Der Israelit
- Journal
- Der Israelit
- Volume
- 22 (1881)
- Issue
- Heft 12 (23.3.1881)
- Date
- 1881-03-23
- Page
- – (sequence 7)
- Language
- German
- Belongs to
- journal issue
- OCR quality
- 98% known words query
- IRI
…/2446951-2447850-2447862--17374-2473393- Visual Library
- page viewer of the UB Frankfurt
Mentioned entities
OCR text
283 geworden, sondern um zu lernen. — Da stieg Akiba vom Baume hernieder, und der Rabbi sprach: Ich will Dir Deine beiden Fragen beantworten. Das echad bedeutet, daß stets das beste Lamm aus der Herde zum Opfer bestimmt werden muß. Und wodurch ich so alt geworden? Ich habe niemals Geschenke angenommen, wie es heißt: Wer Geschenke haßt, wird leben; ich habe ferner niemals Böses mit Bösem vergolten, und da ich meinen Mitmenschen die mir zngefügten Beleidigungen verziehen habe, so hat der allgütige Gott auch mir vergeben, wenn ich sündigte; ich habe ferner die mir von Gott verliehenen Schätze zum Wohle meiner Mitmenschen anzulegen mich bemüht, und habe namentlich den Armen das Geld geliehen, dessen sie bedurften, um sich selbstständig ernähren zu können. — Habe Dank, Rabbi, sagte Akiba, für die Belehrung; ich werde mich bemühen, Dir nachzuahmen. Endlich, nach zwölf Jahren, wagte Akiba, mit einer selbstständigen Meinung, seinen Lehrern entgegenzutreten. Es handelte sich um die religiösen Vorschriften, die bei der Darbringung des Peßach- Opfers zu beobachten sind, wenn der Rüsttag zum Peßachfeste auf einen Sabbat fällt. Alle stimmten darin überein, daß das Peßachopfer am Sabbat dargebracht werden mußte; nur in Bezug auf einige Vorbereitungen waren Rabbi Elieser und Rabbi Josua verschiedener Ansicht; schon schien Rabbi Elieser in der Discussion den Sieg davon zu tragen; da trat Akiba auf und bewies sonnenklar, das; es in der heiligen Schrift begründet sei, daß nicht solche Vorbereitungen die Sabbatruhe verdrängen tonnten, deren Herstellung schon vor dem Sabbat möglich sei. Und Akiba trug den Sieg davon. Von nun an wurde er von Lehrern und Schülern mit ganz andern Augen angesehen. — „Siehe," sprach Rabbi Josua zu Rabbi Elieser, die Worte der heiligen Schrift anwendend, ..dies ist das Volk, welches Du gering geschätzt hast; jetzt gehe hin und kämpfe gegen dasselbe." An jenem denkwürdigen Tage war eine neue Sonne in Israel ausgegangen, die sich majestätisch am Horizonte erhob und mit ihrem Lichte Alles erhellte. Das tiefe Wissen, der durchdringende Verstand, das allumfassende Gedächtnis; und der große Forschergeist Akibas wurden von Allen bewundert. Wenn es galt, eine Tradition festzustellen, und Akiba war nicht zugegen, so sagte man: Halachah bechuzl das heißt, Akiba, dem alle traditionellen Vorschriften gegenwärtig sind, ist nicht da; wenn es galt, den wahrhaften Sinn eines Wortes oder eines Satzes der heiligen Lehre zu erfassen, so sprach man: Thora bechuz! das heißt, Akiba, der am tiefsten eingedrungen ist in den Sinn der heiligen Lehre, ist nicht da; wenn es galt, irgend etwas zu bestimmen, was mit der Mathematik, der Astronomie, der Naturlehre oder mit andern Wissenschaften zusammenhing, so sagte man: Akiba bechuz, Akiba ist nicht da. Man beantwortete die Fragen nicht früher, bis man den Fehlenden herbeigeholt hatte, der sich dann bescheiden zu den Füßen Rabbi Elieser's setzte. Es währte nicht lange, so erhoben die großen Lehrer Israels ihren bisherigen Schüler Akiba aus der Reihe der Schüler zum Lehrer, und ein großer Kreis wißbegieriger Jünglinge sammelte sich um ihn. Zwölf lange Jahre hatte Akiba seine Frau und seine Kinder nicht gesehen. Nur einmal war er entschlossen gewesen, sie zu besuchen. Als er an die Pforte seines Hauses kam, hörte er laute, streitende Stimmen. Einer der Nachbarn machte Rahel Vorwürfe, daß sie niit unwandelbarer Treue dem Manne anhing, der schon solange in der Fremde weile und sie gewiß längst vergessen habe. „Warum," fragte der Nachbar, „willst Du noch länger um dieses Mannes willen den Haß Deines Vaters auf Dich laden? Zerreiße das Band, welches Dich an diesen Undankbaren knüpft und kehre reuig zu Deinem Vater zurück, und er wird Dich und Deine Kinder mit offenen Armen aufuehmen." „Schilt ineinen Gatten nicht," antwortete Rahel; „daß er so lange fortbleibt, geschieht mit meiner Einwilligung, auf meinen Wunsch. O, möchte er doch ein großer Lehrer in Israel werden, so würde ich mich nicht grämen, wenn er auch noch längere Zeit fortbliebe." Und Akiba hörte draußen die Worte des edelsinnigen Weibes und kehrte wieder nach Jabneh zurück ohne seine Frau und seine Kinder umarmt zu haben. Jetzt war der edlen Rahel Wunsch erfüllt, uud Rabbi Akiba beeilte sich, nach Hanse zurückzukehren; seine zahlreichen Schüler begleiteten ihn. : Von allen Seiten strönite das Volk herbei, um den gefeierten Lehrer zu sehen, dessen Namen man früher noch wenig vernommen hatte, und der jetzt in Begleitung einer großen Menge von Schülern durch das Land zog. Auch zu Rahel drang die Kunde, und ihr Herz erzitterte vor Freude und Wonne; sie machte sich auf den Weg, um dem geliebten Gatten entgegen zu gehen. Sie sah ihn, umgeben von seinen Schülern; sie wollte zu ihm eilen, aber die Schüler ließen es nicht zu. Da erblickte sie Rabbi Akiba. „Rahel," ries er, „meine geliebte Rahel, Weib meines Herzens, der ich Alles verdanke!" Dann wandte er sich zu den Schülern und sprach: „Das ist Rahel, mein theures, edles Weib. Was ich geworden bin, danke ich ihr; ohne sie wäre ich heute noch ein unwissender Hirte!"