Mannheim
Compact Memory

Der Israelit · 1881-03-09 · Heft 10 (9.3.1881) · page 9

Scan of the page
Image: UB Frankfurt, Visual Library (IIIF)
Journal
Der Israelit
Volume
22 (1881)
Issue
Heft 10 (9.3.1881)
Date
1881-03-09
Page
– (sequence 9)
Language
German
Belongs to
journal issue
OCR quality
94% known words query
IRI
…/2446951-2447850-2447860--17322-2473339
Visual Library
page viewer of the UB Frankfurt

No entity mentions on this page.

OCR text

XXH. Jahrgang. Erste SeUage zu Nr. 1v des Israelit. Leitender Ar 1 ikel. Uus dem jüdischen Hemeindeleöen. Von Naphtali Simon. II. Es giebt keine glücklichere Gemeinde, als diejenige, welcher ich anzugehören so glücklich bin. Wir sind so einig, so sriedlich, so zufrieden, so stolz aus uns selbst, daß wir uns in derThat als eine Mustergemeinde betrachten. Differenzen zwischen Nepräsentanten und Vorsteher, Streitpunkte zwischen Rabbiner und Verwaltung sind bei uns unerhört; nur ganz ausnahmsweise, wenn durch den unerbittlichen Tod, welcher auch unsere lang bewahrten Gemeindeoberhäupter nicht verschont, ein vaeanter Vorstandssessel oder ein erledigter Rcpräseutanteusitz eines neuen Inhabers harrt, regt es sich ein ganz klein wenig in der Gemeinde. Obgleich nämlich die Mitglieder unserer Verwaltungsorgane nur auf etliche Jahre gewählt werden, so bedeutet die erstmalige Wahl eine lebenslängliche, weil wir so vortrefflich sind, daß wer von uns eimual an den grünen Tisch kommt, ganz unzweifelhaft seines Amtes so treulich waltet, das Niemand daran denkt, ihn jemals durch eine bessere Kraft zu ersetzen. Gr wird mit apodiktischer Gewißheit jedes Mal wieder gewählt. Freilich bethciligt sich kaum der achte Theil unserer stimmberechtigte!! Gemcindemitglieder bei den Wahlen — aber das geschieht nur, weil die fehlenden sieben Achttheile die Wiederwahl als so selbstverständlich ansehen, daß sie es als Zeitverschwendeung erachten, zur Wahlnrne zu schreiten, und das eine erschienene Achtel repräsentirt nur die ex officio anwesenden Herren Vorstands- und Repräsentanten- Collegcn, sowie die nächsten Freunde und Anverwandten der zur Wiederwahl Stehenden. Wenn aber der Tod dem langjährigen, verdienstvollen Wirken des Einen oder Andern ein jähes Ende bereitet, dann regt es sich, wie bereits erwähnt, ein ganz klein wenig in den Wählerkreisen. Von einen! „Prinzipienkampfe" ist aber beileibe keine Rede, einen solchen kennen wir gar nicht. Es handelt sich dann lediglich darum, ob der Ehrgeiz des Herrn N. N. oder der Ehrgeiz eines andern Herrn 9t. N. befriedigt werden soll. Denn wir sind hier sehr stolz auf die Ehre, uns zu verwalten und zu vertreten; wir sind eine sehr feine, gebildete, reiche Gemeinde. Wir haben den angesehensten Vorstand, einen Justizrath, einen Geheimen Eommerzienrath, einen gewöhnlichen Eonrmerzienrath, einen Sanitätsrath, einen Rechtsanwalt; wir haben den gefeiertsten Kanzelredner unserer Stadt zum geistlichen Oberhaupte; wir haben die schönste Synagoge weit und breit; wir haben den besten Heldentenor unserer hiesigen Sänger zum Obereantor; wir haben den besten - — ja Alles, was wir haben, ist das Beste! Wir sind auch keine Reformgemeinde, bewahre! „Leben und leben lassen", heißt es bei uns — „die extremsten Gegensätze vereinigen sich friedlich in der Gemeinde", so schließt der jüngste Rechenschaftsbericht, unterzeichnet von Vorstands- und Repräsentantcn-Eollcgien; und „Brutus ist ein ehrenwerther Mann", was unsere Herren Vorsteher und Nepräsentanten erhärten und drucken lassen, muß wahr sein. Und gewiß, es ist wahr; wir haben keinen Slreit und Zwietracht in unserer Gemeinde und unsere ex- „tremsten Parteien" sind sehr friedfertiger Natur. Freilich sind unsere „Extremen" nicht so wilder Art, daß das goldene Zeitalter bei uns angebrochen wäre, in welchem nach des Propheten Worr „Wolf und Lamm friedlich beisammen weilen, der Panther mit dem Zicklein ruhig lagert; Kalb, Löwe und Etier zusammen grasen" — denn unsere „Extremen" haben nichts von dein Blutdurst des Wolfes, tragen keine Spur von des Panthers Wildheit an sich und haben vom Löwen nicht einmal die Mähne. Unsere „extremen Fortschrittler" sind so anfgekärt und gebildet, daß sie sich für die Aufklärung und den Fortschritt längst nicht mehr echauffiren. Das jüdische Gesetz genirt sie nicht im Geringsten, sie kennen es kaum; sie belächeln milde jene „naive, kindliche Anschauung," welche noch in dem Wahne befangen ist, Gott habe in der That auch noch für uns, die europäischen Söhne des aufgeklärten Zeitalters, jene auf orientalische Lebensgewohuheitcu und Verhältnisse berechnete Satzungen vorgeschriebeu, ja sic haben nur ein mitleidiges Achselzucken für den „einfältigen Glauben", daß Gott, der Schöpfer des Universums, dergleichen Gesetze, wie solche im Pentateuch ausgezeichnet sind, überhaupt erlassen habe. Sie sprechen es mit Emphase aus, daß sie jede redliche religiöse Ueberzeugung achten und keinen Groll gegen den „Orthodoxen" hegen; und das Letztere ist vollkommen wahr, denn die ängstliche Gewissenhaftigkeit

Text as recognised by OCR (ABBYY FineReader), without corrections. Entity mentions: TagMe (2021); their positions were matched to this text again.