Mannheim
Compact Memory

Der Israelit · 1881-03-09 · Heft 10 (9.3.1881) · page 3

Scan of the page
Image: UB Frankfurt, Visual Library (IIIF)
Journal
Der Israelit
Volume
22 (1881)
Issue
Heft 10 (9.3.1881)
Date
1881-03-09
Page
– (sequence 3)
Language
German
Belongs to
journal issue
OCR quality
95% known words query
IRI
…/2446951-2447850-2447860--17316-2473333
Visual Library
page viewer of the UB Frankfurt

No entity mentions on this page.

OCR text

Von keinem geschichtlichen Ereignisse jedoch, das das Volk zur Beherzigung sür kommende Geschlechter, in Fest- und Feiertagen verewigt hat, trifft dies in dem Maße zu, wie von der Geschichte des Purimfestes. Die Gestalten und Erscheinungen, die die Geschickte dieses Festes verewigt, sie treten nur zu oft in leibhafter Wirklichkeit vor uns, und darum stand die traurige und zugleich freudige Geschichte desselben, bis auf die Gegenwart, in wirklicher Beziehung, zu den Schicksalen des israelitischen Volkes. Denn nie gab's eine Zeit, in der nicht einzelne Haman-Typen sich an das jüdische Volk heranwagten und irgend einen Mißton, selbst in die freudevollen Zeitabschnitten desselben hineintrugen. Nie gab's eine Zeit, in welcher Jakob mit den sich ihm feindlich cntgegenstellenden Elementen nicht ringen mußte; nie hat der traurige Wechsel der Erlebnisse das israelitische Volk ganz von lügenhaften Beschuldigungen, von Verläumdungen und Verfolgungen verschont. Und wenn Jemand an dieser Wahrheit, durch die freundliche Gestaltung der Gegenwart getäuscht, zu zweifeln begonnen, so werden ihm die unbegreiflichen Wendungen in den Ereignissen der letzten Zeit gezeigt haben, daß die Geschichte dieses Festes nicht nur ein Denkmal trauriger Vergangenheit, sondern ein solches, das weit in die Gegenwart hineinragt; sie werden ihm zu Gemüthe geführt haben, daß Israel nie der Lehre dieses Festes: „Es schläft und schlummert nicht der Hüter Israels," entrathen kann; werden ihm in Worten unserer unsterblichen Weisen in Erinnerung gerufen haben, welche lehren: so c6 N1? rwn nnisr, 'v'i nnnt> -ot jcn daß die Geschichte Hamans, nur ein Vorbild für die Verfolgungen und Anfeindungen aller Zeiten sein sollte (Mechilta zu M. 2. 17, 13.) Und so war es wirklich stets. Zwar treten die Hamane verschiedenerZeiten, mit verschiedenerKampfesweise auf: bald offen, bald verhüllt, bald wieder verschwinden dieselben auf kurze oder längere Zeit überhaupt, um dann unvorhergesehen den nichts ahnenden Wehrlosen anzufallen. Und welches sind dann die thörichten Wahngebilde, die diesen Haß erregten? Ist ihnen in unserer Zeit leichter entgegenzutreten, sind sie jetzt wirksamer zn bekämpfen, als sie es vor einigen Dezennien waren, wo die religiöse und politische Gleichstellung der Juden sich noch vollzogen hatte? Mit Nichten! Der Grundzug aller dieser Bewegungen war stets ein und derselbe; die Gestalt, die nämliche, wie sie sich in der drei Jahrtausende alten Geschichte gezeigt. Was vor über drei Jahrzehnten ein berühmter jüd. Kanzelredner über diese grundlosen Verläumdungen gesagt, es illustrirt auch Wort für Wort die Angriffe unserer jetzigen Feinde; und liegt eine besondere Ironie des Schicksals darin, daß der Herausgeber seiner Schriften dazu bemerkt: Es sei Vieles in der kurzen Zeit, seitdem diese Worte geschrieben und gesprochen, besser geworden. Sehen wir, ob's auch in unserer Zeit besser geworden, daß die Worte des Redners nicht auf dieselbe passen. „Versuchet es," sagt derselbe, „diesen euren Feinden entgegenzutreten, mit welchen Waffen, mit welchen Worten, mit welcher Rede wollt und könnt ihr dies thun; ihr werdet euch des Unholdes nimmer bemächtigen. Verharret, bleibet in eurem Kreise bescheidentlich ruhig; pfleget in stiller Abgeschiedenheit eures heiligen religiösen Besitzthums: „Sie sind ein abgeschlossenes Volk, sie sind zähe und eigensinnig, sie mögen mit der Umwelt nichts zn schaffen haben. Das ist der alte Dünkel, der Hochmuth der Auserwählung, der alle Andere als gering und unwürdig ihrer Gemeinschaft erscheinen läßt!" Tretet hinaus aus euren Grenzen, verlasset sie, tretet dahin, wo euch das Leben nicht mit Schranken und Gittern, mit Thoren und Mauern verrammt ist, und ihr seid die Vordringlichen, die Fürwitzigen, Leute, die überall obenan, obenauf sein wollen und sind, vor denen man nie und nirgends Ruhe hat, die uns aus Schritt und Tritt folgen, deren lästiger Nähe nirgends zu entrinnen ist! — Bleibet daheim, wie es noch vor einem halben Jahrhundert der Fall war, brütet über euren Glaubensbüchern, wühlet in den Schachten eurer Wissenschaft, bewegt euch in den Tiefen und Gründen eurer heimischen Weisheit, — und die Frage wird sein: „Was hat Israel zn dem Maße allgemeiner Bildung beigetragen? Hat es den Schatz der Erkenntniß gemehrt? Hat es zur Erweiterung irgend eines Wissensgebietes beigcsteuert?" — Nun sind die Zeiten anders geworden, und es hat sich ergeben, daß des Geistes Kraft und des Denkens Fähigkeit und der Wissenstrieb in unserer Mitte wahrlich nicht ohne Frucht und Ertrag geblieben. Es hat das so lange zurückgedrüngte, in seinen eigenen Grenzen eingebannte Israel, doch mindestens dem vorangeeilten Siegeswagen des vorwärtsstrebenden Menschengeistes Nacheilen können; es hat versucht und redlich gestrebt, Versäumtes nachzuholen, — siehe! und schon fürchten sie wieder, daß die Lehrstühle und Rednerbühnen entweihet und entwürdigt könnten werden durch uns!" Gehen wir das wirre Durcheinander der Anklagen, die jetzt so vielfach gegen das israelitische Volk erhoben werden weiter durch, und wir werden sehen, daß die Judenfeinde mit ihren falschen grundlosen Beschuldigungen, keine Fortschritte gemacht haben; denn nicht nur in das Arsenal eines Friedr. Schlegel, Eisenmenger und Consorten, sondern auch in die Jahrtausende alte Hamanswerkstatt müssen die modernen Judenfeinde sich begeben, wenn sie Waffen gegen das israelitische Volk schmieden wollen. Es giebt aber kein schöneres Zeugniß für Juden und

Text as recognised by OCR (ABBYY FineReader), without corrections. Entity mentions: TagMe (2021); their positions were matched to this text again.