Der Israelit
- Journal
- Der Israelit
- Volume
- 22 (1881)
- Issue
- Heft 12 (23.3.1881)
- Date
- 1881-03-23
- Page
- – (sequence 8)
- Language
- German
- Belongs to
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Während der langen Reihe von Jahren, die seit dem Beginne unserer Erzählung verflossen, hatte Kalba Sabua ein Leben voll Trauer verbracht. Trotzdem war sein harter Sinn nicht gebeugt. — Alle Annäherungsversuche seiner Tochter und seines Schwiegersohnes hatte er zurückgewiesen. Jetzt war er ein alter, einsamer Mann, er fühlte, daß er dem Grabe nahe war, und er hatte nur noch den einen Wunsch, sein großes Vermögen für wohlthätige Stiftungen und allgemeine Zwecke zu bestimmen. Da hörte er, daß ein großer Lehrer Israels in die Gegend gekommen sei, in der er wohnte. Er beschloß, ihn aufzusuchen und mit ihm die Verwendung seiner Güter zu berathen. Als er vor Rabbi Akiba erschien, erkannte er seinen ehemaligen Diener nicht. „Rabbi," sprach er, „ich möchte mir Deinen Rath erbitten. Ich wünsche über die Verwendung meines Vermögens nach meinem Tode Beftimmung.'n zu treffen." „„Hast Du kein Kind,"" fragte Rabbi Akiba, „„dem Du Dein Vermögen hinterlassen wirst'-?"" „Ich hatte eine Tochter," antwortete der alte Mann, „aber sie hat gegen meinen Willen einen armen, unwissenden Hirten geheirathct; da habe ich gelobt, sie zu enterben." „„Und wenn,"" fragte der Rabbi, „„jener arme Hirte ein Glehrter geworden wäre, und wenn Du gewußt hättest, daß er ein solcher werden würde, hättest Du damals Dich durch jenes Gelübde gebunden?"" „Es war weniger die Armuth des Mannes, die mich erzürnte, als seine Unwissenheit; er konnte nicht einmal lesen und schreiben." „„Und wenn er später ein Mann geworden wäre, dessen Wissen die Welt Anerkennung zollt, wenn er geworden wäre wie ich?"" „£, ttrtc glücklich würde ich mich schätzen, wenn meiner Tochter Wahl auf einen Mann, wie Du bist, gefallen wäre!" „ „Mein Vater, mein Name ist Akiba ben Joseph; ich stand ehemals als Hirte in Deinen Diensten, und Deine Tochter Rahel ist mein geliebtes Weib!"" Da erhob Kalba Sabua seine Stimme und weinte. „Kannst Du mir verzeihen, Rabbi?" sprach er schluchzend. „„Ich habe Dir nichts zu verzeihen; Du warst in Deinem Rechte. Jetzt aber löse ich Dein Gelübde, das Du unter falschen Voraussetzungen einst gelobt hast; ich ziehe es gleichsam mit der Wurzel aus: es sei wie nie gewesen; denn wenn Du hättest ahnen können, was später geworden, so hättest Du jenes Gelöbniß nicht gelobt."" j „Gott segne Dich, Rabbi," sprach Kalba Sabua j unter Thrünen. „Komm mit mir in mein Haus. Die Hälfte meines Vermögens will ich Dir sogleich übergeben, und die andere Hälfte wird Dir in nicht allzuferner Zeit anheimfallen." Rabbi Akiba aber ließ Rahel herbeirufen. Als sie kam und ihren Vater erblickte, sank sie ihm zu Füßen und uniklammerte feine Knie. Kalba Sabua hob sie auf, umarmte und küßte sie. „Meine Tochter," sprach er, „Du hast besser in die Zukunft geschaut als ich. Vergib mir, daß ich durch meine Hartherzigkeit so viel Elend und Stummer über Dich gebracht!" „„Nicht doch, mein Vater,"" antwortete Rahel, „„nicht Elend und Kummer warm mein Loos, sondem die höchste Freude und das größte Glück, das i einem Weibe gewährt werden kann. Ist doch der I edelste, beste, weiseste Alaun aus Erden mein Gatte,! habe ich doch Kinder, die in seinen Fußstapfen wandeln und dereinst, wie er, die Freude, der ^tolz und * die Hoffnung Israels sein werden! Rur Deine Liebe l hat mir bisher gefehlt, mein Vaters jetzt, da Du! wieder mit mir versöhnt bist, ist mein Glück voll- < kommen."" „Gott segne Dich, meine Tochter. So ist denn mein Alter nicht mehr einsam, da, wie Du sagst,; auch Enkel mir erblühen. O, hole sie, und führe sie in mein Haus, damit ihr Anblick mein Herz erfreue." Es war ein wahrhafter Triumphzug, als Rabbi : Akiba mit Frau und Kindern, in Begleitung seiner zahlreichen Schüler, in das Haus seines Schwiegervaters einzog. Rabbi Akiba war jetzt ein reicher Mann. Der erste Gebrauch, den er von seinem Reichthume machte, war, daß er seiner geliebten Rahel ein goldenes Diadem verfertigen ließ, in das eines geschickten Künstlers Hand das Bild der heiligen Stadt Jerusalem hineingravirte. So hatte cs Akiba in den Tagen der tiefsten Armuth, da Rahel, wiewohl selbst so arm, noch Aermere unterstützt hatte, versprochen. Und Rahel, die edle, fromme, bescheidene Rahel, trug dieses Diadem mit freudigem Stolze, nicht etwa, um damit zu prangen, sondern damit die andern Töchter Israels dadurch erfahren sollten, wie viel Großes für die heilige Gotteslehrc ein schwaches Weib zu vollbringen vermag. (Fortsetzung folgt.) Hierzu drei Beilagen. BerantworiLchc Redaktion: Or. Lehmann tn Mamz. — Verlag unr Expedition des ,Israelit" große Bleicke 4h. I Ä ottsleben's BnLdrnckcrei (.Mainzer Ämeiger).