Mannheim
Compact Memory

Der Israelit · 1881-03-09 · Heft 10 (9.3.1881) · page 11

Scan of the page
Image: UB Frankfurt, Visual Library (IIIF)
Journal
Der Israelit
Volume
22 (1881)
Issue
Heft 10 (9.3.1881)
Date
1881-03-09
Page
– (sequence 11)
Language
German
Belongs to
journal issue
OCR quality
96% known words query
IRI
…/2446951-2447850-2447860--17324-2473341
Visual Library
page viewer of the UB Frankfurt

Mentioned entities

OCR text

1 entity mentions

235 Ü l so könnte ich heute die Mehrheit der Gemeinde für mich und meinen Widerstand gewinnen. Aber schauen Sie sich doch diese mit Noth zusammengebrachte Majorität an. Eines Therls sind es Leute, welche nur persönlich einen Gefallen tlmn wollen, anderen Theils sind es kleine, unvermögende Gemcindemitglieder. Ich hätte aber die maßgebenden, angesehenen Personen mir zu Feinden gemacht. Diese nehmen jei>t noch Rücksicht aus mich — bei dem Jubiläum des Iustizraths haben Sie ja gesehen, wie intin^ ich mit ihnen stehe — sie begnügen sich heute ans Schonung für mich mit diesen unwesentlichen Abänderungen, — als solche hat sie auch der Herr Rabbiner bezeichnet; — stoße ich sic aber zurück, dann verlangen sie noch viel mehr und wir können cs nicht hindern. >3 oll ich dann mit diesen kleinen Leuten eine besondere Gemeinde gründen? — Folgen Sie mir, verhalten Sie sich ruhig; wir rönnen noch sehr zufrieden sein, anderswo ist es noch ärger. Ich bin Ihnen N2D2, so lange ich lebe, kommt keine ernste Reform; das haben mir die Herrn allesammt versprochen." „Aber verehrter Herr," entgcgnete ich, „eine jüdische Gemeinde hat vor Allein das Gesetz aufrecht zu halten, sie am allerwenigsten darf es verletzen. Ich kann mir keinen größeren Hohn denken, als in der Verletzung des jüdischen Religionsgesetzes bei dem öffentlichen Gemeindegottesdienfte liegt. ' Sie sanerioniren durch den Vergleich, den Sie bereits Angegangen sind, diese Uebertretung des Gesetzes, und Sie und doch das Haupt der Orthodoxie! Wenn Sie Ihre Stimme dagegen erheben, wenn Sie die lauen Gesinnungsgenossen ermuntern, Ihnen zur Seite zu stehen, wenn Sie protestiren gegen die Gesetzesverlctzung, dann thun Sie doch jedenfalls Ihre Vrlicht, selbst wenn Sie augenblicklich keinen praktischen Erfolg sehen; dann sind Sie buchstäblich nssm tsnpo, denn es heißt ■ -pro 'nmpji, Gott will zunächst im jüdischen Kreise geheiligt werden. Sch aber haben Sie Theil an der Entweihung des göttlichen Namens, das ist zunächst der offen geübte Ungehorsam, welcher allsabatlich begangen wird. — Und wenn Sie lieber bei Ihren angesehenen „Gesetzesverächtern" wohnen, als sich mit den unvermögenden kleinen Leuten, welche aber gewissenhafte, treue Juden sind, zu vereinigen — so spricht sich hierin, verzeihen Sie, eine Gesinnung aus, welche auf keinen Fall eine jüdische, eine gottessürchtige genannt werden kann. Und wenn Sie damit Ihr Gewissen beruhigen, daß, so lange Sie leben, nichts Schlimmeres erfolgen wird, so dürfen Sie sich dabei nicht beruhigen, wenn es Ihnen ernst mit dem Judenthum ist, wenn Sie haben wollen, daß auch Ihre Kinder und Enkel fromme Inden bleiben. Sie versündigen sich inehr, als die diese beanspruchen gar nicht die Anerkennung als c!p!is, als ca-sr Sie aber wollen als solcher gelten und verrathen Gott und Sein Gesetz!" Ich war gegen den alten Mann heftig geworden; es thnt mir leid, aber ich konnte nicht anders. Er erbleichte und schaute zu Boden. „Ich will Ihnen Ihre harten Worte nicht übel nehmen," sagte er nach einer Weile, „ich weiß. Sie meinen es ehrlich. Aber folgen Sic mir. Ich bin älter; es ist so vernünftiger, wie ich handle. Unterlassen Sie alle agitatorischen Schritte — richten Sie sich nur dieses eine Mal nach dem erfahrenen älteren Manne; zd nesn Tv‘ T-N heißt es ja. „Ja, das werde ich thun," erwiderte ich entrüstet; „thun Sie cs aber auch. Sehen Sie Raschi ein Dwzsjn wn den Vater, den ich befragen soll, daß sind die Propheten, das ist vor Allem D'K’in-i 'td ’dn niPQ, Moses, der Gottesmann, aus dessen Hände wir die Thora erhalten haben, und die Alten, an welchen Sie mich verweisen o’oann iTx das sind unsere Weisen, die Tanaim, Amanaim und Geonim, die großen Männer, welche uns in der praktischen Anwendung des Gesetzes in jeglicher Lage, in jeglichem Verhältnisse unterwiesen hübe. Ihnen werde ich folgen und nach meinen schwachen Kräften und nach meiner besten Einsicht meine Pflicht thun." Seitdem habe ich es mit dem Haupte unserer Orthodoxie gründlich verdorben. Er nennt mich einen starrsinnigen, eigenwilligen Hitzkopf, der keine Vernunft aunehmen will. So führen wir hier in unserer jüdischen Gemeinde ein heiteres Phäakenleben. Neue und Alte, Orthodoxe und Aufgeklärte wandeln Hand in Hand, Niemand stört den Andern, Gottesdienst und Schule werden nach orthodox - neologischen Grundsätzen geleitet, um das volle ganze Judenthum kümmert sich kein Mensch, unsere Gemeinde ist das Musterbild einer jüdischen Gemeinde, in welcher kein Streit, kein Hader eine Stätte findet, in welcher die Ncologie nicht fanatisch und die Orthodoxie sehr tolerant ist, sin welcher es sich so angenehm und behaglich ohne Aufregung lebt, in welcher kein Wort des Ernstes, der Mahnung daran erinnert, daß mir Juden sein sollen, Hüter des göttlichen Gesetzes, gehorsam Gottes Geboten. Zeitungsnachrichten und Correspondenzen. Deutschland. Barmen, 27. Febr. Die antisemitische Agitation hat, schreibt man der „Tribüne" von hier, wie anderswo, so auch im Wnvperthale, bis sitzt <

Text as recognised by OCR (ABBYY FineReader), without corrections. Entity mentions: TagMe (2021); their positions were matched to this text again.