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Der Israelit · 1881-03-16 · Heft 11 (16.3.1881) · page 9

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Journal
Der Israelit
Volume
22 (1881)
Issue
Heft 11 (16.3.1881)
Date
1881-03-16
Page
– (sequence 9)
Language
German
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LÄ * >. *yjjsi&I. Jahrgang. Erste Beilage zu ilt. 11 des Israelit. Leitender Artikel. Aus dem jüdischen Hemeindeleben. Von Naphtali Simon. III. In den Kreisen unsrer Orthodoxen herrscht eitel Jubel und Freude; — sie beglückwünschen sich zu einem errungenen Siege. Ihr Oberhaupt schreitet stolzen Sinnes soeben an mir vorüber; — doch er besinnt sich; — er kehrt zu mir zurück und redet mich an. „Wer ist nun der Weisere?" fragt er selbstbewußt. „Sie mit Ihrem Starrsinn hätten das niemals erreicht; — im Gegentheile, Sie hätten die Einführung der Orgel veranlaßt, Sie würden durch Ihre fanatische Schroffheit gereizt und das llebel bcraufbeschworen haben. Mir zu Liebe haben die Eollcgien gegen die Orgel gestimmt; ich habe cs bei Alten durchgesetzt. Den glänzenden Sieg haben Sie mir zu danken." Ohne meine Erwiderung abzuwarten, geht er weiter — der Moltke unsrer Orthodoxie — und überläßt mich dem beschämenden Gefühle meiner Beschränktheit und Winzigkeit seiner eigenen Größe gegenüber! Jawohl, der Mann ist groß, und seine Knappen sind todesverachtende Streiter für die Sache des Glailbens — wer wagte das jetzt noch zu bezweifeln? Sie haben einen Sieg errungen — das haben vor ihnen auch schon Andere vermocht — ihr Sieg aber war ohne Kampf, ein Sieg ohne Gegner, ein Sieg im tiefsten Frieden. — Das ist die Größe meiner wackeren frommen Gemeindegenossen! Aber der „Sieg" ist auch ihrer würdig; — wo Lorbeeren so billig sind, da ist auch der Einsatz nicht groß. Ich glaube mir jedoch ein kleines Verdienst zu erwerben und den Dank der tapferen Sieger zu verdienen, wenn ich als Geschichtsschreiber dieses ruhmwürdigen Ereignisses der Chronik unsrer Zeit dessen Einzelheiten diplomatisch genau überantworte. Kleine Ursachen, große Wirkungen — dieser Ersahrungssatz der Geschichte spiegelt sich auch in unsrer Siegesrelation wider. Eines unsrer verdienstvollsten Vorstandsmitglieder war leider während des vergangenen Winters erkrankt und die Aerzte riethen ihm zum Beginn des Frühjahrs eine längere Kur in einem der heilkräftigsten Badeörter Deutschlands an. Von den besten Segenswünschen der Gemeinde begleitet, reiste er in Gesellschaft seiner ältesten Tochter, einer hochgebildeten, für Musik und Poesie schwärmenden jungen Dame, ab. Die jüdische Gemeinde des Badeortes hatte vor einigen Jahren eine neue Synagoge, ein herrliches Gebäude, errichten lassen und in derselben einen gänzlich „veredelten" Gottesdienst mit prächtigem „gemischten" Chore und Orgelbcgleitung cingeführt. Die kunstsinnige, feinfühlende Tochter war ganz „entzückt" von diesem „himmlischen" Gottesdienste, und der fern von den Geschäften nur seiner Gesundheit lebende Vater, welcher nichts Besseres zu thun hatte, ließ sich von diesem „frommen" Kunstenthusiasmus des Töchterleins anstecken. Beide schrieben die begeistertsten Briefe in die Heimath; und der Herr Papa unterließ auch nicht, unserem Herrn Rabbiner sowohl wie unserm Herrn ersten Vorsteher anzukündigen, daß er in der Muße des Badelebens den Plan gefaßt habe, für die „Veredelung" unsres Gottesdienstes bei seiner Heimkehr entsprechende Vorschläge zu machen. „Er habe erst jetzt eingesehen, daß wir doch in Manchem noch sehr zurück seien, und betrachte es deßhalb als seine Pflicht, die wiedergefundene Gesundheit durch ein ferneres Unternehmen zu feiern." In der ersten Woche nach seiner Heimkehr führte er diesen Entschluß dadurch aus, daß er eingehend motivirt den Antrag einbrachte, in unfern Gottesdienst eine Orgel einzuführen, zu deren Anschaffung er die beträchtliche Summe von dreitausend Mark beizusteuern gelobte. Der Vorstand nahm dieses hochherzige Anerbieten mit freudiger Dankbarkeit zur Kenntniß. Nach unsrer Gemeiudeverfassung haben über Veränderung des Cultus beide Collegien unter dem Vorsitze des Rabbiners zu beschließen. Es wurde deßhalb eine solche gemeinschaftliche Sitzung der Vorstands- und Repräsentanten-Collegien anberaumt und der Herr Rabbiner davon in Kenntniß gesetzt. Ich suchte das schon mehrfach erwähnte Haupt der Orthodoxie aut, um ihn zu bestimmen, bei dieser Angelegenheit einmal mit allem Eifer rückhaltslos aufzutreten. Der würdige Herr lehnte dieses mit aller Bestimmtheit ab.

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