Der Israelit
- Journal
- Der Israelit
- Volume
- 22 (1881)
- Issue
- Heft 10 (9.3.1881)
- Date
- 1881-03-09
- Page
- – (sequence 2)
- Language
- German
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226 Vater, der ihn mit der größten Sorgfalt Zu erziehen sich bemühte, verspottete. Da er nun in früher Jugend König wurde, begann er mit der größten Wildheit und Ausgelassenheit zu regieren. Er mißhandelte seine Mutter; seinem Großvater legte er allerlei verfängliche Fragen vor und ließ ihn später tödten. Er that, was böse war, in den Augen des Ewigen und vollbrachte all die Gräuel der Heiden. Er errichtete Altäre dem Baal und den großen Himmelskörpern in den Vorhöfen des heiligen Tempels; er opferte seinen Sohn dem Moloch und verführte sein Volk zu allem Bösen; er vergoß unschuldiges Blut in Menge und füllte damit Jerusalem an von einem Ende zum andern. Die Geschichte Menaschehs, des Sohnes des frommen Ehiskijah und der edlen Ehephzi-Boh, der Tochter des großen Propheten Jeschajah, muß jedes Menschenherz mit der tiefsten Trauer erfüllen. Wie konnte der Sohn eines so würdigen Elternpaares ein solch entarteter Mensch werden) Nur durch die damaligen Zcitverhältnisse können wir diesen betrübenden Umstand erklären. Judah lebte inmitten einer heidnischen Welt. Der Dienst des einzigen Gottes verlangt Sittenstrenge. Rechtschaffenheit, Bändigung der Leidenschaften, und legt dem Bekenner der Wahrheit unzählige Entbehrungen auf. Der Götzendienst dagegen gestattet die volle Entfesselung der Leidenschaften und die Befriedigung aller Neigungen und Lüste. Daher der kaum besiegbare Trieb zum Götzendienste in jenen Zeiten.. Die Verführungen, denen das jetztlebende Geschlecht ausgesetzt ist, sind ähnlicher Art. Solange Israel abgesperrt war, bot sich der Verführung nicht so leicht Gelegenheit. Wer Gottes Gebote entweihen und sich den Lüsten des sündigen Lebens hingeben wollte, mußte ganz ausscheiden aus Israels Mitte. Heute treten die Verlockungen an jeden Einzelnen hinan in tausenderlei Formen- Schon in der Schule werden den Kindern Dinge gesagt, die den Lehren des Judenthums zuwiderlaufen. Da wird gelehrt, daß cs gar nicht möglich sei, daß Gott die Welt in sechs Tagen erschaffen habe; die Welt habe viele hunderttausend Jahre zu ihrer Entstehung gebraucht. Je mehr der Knabe heranwächst, desto größer werden die Verführungen und Verlockungen. Die Gesellschaften, die inan besucht, die Zeitungen, die inan täglich liest — überall wird der Abfall von der Lehre des Judenthums gepredigt. Auf Seiten des Judcnthums nichts als Entbehrungen und Hindernisse, auf Seiten des Abfalls Genuß und Bequemlichkeit und Befriedigung der zügellosen Leidenschaften. Dcßhalb verspotten die klugen Kinder die frommen, einfältigen Eltern. Als Ehiskijah es inne wurde, daß Menascheh seiner spottete, da zog er sich von ihm zurück. Das hätte er nicht thun sollen. Man muß das Brod anschneiden, wo es hart gebacken ist. Je größer und gefährlicher die Verführungen und Verlockungen sind, desto mehr Liebe, Sorgfalt, Ernst und Strenge müssen die Eltern darauf verwenden, damit sie ihre Kinder den Lehren unsrer heiligen Religion, den Gesetzen unsres Gottes, der ewigen Wahrheit erhalten, und dazu ist der Sabbat, der uns frei von Sorgen und Geschäften findet, die geeignetste Zeit. Da beobachte Deine Kinder, Du liebevoller Vater, da unterhalte Dich mit ihnen und belehre sie; da laß Dir sagen, was sie die Woche hindurch gelernt haben, und berichtige die etwaigen falschen Dinge, die man sie gelehrt hat, da erzähle ihnen aus der schriftlichen und mündlichen Lehre; da erkläre ihnen die Gesetze und auch die Gebräuche Israels, wie sie alle auferbaut sind auf festem Grunde, auf dem Boden der Wahrheit und Sittlichkeit, der Reinheit, der Heiligkeit, und der Heiligung. — Und Du, o fromme Mutter, die Du die ganze Woche hindurch mehr oder weniger mit Deiner Haushaltung beschäftigt bist, am Sabbat wenigstens sollst Du es nicht versäumen, aus der Fülle des Mutterherzens die heiße Liebe für die Religion der Väter in das zarte Gemüth der Kinder derart einzupflanzcn, daß sie nie wieder daraus schwinde! Und solltet Ihr bemerken, daß sich irgendwie eine böse Neigung, im Kinderherzen festgesetzt hat, so lasset neben der Liebe auch die Strenge walten und bedenket, daß man das Brod da anschneiden muß, wo es hart gebacken ist. (Fortsetzung folgt.) Iudenfeindliche Schtagworte einst und jetzt. Eine Betrachtung zu Purim, von S. H. Deutsch in Rawitsch. Die Geschichte Israels hat das eigenthümliche Gepräge, ein lebendiges Bild für alle Zeiten zu sein. Es sind ewige Lehren und unvergängliche Wahrheiten, die sie, indem sie die wechselvollen Ereignisse derVergangercheit uns enhüllet, uns als Mahnung und Trost stets zuruft. Wer mit Aufmerksamkeit in diesem Buche der Vergangenheit blättert, der wird in den daselbst verzeichneten, wundersamen Schicksalen der Väter stets etwas finden, das als ewige Wahrheit in die Gegenwart hineinleuchtet, und in irgend einer Beziehung zu den Vorgängen und Ereignissen s. Z. gebracht werden kann. Sie ist daher ein ewig sprudelnder Quell der Offenbarung, ein Heroldsruf an alle Zeiten und kommenden Geschlechter, der, so oft gehört, uns neue Wahrheiten enthüllt, neue Gedanken in uns weckt; und oft sind es spätere Ereignisse und» Erscheinungen, die uns das Verständniß der längst verflossenen erschließen.