Der Israelit
- Journal
- Der Israelit
- Volume
- 22 (1881)
- Issue
- Heft 10 (9.3.1881)
- Date
- 1881-03-09
- Page
- – (sequence 10)
- Language
- German
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234 eines Orthodoxen bereitet ihnen nicht den geringsten Scrupel, sein Beispiel ist für sie kein Vorwnrf; ihr Judenthum besteht, wie dieses unser Herr Präses, der Justizrath, bei seinem Amtsjubiläum so klar ausgesprochen hat, in dem kurzen Satze: Thue recht und scheue Niemand und lasse Jedermann nach seiner Fagon selig werden!" Und unsere „extremen Orthodoxen" — ach, die sind so zahm und harmlos, daß sie kein Wasser trüben möchten! Jenes Programm unseres verehrten Justizraths - Vorstandspräses wurde von Niemandem beifälliger ausgenommen, als von unsern Orthodoxen. Es war ein ergreifender Moment, als bei dem Banket, welches dem Jubilar zu Ehren gegeben ward, „das greise Haupt unserer Orthodoxie" nach dem vorhin angeführten Trinksprnch sich erhob, um mit dem Präses, „dem Haupte unserer Fortschrittlers anzustoßen. „Sie haben mir vollkommen aus der Seele gesprochen, verehrter Justizrath," sagte er „das ist auch mein Grundsatz." Und die beiden würdigen greisen Oberhäupter umarmten sich tief bewegt Angesichts der bewegten Gemeinde! Ja, unsere Orthodoxen, das sind tapfere Männer! Sie schätzen sich glücklich, wenn ein „Fortschrittler" ihnen die Hand schüttelt; sie betrachten es als eine Gunst, daß man es ihnen nicht verübelt, wenn sie am Sabbat ihr Geschäft schließen und ihre Haushaltungenkoscher führen; sie preisen laut die Toleranz der „Neuen", welche in dem Wochentags-Gottesdienste noch keine „Neuerungen" eingeführt wissen wollen und welche sich au einigen Abänderungen der Sabbatuud Feiertags-Liturgien vor der Hand ein Genüge sein lassen. Sie haben gar kein Verständniß für das, was das Individuum von der Gemeinde zu beanspruchen berechtigt ist. Statt sich zu sagen: wohl, wir haben uns um das Privatleben unserer Genossen nicht zu kümmern, hierfür mag Jeder Gott selbst Rechenschaft ablcgcn, — aber das Gemeindeleben, da gilt nicht ihr und nicht unser Wille, da gilt allein das Gesetz, welches der einzige Boden einer jüdischen Gemeinde bildet, für welches sie da ist, für welches sie die Anstalten herzurichten und zu erhalten hat, die zur Beachtung Desselben erforderlich sind; die Gemeinde ist für die Thora da, im Gemeindeleben gilt nur das Gesetz, die Gemeinde hat sich lediglich „nach dem Schulchan-Aruch zn richten" — gestehen sie den „Neuen" das Recht zu, in der Gemeinde nach Majoritätsbeschlüssen der Willkür zu verfahren und die Decrete der Vorstands- und Nepräsentanten-Collegien als die summa lex zu proclamiren. Sie haben die Bedeutung einer jüdischen Gemeinde vergessen, haben vergessen, wie die Gemeinde nur die einzige Ausgabe hat, den Gehorsam, welchen wir Alle dem Gesetze schulden, in ungetrübtestem Ausdrucke als das Nätionalbekenntniß der Gesammtheit zu bethätigen. Wenn der Einzelne in einer Stunde der Schwäche, unter dem Einflüsse einer Leidenschaft, unter der Herrschaft des Jrrthums nicht immer sich treu erweist seiner Pflicht, so soll und kann die Gemeinde in ewig gleicher Treue, Vorbild und Mahnung für den Einzelnen sein, nimmer abzuweichen von Gott und Seinem Gesetze, nimmer zu schwanken in der Erfüllung seiner Obliegenheit, nimmer zu ermübeit in der Bethätignng unverbrüchlicher Unterordnung unter Gottes Gebot. Und was der Einzelne nicht vollführen kann, iveil seine 51 rüste nicht ansreichen, die Gemeinde kann Alles, — ’jy -i^ä die Gesammtheit ist niemals zu schwach und zu unvermögend, no die Gesammtheit ist unsterblich, ihr wachsen täglich neue, frische, jugendliche Arbeiter zu,' welche vollenden, was gestern begonnen, welche weiter streben in erneuter Begeisterung, in erneuter Rüstigkeit ont£?:3 vry’ x1?' w:' w „Sie erheben Adler gleich die Schwingen, sie streben rastlos, ermüden nimmer, sie wandeln die Vorgesetzte Bahn und ermatten nie." (Jeschajah 40, 41) — das gilt insbesondere von der Gemeinde Jakobs. An diese hehre Bedeutung, an diese in die Ewigkeit reichende Bestimmung der Gemeinde denken meine „Orthodoxen" aber nicht, ja sie nennen denjenigen, welcher daran erinnern möchte, ebenfalls einen Ideologen, gerade wie unser Herr Gemeindcsecretär mich bezeichnet. Als vor etlichen Jahren jene „unwesentlichen", dennoch aber gesetzeswidrigen, Abänderungen in dem Gottesdienste vorgenommen werden sollten, mit welchen sich die „Neuen" vor der Hand befriedigt erklären wollten, begab ich mich zu dem „Haupte der Orthodoxie" in unserem Kreise, um ihn "zu veranlassen, seinen gewichtigen Einfluß für die Abwendung dieser Ungesetzlichkeit aufzubieten. Ich wies ihm nach, daß er dieselben verhindern könnte, wenn er mit aller Energie sich dagegen erheben würde, wenn er es nicht scheuen würde, eine Agitation gegen das gesetzwidrige Borhaben der Verwaltungsorgane in's 'Werk zu setzen. Er gestand mir dieses zu, weigerte sich aber entschieden, in dieser Weise vorzugehen. Der Herr ist sehr wohlhabend, angesehen und völlig unabhängig — was waren die Gründe seiner Weigerung? „Glauben Sie es mir sicher, lieber Herr Simon," sprach er zu mir, „Sie können nicht schmerzlicher durch eine Veränderung unserer Gebetordnung berührt werden, wie ich; — aber was sollen wir machen — wir sind in der Minorität. Sie haben recht, ich könnte es durchsetzen, wenn ich mich mit den Vorstehern und Repräsentanten Überwerfen wollte, daß dieselbe unterbleibt. Wenn ich eine freie Versammlung einbcrnfe und mir sonst Mühe geben würde,