Der Israelit
- Journal
- Der Israelit
- Volume
- 22 (1881)
- Issue
- Heft 11 (16.3.1881)
- Date
- 1881-03-16
- Page
- – (sequence 8)
- Language
- German
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260 die räuberischen Wirthe mit großem Erstaunen von der wunderbaren Eigenschaft, welche der Erde innewohnen sollte, mit der sie das Kästchen Nachums gefüllt hatten. Der Wirth und seine Frau beluden einen ganzen Wagen mit dieser Erde und brachte!: sie nach Rom. lim diese Zeit hatten sich die Dacier an der untern Donau empört. Der Kaiser übertrug den Oberbefehl gegen die Dacier dem Cornelius Fuscus, dem Präfecten der Prätorianer; ihm sollte die Erde aus Brundisium den Sieg erringen helfen. Allein dieselbe versagte jede Wirkung. Der Anführer der Dacier, Dccebalus, zog sich mit seinen Schaaren aus den Ebenen Mösiens zurück und verlockte dadurch den Fuscus, über die Donau zu gehen und der rückgängigen Bewegung seiner Truppen so lange zu folgen, bis er sich mit Bortheil an ihm vergreifen konnte. Trotz der ausgestrenten Erde ans Brundisium erlitten die' Römer eine vollständige Niederlage; Fuscus fiel in der Schlacht; Tausende römischer Soldaten bedeckten das Schlachtfeld; die Adler der Legionen fielen als Siegcstrophäen in die Hände der Feinde. — Als diese Nachricht nach Rom kam, ließ der Kaiser den Wirth aus Brundisium und seine Frau ergreifen; sie wurden unter den schrecklichsten Qualen getödtet und erhielten so die verdiente Strafe. Es war ein freudiges Wiedersehen, als Akiba nach Hause kam und seine Frau und seine Kinder umarmte. Die Geschenke des Kaisers, von denen auch ihm ein Antheil zugekommen war, reichten hin, um den bescheidenen Ansprüchen seiner Familie für längere Zeit zu genügen. So durfte er hoffen, sich wiederum ungestört der heiligen Gotteslehre widmen zu können. Als er aber seinen geliebten Lehrer aufsuchte, fand er diesen in einem schrecklichen Zustande. Nachum war ans beiden Augen erblindet, an Händen und Füßen gelähmt und Geschwüre bedeckten seinen ganzen Körper. Als Akiba ihn erblickte, sing er laut an zu weinen. „Rabbi," rief er, „wieso bist Du in diesen schrecklichen Zustand gerathen?" „Ich selbst," antwortete Nachum, „habe mir das Alles zugezogen. Ich wollte einen Besuch machen in dem Hause meines Schwiegervaters, und bei mir waren drei Esel, beladen mit Speisen, Getränken und allerlei Kostbarkeiten. Als ich ankam, stellte sich mir ein Armer in den Weg und bat: Gib mir zu essen, Rabbi, sonst sterbe ich Hungers! — Warte, antwortete ich ihm, bis ich abgeladen habe. — Noch war ich mit Abladen beschäftigt, als der Unglückliche starb. Da rief ich aus: Wehe, wehe, ich habe den Tod dieses Mannes verschuldet! — Ich warf mich über ihn und sprach: Meine Augen, die Dein nicht geschont haben, mögen erblinden; meine Füße, die gezögert haben, Dir zur Hilfe zu kommen, mögen erlahmen; meine Arme, die Dir nicht rechtzeitig Nahrung gereicht, mögen erstarren, — und mein Körper möge sich mit Geschwüren bedecken!" „Wehe mir," rief Akiba, „daß ich Dich in diesem Zustande erblicke!" „Wohl mir," antwortete Nachum, „daß ich die Strafe für niein Vergehen in dieser Welt erhalte." Trotzdem Nachum ans seinem Schmerzenslager lag, hörte er nicht auf, seine Schüler in der heiligen Thora zu unterrichten. Als einst während eines harten Winters viel Schnee gefallen war, konnte das leichtgebaute Haus, in welchem sich Nachum befand, die schwere Schneelast nicht tragen und drohte einzustürzen. Die Schüler beeilten sich, das Bett des kranken Lehrers hinauszutragen. Nachum aber sprach: Meine Kinder, räumt erst die Gefäße hinaus; denn ich weiß, so lange ich mich in diesem Hause befinde, wird es nicht einstürzen. — Und so geschah es. Nachdem das ganze Haus ausgeräumt war, trugen die Schüler das Bett des kranken Lehrers ins Freie. Kaum hatten sie mit ihm das Haus verlassen, als dieses zusammenstürzte. Nur noch kurze Zeit währte Nachums Krankheit; bald nachher beweinte ganz Israel den Tod des großen Lehrers. Akiba beschloß nun, nach Jabueh zu gehen, wo damals die größten Lehrer Israels lehrten. An der Spitze der Hochschule stand Nabbon Gamliel, der Fürst. Er war ein Nachkomme Hillels, und seine Familie war jetzt seit länger als hundert Jahren in dem Besitze der fürstlichen Würde. Auf Hillel war dessen Sohn Schimeon gefolgt, auf diesen dessen Sohn Gamliel; auf diesen dessen Sohn Rabbon Schimeon ben Gamliel, der im Kriege des Vespaskauus umgekomnren war. Sein Sohn Gamliel war damals noch zu jung, um zum Fürsten der Gotteslehre erhoben zu werden; deßhalb war Rabbi Jochanan ben Sakai an dessen Stelle getreten. Nach dem Tode desselben hatte man Rabbon Gamliel zum Oberhaupte erwählt. Ihm standen die großen Lehrer Rabbi Elieser ben Horkinas und Rabbi Josua ben Chanania zur Seite. Außer ihnen gab es noch viele große Männer in Jabneh, von denen wir nur Rabbi Tarphon und Rabbi Jochanan ben Nur: nennen wollen. Hier war der Ort, wo der heilige Born der Gotteslehre in reichster Fülle sprudelte; hier konnte Akiba seinen gewaltigen Wissensdurst befriedigen. (Fortsetzung folgt.) Hierzu drei Beilagen. oetaum>ovtl*che Redactton: Dr. rehmann in Mainz. — Berlag nio Expedition des „Israelit" große Bleiche 45. 3 CS'ottgleben’S B'.ichdrrrckerei s n.'ain.rer Anzeiger).