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Der Israelit · 1881-03-09 · Heft 10 (9.3.1881) · page 7

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Journal
Der Israelit
Volume
22 (1881)
Issue
Heft 10 (9.3.1881)
Date
1881-03-09
Page
– (sequence 7)
Language
German
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231 Fettilleton Ukiba. x. „9£im, Akiba," fragte Clemens, „betrachtest Du Dir die Wunderwerke unserer prächtigen, weltbeherrschenden Roma?" „Rom ist groß und schön und herrlich," entgegnete Akiba, „aber all sein Sinnen und Trachten ist nur auf den Genuß des irdischen Lebens gerichtet; alle diese Herrlichkeiten werden einst zerfallen, wie die Götter, die hier angebetet werden." „Nimm Dich in Acht, Akiba, und zügle Deine Zunge. Cigeutlich sollte ich als Prätor, als oberster Richter dieser Stadt, wozu mich des Kaisers Gnade für die Dauer des Germanischen Feldzuges gemacht hat, Dich wegen Beleidigung der Götter bestrafen lassen. Doch fürchte nichts. Du stehst unter dem Schuye eines Höheren, wie ich es ja bei der Ueberfahrt über das Meer gesehen habe. Aber ich bemerke zu meinem Erstaunen, daß Du unsere Sprache jetzt geläufig sprichst. Komm mit mir in mein Haus! Ich will Dich meiner Gemahlin vorstellen; Domitilla wünscht schon lange, Dich kennen zu lernen." Die Gemahlin des Clemens, Domitilla, war eine Cnkeliu des Kaisers Bespasian, eine Schwestertochter der beiden Kaiser Titus und Domitian. „Hier," sprach Clemens, als er mit Akiba das Gemach seiner Gemahlin betrat, „bringe ich Dir unsern jüdischen Gast, dessen Gebet wir es verdanken, daß wir nicht im Meere ertrunken sind." „Sei mir willkommen, mein Gastfreund," sprach Domitilla; „ich sehne mich schon lange danach, Dir meinen Dank abzustatten." „Ich muß diesen Dank zurückweisen, Herrin," sagte Akiba. „Nicht um meinetwillen hat Gott das Schiff errettet, sondern weil mein Lehrer sich darauf befand, der ein frommer, heiliger Mann ist und für den Gott schon manches Wunder gethan hat; ich aber bin nur ein unbedeutender Schüler, ein Anfänger in den Wissenschaften." „Wenn Du auch erst ein Anfänger bist," sagte Clemens, „so hast Du doch gewiß schon viel gelernt. Mit Erstaunen habe ich bemerkt, wie schnell Du während Deines kurzen Aufenthaltes in Rom Dich der lateinischen Sprache bemächtigt hast. Du sprichst unsere Sprache nicht allein correet, sondern auch mit der Eleganz eines Cicero." „Wer ist Cicero?" fragte Akiba. „Cicero," antwortete Clemens, „war ein römischer Senator, der größte Redner unseres Volkes. Die Reden, welche er im Senate gehalten, sind mustergilttg. Unsere Jugend bildet sich danach. Er war auch ein Philosoph, und das Vaterland hat ihm viel zu verdanken." „Was ist ein Philosoph?" fragte Akiba. „Philosoph," antwortete Clemens, „bedeutet eigentlich: Freund der Weisheit. Ein Philosoph wird ein solcher genannt, welcher durch seine eigene Vernunft die schwierigsten Fragen menschlicher Forschung zu beantworten sich bemüht, der, abgesehen von den Lehren der Religion über die Götter, ein System des Weltalls und der Weltenlenkung aufstellt und die Sittenlehren nicht nach den überkommenen Vorschriften, sondern nach den Ergebnissen des eigenen Nachdenkens regelt. Einer meiner Freunde, Artemidorus, ist ein großer Denker und Lehrer der Weisheit. Wenn Du es wünschest, so werde ich Dich mit ihm bekannt machen." „Ich werde Dir dankbar dafür sein," antwortete Akiba. „Mein heißester Wunsch ist, von gelehrten Männern zu lernen." „Du hast mir," sagte Clemens, „noch nicht Deinen Glückwunsch ausgesprochen zu der hohen Würde eines Prätors, eines obersten Richters dieser Stadt, die mir des Kaisers Gnade verliehen." „Das Amt eines Richters," sagte Akiba nachdenklich, „birgt eine schwere Verantwortlichkeit in sich. Das Gericht ist Gottes, heißt es in der heiligen Schrift. Der Richter, lehren die Weisen, welcher wahrhaft und recht urtheilt, ist gleichsam ein Genosse Gottes beim Schöpfungswerk. Der Richter muß, wenn er zu Gericht sitzt, der Hölle Abgrund zu seinen Füßen schauen, denn die schwersten Strafen treffen ihn, wenn er leichtsinnig und unbedacht sein Urtheil fällt. Um wie viel mehr, wenn er Bestechung nimmt oder sonst absichtlich die Wahrheit fälscht! Und zu solch einem Amte soll ich Dir Glück wünschen? Das ist eine schwere Last, unter welche Du Deine Schulter beugtest." „Du fassest," sagte, Clemens lächelnd, „diese Aufgabe viel strenger auf, als sie jemals ein Römer aufgefaßt hat. Für mich ist das Amt eines Prätors eine hohe, säst kaiserliche Ehre, der Inbegriff der höchsten Macht während der Abwesenheit des Imperators. Um die Person des Herrschers dreht sich in Rom Alles; sein Wille ist Gesetz." „Gestatte mir, o Herr," sagte Akiba, „Dich niit den Lehren des Judenthums in Bezug auf diesen Punkt bekannt zu machen. Einst, in grauer Urzeit, lebte ein glückliches Geschlecht auf Erden. Männer und Frauen erreichten ein hohes Alter und kannten weder Krankheit noch Schmerzen. Die Erde gab reichlich ihren Ertrag, und Niemand wußte von Nahrungssorgen." „Das goldene Zeitalter!" unterbrach ihn Domitilla. „Wohl, Herrin," fuhr Akiba zu reden fort,

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