Der Israelit
- Journal
- Der Israelit
- Volume
- 22 (1881)
- Issue
- Heft 11 (16.3.1881)
- Date
- 1881-03-16
- Page
- – (sequence 10)
- Language
- German
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262 „Ich würde mich an dem Heiligsten versündigen," sagte er, „wenn ich mich von Ihnen zu einem schroffen Auftreten verleiten ließe, wann nroi mnsco, nur mit Ruhe und Sanftmuth kann man etwas ausrichten; 'n , nicht im wilden Anstürmen will Gott gedient sein. Die Situation ist sehr ernst; — verhalten Sie sich ganz ruhig; blinder Eifer schadet immer und kann namentlich in dieser wichtigen Sache Alles verderben. Thun Sie gar nichts, Herr Simon! Sie reizen die Leute nur; mir aber wird es sicherlich gelingen zu retten, was zu retten ist." Ich begab mich zu unserm Herrn Rabbiner. „Ich kann mir denken, weßhalb Sie kommen," empfing mich dieser. „Glauben Sie mir sicher, lieber Herr Simon, mir ist sehr wehe bei der Sache, Sie kennen mein Princip: — nur keine extremen Schritte; von der äußersten Reform ebensoweit entfernt, wie von der starren Orthodoxie, halte ich die goldene Mitte als den einzig richtigen Standpunkt für einen Rabbiner der Gegenwart. Ich rüste mich für den morgigen Kampf; er wird heiß sein; aber ich hoffe, daß meine Gemeindevertreter, mit welchen ich jetzt schon seit dreißig Jahren in Frieden zusammen bin, mir auch in dieser unglückseligen Angelegenheit folgen werden. Ein Extrem in der einen Richtung erzeugt auf der andern Seite das Extrem. prr6 diPip otw mp1?!, Frieden mit den Neuen, Frieden mit den Alten, das ist meine Devise, für welche ich noch stets meine Gemeinde zu gewinnen gewußt habe. — Freilich, freilich — wird es dieses Mal sehr schwer halten! Sorgen Sie nur dafür, daß in der Gemeinde keine Stimme gegen den Antrag laut werde; das würde nur Oel in's Feuer sein. Rur Ruhe auf Seite der Frommen — dafür zu wirken, das muß Ihre angelegentlichste Sorge sein." „Verzeihen Sie, wenn ich mir die Bemerkung erlaube," entgegnete ich, „daß mir eigentlich nicht recht klar ist, worin die Schwierigkeit bei dieser Angelegenheit gesunder! werden kann. Ich sehe gar keinen Kampf und begreife nicht, wie Sie sich zu einem solchen zu rüsten haben. Wenn Sie, als Rabbiner, die Einführung einer Orgel als ungesetzlich erklären und morgen Abend den Vorstehern und Repräsentanten ganz einfach eröffnen, die Verwendung einer Orgel beim Gottesdienste sei -hdk, so wird über den Antrag gar nicht debattirt und der Antragsteller selbst ist der Erste, welcher sich Ihrer Autorität fügt. Sie wissen ja sehr wohl, daß unter den sämmtlichen Herren kein Einziger ist, welcher in Gemeindeangelegenheiten Ihrer religionsgesetzlichen Entscheidung zuwiderhandcln möchte." „Der Weg, den Sie mir vorzeichnen, ist ein sehr ebener," erwiderte der Herr Rabbiner, „es ist der des non i)o.88umn8, des bequemen kategorischen Rein der strengen Orthodoxie. Wenn ich also handeln wollte, dann wäre mir nicht die schönste Frucht meiner amtlichen Wirksamkeit: das Bewußtsein, den Frieden in der Gemeinde erhalten und jeder Spaltung vorgebeugt zu haben, zu Theil geworden. Rein, nein, bester Herr, das ist nicht meine Weise, das widerstrebt meiner Art. Ich trage lieber die Mühe und den Kampf und sichere der Gemeinde die Segnungen des Friedens. — Gehen Sie ruhig nach Hause, verlassen Sie sich auf mich; — ich hoffe nicht den Tag zu erleben, an welchem die Orgel in unsrer Gemeinde ertönt." Der Herr Rabbiner war in ein elegisches Pathos verfallen; er dünkte sich erhaben in dem Gefühle, etwas ungemein Schwieriges erkämpfen zu wollen. Wem: ich nicht zu genau mit unsres Herrn Rabbiners „Art" vertraut gewesen wäre, so würde mir sein ganzes Auftreten räthselhaft erschienen sein. — Er will keine Orgel; erweis;, daß nur ein einziges Wort genügt, um deren Einführung zu hindern — dennoch will er dieses Wort nicht sprechen! Er zieht es vor, einen viel mühsamer» Weg zu betreten, statt des klar und eben vor ihm liegenden. Warum? — Weil er sich scheut, positiv zu erklären, daß die Einführung der Orgel -kdx ist. Und warum scheut er sich, diese einfache religionsgesctzlick,c Entscheidung zu treffen? Weil er nicht als zur starren Orthodoxie gehörig verschrien werden möchte, und zwar aus Schwäche und Eitelkeit. Aus Schwäche, — weil er mit sich nicht klar ist, ob er im gegebenen ernsten Falle den Muth und die Kraft besitzen würde, ernstlickfft gegen die Orgel aufzutreten und für seine religiös Ueberzeugung einen wirklichen Kampf zu bestehen. Er fühlt im Gegentheile, daß er höchst wahrscheinlich „nachgeben" würde, wenn es ernst wäre, daß er in einen Kamps ganz bestimmt nicht eintreten würde. Aus Eitelkeit, — weil er sich so gern rühmen hört, etwas Besonderes zu sein; weil cs sein Ruhm ist, die Gemeinde, welcher er vorsteht, „fromm" und „fortgeschritten" genannt zu hören; weil er sich gern den Preis zuerkennt, mit ausnehmender „Pastoralklugheit" alle Klippen weise zu umschiffen; weil er sich von den „Frommen", den „Orthodoxen", ebem'o wohl wie von den „Reformern", „Aufgeklärten" geliebt und gepriesen sehen möchte. An dem denkwürdigen Abende erschien der Herr- Rabbiner in der Sitzung, würdevoll und feierlich, und setzte den Herren Vorstehern und Repräsentanten auseinander, daß die Orgel eigentlich gar kein geeignetes Instrument für den Gottesdienst sei. Der hiesige Superintendent habe ihm erst gestern das Geständniß gemacht, daß er für seine Person es sehr bcdaure, daß diese Art Kirchenmusik von dem Protestantismus adoptirt worden sei. Er wäre viel mehr für eine Vocalmusik wie in der Synagoge.