Mannheim
Compact Memory

Der Israelit · 1881-03-30 · Heft 13 (30.3.1881) · page 7

Scan of the page
Image: UB Frankfurt, Visual Library (IIIF)
Journal
Der Israelit
Volume
22 (1881)
Issue
Heft 13 (30.3.1881)
Date
1881-03-30
Page
– (sequence 7)
Language
German
Belongs to
journal issue
OCR quality
97% known words query
IRI
…/2446951-2447850-2447863--17403-2473423
Visual Library
page viewer of the UB Frankfurt

Mentioned entities

OCR text

5 entity mentions

307 Feuilleton. HL k i b a. XHI. Rabbi Akiba's Tochter Sulamith war Zu einer holden Jungfrau herangeblüht, und die Eltern dachten daran, sie zu verheirathen. Rabbi Akiba hatte zu seinem künftigen Schwiegersöhne einen seiner hochbegabten Schüler ansersehen. Als Sulamith davon erfuhr, trat sie vor ihren Vater hin und sprach: „Zürne mir nicht, mein Vater, ob des Geständnisses, welches ich Dir zu machen habe. Siehe, in unsrer Nachbarschaft wohnte ein Knabe, der sich vor allen andern durch große Geistesgabeu auszeichnete. Wir spielten als kleine Kinder zusammen, und als er einst von mir verlangte, ich sollte ihm versprechen, wenn wir erwachsen sein würden, seine Frau zu werden, da sagte ich zu ihm: Gehe hin und lerne und werde ein großer Mann in Israel: dann komme wieder, und ich will Deine Frau werden." Lächelnd hatte Rabbi Akiba der Erzählung seiner Tochter zugehört, und als sie geendet hatte, sprach er: „Fürchte Dich nicht, mein liebes Kind, ich werde Deinen Wünschen nicht entgegentreten. Du hast ja nur das alte Sprüchwort bewährt: Das Lamm macht es gerade so, wie das Schaf es gethan.*) Und nun sage mir, wer ist Dein Erkorener?" „..Er heißt Schimeon und ist der Sohn des Asm."" „Ah, mein Freund und Schüler beu Asai! Wahrlich, mein Kind, Du hast keine schlechte Wahl getroffen." Unsere Weisen erzählen von ben Asai, daß er „die Berge zu entwurzeln" verstand, wie kein Anderer vor ihm und nach ihm. Dieser Ausdruck bedeutet im Talmud den höchsten Grad von Scharfsinn; die geistigen Fähigkeiten ben Asais waren so bedeutend, sein durchdringender Verstand war so groß, und er selbst war sich dessen so bewußt, daß ihm alle Weisen Israels um deren Wissen nur gering erschienen, alle Weisen Israels mit Ausnahme Rabbi Akiba's, den allein er als seinen eigenem Wissen überlegen anerkannte. Nur Eines war es, was die geistigen Fähigkeiten ben Asais noch übertraf und das war seine grenzenlose Liebe zur Thora, die sich in unaufhörlichem Forschen und Studiren äußerte. Die Thora war und blieb ben Asais einzige Geliebte während seines ganzen Lebens. Deßhalb kam ihm die Bot- *) Ein Wortspiel, da Nahe! „Schaf" bedeutet; die Tochter macht es wie ihre Mutter Rahel.! schaft Rabbi Akiba's, die ihm die Tochter des ge! feierten Lehrers zum Weibe anbot, nicht gerade er"! freulich. Ben Asai fürchtete sich davor, ein Weib! zu nehmen und eine Familie zu gründen; er fürchj tete, dadurch in seinen Studien gestört zu werden.! Als er einst vor feilten Schülern — denn ben Asai hatte schon in früher Fugend viele Schüler, die sich um ihn schaarten — das erste Gottesgebot, die Pflicht der Eheschließung und die Erhaltung der Welt durch Fortpflanzung, erörterte, sagten seine Schüler zu ihm: „Unser Lehrer, warum erfüllst Du selber nicht die Pflicht, die Du uns so eindringlich lehrst und deren Erfüllung Du eine so hohe Wichtigkeit beilegst?" Und ben Asai sprach: „Was soll ich thun? Meine Seele hängt in unbeschreiblicher Liebe an der Thora. Möge das Menschengeschlecht durch Andere erhalten werden." Trotzdem glaubte sich Ben Asai durch das Versprechen, welches er seiner Jngendgespielin gegeben hatte, gebunden. Er folgte dem Rufe seines Freundes und Lehrers, um sich mit dessen Tochter zu verloben.^ Kalba L-abua wünschte die Hochzeit seiner Enkelin mit großer Pracht zu feiern. Zahlreiche Gäste waren erschienen, unter ihnen die größten und bedeutendsten Mällner in Israel. Das große Haus Kalba Sabua's war gefüllt bis auf den letzten Raum. Ganze Heerden wurde geschlachtet, alle Kochherde und Backöfen des Hauses wurden von ganzen Schaaren von Köchen und Bäckern bedient. Am Vorabend der Hochzeit, Sibloneth, war in dem großen Garten eine unabsehbare Tafel ausgestellt. Alle Diener und Dienerinnen hatten vollauf zu thun, die lange Reihe der Gäste zu bedienen. Da erschien ein armer Mann in zeriffenen, schmutzigen Kleidern. Niemand achtete auf ihn, die Diener und Dienerinnen stießen ihn zur Seite und befahlen ihm, aus dem Wege zu gehen. Rabbi Akiba und Rahel gingen hin und her, um für die Gäste zu sorgen und danach zu sehen, daß Jeder vollauf bekam; sie bemerkten den Fremden nicht. Da verließ die Braut ihren Ehrensitz an der Spitze der Tafel, eilte auf den armen, zerlumpten, schmutzigen Mann zu und bat ihn, ihren Sitz einzunehmen, zu essen und zu trinken und es sich wohl sein zu lassen. Dann eilte sie hinfort und besorgte Kleider und Wäsche. Als der Arme seinen Hunger gestillt hatte, ließ sie ihn in ein Badezimmer führen und befahl, ihm statt seiner Lumpen köstliche Gewänder hinzulegen, damit er auch an den folgenden Tagen, ohne sich zu schämen, an den Festlichkeiten Theil nehmen könne. Am andern Tage fand im Garten die Trauung statt.,. Als das Brautpaar, das an der Mauer sich ausgestellt batte, mit dem Talith umhüllt werden

Text as recognised by OCR (ABBYY FineReader), without corrections. Entity mentions: TagMe (2021); their positions were matched to this text again.