Der Israelit
- Journal
- Der Israelit
- Volume
- 22 (1881)
- Issue
- Heft 10 (9.3.1881)
- Date
- 1881-03-09
- Page
- – (sequence 12)
- Language
- German
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nur Unglück gehabt. Wenn man weiß, daß unter den 96,000 Einwohnern Barmens nur 240, unter den 93,000 Elberfelds nur 1100 Israeliten sind, so wundert man sich, daß überhaupt eine Judenhetze bei uns in Scene gesetzt werden konnte; und das Fiasko der im December v. Js. in Elberfeld veranstalteten öffentlichen Versammlung zur Unterschreibung der Förster'sckien Petition war vorauszusehen. Seitdem haben unsere Antisemiten eingesehen, daß es besser ist, im Dunkeln zu munkeln, indes; mit wenig Glück. Der Oberlehrer einer hiesigen höheren Lehranstalt sammelte im Stillen Unterschriften für die Petition, aber die Sache ward ruchbar und der öffentliche Unwille äußerte sich so stark, daß er das Sammeln aufgab. In Elberfeld gründete mau Ende Januar einen „christlich-deutschen Reform-Verein", der ein Programm voll schöner Phrasen anfstellte, aber nichts weiter ist, als ein Sammelpunkt füralle diejenigen Elemente, welche, sei es aus Eoncurrenzneid, fei es aus anderen Gründen, den Juden etwas am Zeuge zu flicken suchten. Die conservativeu und ultramontanen Blätter unseres Thales brachten in schöner Harmonie sehr svmpatlsische Berichte über die Sitzungen dieses Vereins, aber zwei Vorfälle der jüngsten Zeit enthüllten seine wahren Tendenzen und reichten hin, ihn in der öffentlichen Meinung unmöglich zu machen. Der Kassirer des Reform- Vereins, ein Manufaeturwaarenhändler, hatte bei einem seiner Israel. Eoncnrrenten, um ihm Unsolidität Nachweisen zu können, einen kleinen Posten Kaschmir kaufen lassen, war aber damit gründlich hercingcfallen, denn nicht nur fand er beim besten Willen an der Waare nichts anszusetzen, sondern der Israelit hatte auch gemerkt, für wen der Posten geholt worden war,' und sandte mm andern Tages seinem Herrn Eoncnrrenten — 12 Pfennige zurück mit dem Bemerken, Wiederoerkäufern gewähre er einen Rabatt, somit kämen Jenem noch die beifolgenden 12 Pfg. zu Gute. Der Vorfall drang in die Oeffentlichkeit, und vergeblich suchte der christlich-deutsche Reformvcrein durch langathmigc Erklärungen diese Abtrumpsnng abzuschwächen. Ein zweiter Fall, der ein noch bezeichnenderes Streiflicht auf den Verein wirft, kam in der letzten Sitzung, am verflossenen Dienstag vor. In dieser Sitzung wurde der Antrag, am 26. Febr. zu Ehren der Vermählung des Prinzen Wilhelm ein Fest zu begehen, ans Vorschlag des Vorsitzenden abgclchnt, weil erstens der Prinz sich noch nicht um das Vaterland verdient gemacht habe und weil zweitens der Vater des Prinzen, unser Kronprinz, ein ausgesprochener Freund der Inden sei. Desgleichen wurde der Antrag auf Absendung einer Glückwunschdepesche an den Kaiser abgelehnt. Das war selbst dem oben erwähnten Mannsaetnrwaarenhändler zu stark, erlegte seinen Kassirerposten nieder und erklärte seinen Austritt aus dem Verein. Das dürfte der Anfang zu einer Zerbröckelung des ganzen Reformvereins sein. Das Licht der Oeffentlichkeit können eben solche Bestrebungen von Dunkelmännern nicht ertragen. Oesterreichisch-Ungarische Monarchie. Pefth, 3. März. Herr Victor Jstoczy hat heute durch volle anderthalb Stunden im Abgeordnetenhause über die Judenfrage declamirt. Anlaß dazu bot seine Interpellation über das Verbot der antisemitischen Studenten - Versammlung. Dieselbe lautet: „Mehrere Pesther Universitäts-Hörer beabsichtigten für den 11. Februar eine Conserenz zu dem Zwecke einznbernfcn, daß dort die Judenfrage mit Rücksicht auf die Universitäts-Verhältnisse und überhaupt, soweit sie unser Land interessirt, erörtert werde. Die Abhaltung der Eonserenz hat die Polizei verboten, aus dem 'meritorischen Grunde, daß in der Versammlung eine Discussion solcher Fragen beabsichligt wurde, „welche zur Anfachung des Racenhasscs führen könne, deren Verhandlung demnach im Interesse der öffentlichen Ordnung und Sicherheit nicht gestattet werden könne." Diesen polizeilichen Bescheid hat der Minister des Innern vermöge der Motive des Bescheides bestätigt. Abgesehen davon, ob diese antisemitische Versammlung von Universitäts- Hörern einberufen wurde oder nicht, von welchem Umstande auch die Motivirung beider Bescheide keine Erwähnung macht, und in Anbetracht, daß die fragliche Verfügung der Behörde und der Negierung als ein für die Zukunft gefährliches Präcedens wirken könnte, frageich den Herrn Minister: Welche Erwägungen bestimmten ihn, der in dem citirten polizeilichen Bescheide enthaltenen meritorischen -'Motivirnng beizutreten und ans Grund derselben ein polizeiliches Verbot gegen die Abhaltung der antisemitischen Versammlung zu bestätigen?" Anfänglich erregte die mit grimmigem Pathos vorgctragene Rede die Aufmerksamkeit des Hauses; als sich jedoch bald heransstellte, daß Herr Jstoczy nur ein Rachbeter Stöcker's und Henricls, daß er nicht im Stande sei, der Frage eine neue Seite abzugewinnen, bemächtigte sich des Hauses Ungeduld und Langweile, und zum Schlüsse sprach Jstoczy vor beinahe leeren Bänken. Minister-Präsident Tisza antwortete sofort unter gespanntester Aufmerksamkeit. Seine nachstehend mitgethcilten Worte fanden bei allen Parteien die günstigste Aufnahme. Er sagte: „Geehrtes Hans! Trotz der vorgerückten Stunde werde ich die Interpellation sofort beantworten, ohne mich jedoch auf