Der Israelit
- Journal
- Der Israelit
- Volume
- 22 (1881)
- Issue
- Heft 13 (30.3.1881)
- Date
- 1881-03-30
- Page
- – (sequence 8)
- Language
- German
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808 sollte, fühlte sich Sulamith durch eine goldene Nadel in ihrem Kopfputze beengt; sie zog dieselbe heraus und steckte sie, ohne sich umzusehen, hinter sich in die Mauer. Die Trauung war vorüber, und im Hause empfingen das Brautpaar und die Ettern die Glückwünsche der Gäste. Da erinnerte sich Sulamith der goldenen, mit Diamanten besetzten Nadel, die sie im Garten gelassen hatte und befahl einem Diener, dieselbe zu holen. Als der Diener in den Garten kam, fand er, daß die Nadel den Kopf einer giftigen Schlange durchbohrt und diese an die Mauer gespießt hatte. ' Er brachte die Nadel, an der die giftige Schlange noch hing, in das Haus. Alle Welt war erschreckt bei diesem Anbticke. Ein Wunder hatte das Leben der Braut gerettet. Hätte Sulamith nicht den Kops der Schlange durchbohrt, das giftige Reptil wäre aus sie gefahren, und sein Stich hätte sie getödtet. „Meine Tochter," sprach Rabbi Akiba, „Gott hat in wunderbarer Weise Dein Leben gerettet; sprich, wodurch hast Du diese Rettung verdient?" „Mein Vater," antwortete die junge Frau, „mir ist des Allgütigen Gnade in unverdienter Weise zu Theil geworden." „Nicht doch", sagte der Bräutigam, „Dein eigener Edelmuth hat Dir das Leben gerettet." Und er erzählte den Vorgang des gestrigen Abends. „Fürwahr," sprach Rabbi Akiba, „Du lehrst mich, meine Tochter, einen Ausspruch des weifen Königs richtig zu erfassen. Es heißt im Buche Mischte: Wohlthun rettet vom Tode, ,-ch habe bisher geglaubt, daß sich das auf die künftige Welt beziehe; jetzt aber sehe ich ein, daß es schon in dieser Welt sich erfüllt. Wohlthnn rettet vom Tode, vom wirklichen, irdischen Tode. Trotzdem bleibt der eigentliche Lohn aufbewahrt für die künftige Welt." Unter Lust und Freude gingen die sieben Hochzeitstage dahin. Die Gäste waren in ihre Heimath zurückgekehrt, sulamith war glücklich im Besitze des Gatten, den sic von frühester Kindheit an geliebt hatte. Nicht so ben Asai. Eine trübe Wolke lagerte auf seiner Stirne vom Morgen bis zum Abend. „Geliebter," sprach eines Tages Sulamith zu ihm, „es schmerzt mich, Dich nicht heiter zu sehen. Sage mir doch, was Dein Herz belastet." „Ich kann es Dir nicht sagen," antwortete der Gefragte, „ich fürchte, meine Mittheilung würde Dich zu sehr betrüben." Als aber Sulaniith mit Bitten nicht nachließ, entschloß sich endlich der junge Ehemann, seinem Weibe den Kummer seines Herzens zu erschließen. „Du hast mich einst veranlaßt," sagte er, „mein Leben der Thora zu weihen. Meine Liebe zur Thora ist seitdem so stark geworden, daß keine andere Liebe neben ihr in meinem Herzen Raum hat. Jede Minute, die ich dem Thorastudium entziehen muß, erfüllt mich mit Kummer und Betrübniß, und diese Betrübniß hemmt die Spannung meines Geistes." „O, mein Geliebter," antwortete Sulamith; „nicht werde ich Dich hindern, ausschließlich der Gotteslehre zu leben. Je eitriger Du in ihr forschest, desto mehr werde ich Dich lieben und verehren." Ben Asai schüttelte das Haupt. „Schon der Gedanke," sagte er, „an die Pflichten, die ich als Gatte und später als Vater zu erfüllen haben werde, stört und hindert mich unaufhörlich. Ich wollte das Wort nicht brechen, das ich Dir als Knabe gegeben. Für jeden Andern wäre ja der Besitz eines so edlen, froininen und hochherzigen Weibes , der Tochter des größten Mannes in Israel, das höchste Glück; für mich, dessen Seele einzig und allein nach dein Wissen strebt, für den die Erkenntnis; der Wahrheit das einzige, begchrenswerthe Gut ist, für mich ist es nicht wohlgethan, daß ich durch andere Pflichten gebunden mich fühle." Sulamith sing an zu weinen. „Es ist wahr," sprach sie unter Thränen, „was Du mir eben offenbart hast, betrübt mich sehr. Nicht um meinetwillen, sondern uni Deinetwillen. Es wäre ein unersetzlicher Verlust für Israel, wenn der hohe Flug Deines Geistes gehemmt werden würde. Ich zwar werde nicht aufhören. Dich zu lieben, und niemals lvird ein anderer Mann mein Gatte werden. Dennoch bitte ich Dich: Gib mir den Scheidebrief und löse das Band, das uns aneinander fesselt." Und ben Asai that so; mit schwerem Herzen entschloß er sich, dem Rathe seines Weibes zu folgen. Er fühlte, daß er nicht anders konnte. Als der Scheidungsakt vorüber war, umarmte Rahel ihre weinende Tochter. „Du Haft Größeres vollbracht als ich," sprach sie, „die alle Welt preist und lobt, weil ich unter Aufopferung äußerer Glücksgüter meinen Gatten für die Thora gewonnen habe. Das Opfer, welches Du gebracht, ist tausendmal größer als das meinige. Du hast den Geliebten Deines Herzens freigegeben, um den Flug seines Geistes nicht zu hemmen. Gott segne Dich, mein geliebtes Kind!" (Fortsetzung folgt.) Hierzu zwei Beilagen. Verantwortliche Redaction: 0r. Lehmann in Mainz. — Verlag u,u> Expedition des .Israelin große Bleicke 45. I SottSleben'S Buchdruckerei (Mainzer Anzeiger).