Mannheim
Compact Memory

Der Israelit · 1881-03-23 · Heft 12 (23.3.1881) · page 4

Scan of the page
Image: UB Frankfurt, Visual Library (IIIF)
Journal
Der Israelit
Volume
22 (1881)
Issue
Heft 12 (23.3.1881)
Date
1881-03-23
Page
– (sequence 4)
Language
German
Belongs to
journal issue
OCR quality
97% known words query
IRI
…/2446951-2447850-2447862--17371-2473390
Visual Library
page viewer of the UB Frankfurt

No entity mentions on this page.

OCR text

280 es nicht nur für recht, sondern auch für klug, die Wahrheit zu sagen. Wenn man nicht mehr den Muth haben darf, die Wahrheit auszusprechen, dann ist der Anfang vom Ende gekommen. Wenn in einer jüdischen Gemeinde die einfache Kundgebung eines schlichten Mannes, welcher den einfachen Satz ausspricht, daß ein Rabbiner, der Lehrer der jüdischen Religion, ein treuer Bekenner derselben sein muß, mit dem Jnterdict belegt werden soll, — dann hat sich die Gemeinde selbst das Todcsurtheil gesprochen, dann hat sie ausgehört eine jüdische Gemeinde zu sein; dann giebt 'es für Jeden, dem das Judenthum noch nicht zu einem leeren Schalle geworden ist, innerhalb dieser Bereinigung von Juden nichts mehr zu hoffen; dann gilt es für ihn aus diesem Verbände zu scheiden und sich Genossen zu suchen, mit welchen er vereint die Aufgabe zu lösen strebt, welche eine jüdische Gemeinde zu erfüllen hat." „Sie wollen eine Trennung!?" rief das greise Oberhaupt unserer Orthodoxie, „Also ist es wahr, was man sich überall zuraunt? Ta beklage ich jede Verbindung, welche ich jemals mit Ihnen unterhalten habe. — O, unsere Gegner haben volles Recht zu der Erbitterung! Wer die Einheit der Gemeinde auflösen will, der ist ein Fanatiker! — Unsere Wege trennen sich — wir sind für immer geschieden." „Ich strebe nicht die Trennung einer Einheit an," erwiderte ich. „Im Gegentheile — ich wirke so viel ich vermag, für deren Erhaltung, indem ich das Band, welches die einzelnen Glieder zu einer Einheit verbinden soll, zu festigen bemüht bin. Dieses Band aber ist die Anerkennung des jüdischen Gesetzes. Hierfür trete ich mit meinen schwachen Kräften ein. Sobald aber die Gcsammtheit meiner Gemeinde als solche dieses verläugnen und damit sich lossagenwürde sobald sie somit dieses Band, welches die Gegenwart mit der Vergangenheit und Zukunft vereinigt, welches die über den ganzen Erdkreis zerstreuten Juden zu der großen hdjd verbindet, löst, so trennt sie, die Gcsammtheit oder Mehrheit der in einem Orte wohnenden Juden, sich von der „jüdischen Gemeinde", der apy* n*\-)p während ich bei derselben verbleibe. — Nicht ich scheide aus, sondern Jene sind „ausgetreten"; nicht ich bin mich jd Ems, sondern Jene! — Unsere Gemeinde hat aber eine solche „Trennung", einen solchen „Austritt" nicht vollzogen. Die Gefahr liegt nahe, daß sie möglicher Weise dazu schreitet; — ich suche zu warnen, suche einen solchen Schritt zu verhindern. Ob cs mir gelingt? — das weiß ich nicht — das wage ick kaum als möglich zu denken, wenn ich gewahre, wie Sie, der Angesehenste unter den „Frommen", meine bescheidene Wirksamkeit bcurtheilen." Wie er ohne Gruß gekommen, so entfernte sich der würdige Herr ohne Abschied in gewaltiger Aufregung. Die „Radiealen" hatten es durchgesetzt, daß zunächst der Rabbiner einer benachbarten kleinen Gemeinde zur Probepredigt berufen wurde. Derselbe genoß den Ruf eines vorzüglichen Redners und huldigte so sehr dem Fortschritte und der Aufklärung, daß man von ilnn erzählte, er habe während seiner Studienzeit die Sabbath- und Speiiegesetze wiederholt außer Acht gelassen. Während seiner zweijährigen geistlichen Amtsführung jedoch hatte er sich jvor jeder' flagranten Gesetzesverletznng gehütet. Man hoffte, daß cs seiner Bercdtsamkeit und gewinnenden Persönlichkeit gelingen würde einen solchen Beifall zu erringen, daß eine Masscnpclition an die Verwaltnugskörper wegen seiner sofortigen Anstellung in Scene gesetzt werden könnte und von der Zulassung noch fernerer Eandidateu Abstand acnommen werden würde. Die Synagoge säße kaum die Zuhörer an dein Sabbath, an welchem dieser Rabbiner unsere Kanzel bestieg. Anknüpfend an den Satz in Kohcleth i^n nm schilderte er den Wechsel in der Natur h: dem Leben des Menschen und in den Gestaltungen der Geschichte; — in diesem beständigen Wechsel sei das Einzige, Beständige, Dauernde: die Kraft, der Geist. Die Form wechsele, das sei das ewige Gesetz; der Geist aber bleibe. Und Israel? — Das bleibende an ihm, das sei sein Glaube; der Glaube an Gott — darin sei Israel dasselbe von Abraham bis in die Gegenwart. Die Aeußerung dieses Glanbens sei aber dem Wechsel unterworfen, müsse wechseln, wie alles Irdische, wie Alles, was der Sterblichen Hand geschaffen. Die Zeiten ändern sich, die Umstände wechseln und mit den Umständen, mit der äußeren Lage trete auch die Nothwendigkeit hervor, manche Einrichtung umzugestalten, manche Veranstaltung zu treffen,' welche nach dem gegenwärtigen Drange der Verhältnisse zur Anfrech thaltung der Religion erforderlich sei Die Hülle müsse wandeln, die Form wechseln — der Glaube an einen einzige:: Gott aber sei das einzige ewige Feste. Freilich würde dieses von der beschränkten Einfalt nicht begriffen, freilich gälte cs Kämpfe für die Anerkennung dieser Wahrheit — aber von jeher sei die Wahrheit nur durch Kamvs zum Siege gelangt. So wolle auch er kämpfen für diese reine israelitische Wahrheit. Der Eindruck dieser Rede war sehr bedeutend. Wie der Inhalt derselben so recht nach dem .Herze:: eines großen und angesehenen Theils der Gemeinde- Mitglieder war, so bestach auch die schöne Sprache und der fesselnde Vortrag die Gemüther. „Das ist endlich einmal das rechte Wort der

Text as recognised by OCR (ABBYY FineReader), without corrections. Entity mentions: TagMe (2021); their positions were matched to this text again.