Was morsch und welk geworden sei am Baume des Judeuthmns, sei zu entfernen, auf daß Raum und Kraft geschaffen imb gefördert werde zu einer neuen Blüthc, zu einem gedeihlichen Wachsthum des alten ehrwürdigen Stammes, aber Frevel sei es, einen lebenskräftigen Zweig abzuschneiden u. s. w. „Das ist unser Mann," riefen die Orthodoxen unter Anführung ihres Hauptes. „Wir müssen Alles daran setzen, um ihn zu erhalten." Der pastoralkluge Herr hatte nämlich nicht verabsäumt, die einflußreichsten Gemeindcmitglieder zu besuchen und sich mit ihnen auszusprechen. In diesen Privatunterhaltungcn hatte er den Orthodoxen gegenüber eine so innige Verehrung für das Altherge- | brachte an der Tag gelegt und es so nachdrücklich! betont, daß ihm die Eonservirnng desselben wahrhaft Herzenssache sei, daß diese nicht wenig erstaunt waren, bei ihrer Agitation für die Anstellung „ihres" Candidaten eigentlich keinen Widerstand bei den Reformern zu finden. Es war allerdings bekannt, daß an dem bisherigen Amtssitze des Herrn Rabbiners ein ziemlich nwderner Gottesdienst mit Orgel und „gemischtem Chor" eingeführt sei. Der fromme Herr hatte aber den Orthodoxen offenbart, daß er felbsi dieses „Abweichen vom Herkommen" schmerzhaft bedauere und niemals die Initiative zn einer solchen „Neuerung" ergreifen werde. „Das wissen die hiesigen Reformer nicht," sagte mir der Leiter der Orthodoxie mit schlauem Lächeln. „Sie werden sich gewaltig enttäuscht sehen, wenn er erst im Amte ist. ' Keinen Fingerbreit gibt er ihnen nach." Freilich tauchten auch dagegen andere Gerüchte aus, welche dahin gingen, daß der vorsorgliche Eandidat sich den Radikalen gegenüber ganz anders ausgelassen habe, ja, es wurde sogar behauptet, er habe dem Vorstände eine schriftliche Erklärung gegeben, durch welche er sich verpflichtete, in Bezug auf gottesdienstliche Reformen den Beschlüssen der Verwaltungsorgane nicht zuwiderzustreben und fowoU auf der Kanzel, wie in der Schule Alles zu vermeiden, was einen Theil der Gcmeiudemitglicder in Bezug auf dessen „freiere" religiösere Anschauung als ein Vorwurf erscheinen könnte. Der politische Lcharsblick unsres orthodoxen Führers erklärte dieses Gerücht als eine böswillige Verleumdung, von den „Gegnern' erfunden, um den Orthodoxen ihren Candidaten zu verdächtigen. „Wir lassen uns nicht täuschen," meinte er: „wir wollen an unscrm Erkorenen fcsthalten. — Dieses Gerede schadet übrigens nicht; — im Gegentheil, es fördert unsre Wahl. Manche von den Repräsentanten werden demselben Glauben schenken und, in dem Wahne, einen Ultrareformer zu wählen, diesem wahrhaft frommen Rabbiner ihre Stimme geben." Und also geschah es. Der Kandidat der Orthodoxen siegte mit großer Majorität über die beiden andern Bewerber. In kurzer Zeit gelang es ihm, sich die Freundschaft aller Kreise zu erringen. Die sogenannten Frommen rühmten an ihm seine innige religiöse Gesinnung, die Andern seine aufgeklärte Anschauung