Mannheim
Compact Memory

Der Israelit · 1881-03-02 · Heft 9 (2.3.1881) · page 18

Scan of the page
Image: UB Frankfurt, Visual Library (IIIF)
Journal
Der Israelit
Volume
22 (1881)
Issue
Heft 9 (2.3.1881)
Date
1881-03-02
Page
– (sequence 18)
Language
German
Belongs to
journal issue
OCR quality
93% known words query
IRI
…/2446951-2447850-2447859--17298-2473314
Visual Library
page viewer of the UB Frankfurt

No entity mentions on this page.

OCR text

218 fernzuhalten, hat in hiesigen jüdischen Kreisen große Mißstimmung hervorgerufen. Die Juden befinden sich in schlechterer Position, seitdem der Berliner Kongreß das Princip der Gleichberechtigung ohne Unterschied der Confession in Rumänien durchgeführt wissen wollte. Die Antisemitcnhetze in Deutschland hat ihr Theil dazu beigetragen, daß die Fortschritts- Idee in Rumänien vorläufig in ihrem wohlthätigen Walten gehemmt ist; denn die Rumänen finden'in dem Gebahren Stöcker's und Genossen nur eine Aufmunterung in ihrer ablehnenden Haltung gegenüber dem Bestreben der Juden, aufrichtige Bürger des rumänischen Staates zu werden. Italien. Rom. Der Advocat Eesar Parenzo von Rovigo wurde in die Deputirtenkammer gewählt. Mit ihm haben nunmehr sieben Israeliten Sitze in der Kammer. Der DeputirteCorenzini (Christ) hat der Handelsschule der Fratellanza Jsraelitica 1000 Lire geschenkt. F r a n k r e i ch. Paris. Ter Fond zur Creinieuxslistung hat Ende Deccmber die Summe von 65655 Frs. erreicht. Feuilleton. Aus dem Hagebuche eines Iezirks- Aabbiners. xm. Hattenfels, im October 1880. Das Resultat der Schulprüfung, die ich am Nachmittag vornahm, hat mich nicht überrascht, trotzdem es ein ungewöhnlich klägliches war. Ich sagte mir vorher, daß wenn es Herrn Lautenschläger gelungen wäre, sein gesammtes Wissen der ihm anvertrauten Jugend einzupropfen, das Resultat immerhin noch ein überaus unzulängliches wäre. Nun wird aber Herr Lautenschläger doch noch ein bischen Weisheit für sich behalten wollen, wie viel wird da auf die Kinder kommen? Dabei war das, was die Kinder bei Herrn Lautenschläger nicht gelernt hatten, noch nicht einmal so schlimm, als das, was sie ja gelernt hatten. Schon am Freitag hatte ich Herrn Lautenschläger ersucht, mir eine schriftliche Aufstellung der Pensa vorzulegen, die in den einzelnen Klassen seiner Elementarschule erledigt worden waren. Das Verzeichnis fiel schon dürftig aus; aber die wirklichen Leistungen entsprachen noch nicht einmal denen auf dem Papier; und zwar selbst nicht in den nichtjüdischen Fächern. Der Gesang war das einzige Fach, das Herr Lautenschläger mit vieler Hingebung gepflegt hatte. In allen anderen Fächern herrschte aber eine solche Unwissenheit, daß selbst dem mich begleitenden Herrn Vorsteher die Schuppen von den Augen zu fallen anfingen und er ganz verdutzt drein schaute. Herr Lautenschläger entschuldigte sich damit, er habe nicht gewußt, das; ich auch die außerjüdischen Gegenstände prüfen würde, sonst hätte er seine Schüler besser darauf vorbereitet. Ich erfuhr bei dieser Gelegenheit, daß das Bischen Jüdisch nichts als bloße Dressur war; es war in den letzten vier Wochen erst eingedrillt worden. Nicht ein einziges Kind konnte auch nur geläufig hebräisch lesen; übersetzt wurden die nns-in m^y und bjn&i” ycip, aber das war auch das Maximum aller Leistungen, ts'c:n wurde gar nicht unterrichtet, weil, wie Herr Lautenschläger meinte, es durch den biblischen Geschichtsunterricht ja vollständig überflüssig sei. Dagegen hatten einige Kinder Gedichtchen auswendig gelernt, die sie zur Erhöhung der Prüfungsfeierlichkeit vortragen sollten. Ich leistete jedoch Verzicht auf den poetischen Genuß zum unbeschreiblichen Entsetzen des Herrn Lautenschläger, dem ein so poesiefeindlicher Barbar noch nie vorgekommen war. Religion dagegen wurde viel in der Lautenschläger'schen Schule getrieben; so versicherte er mich wenigstens, und ich hätte es auch ohne seine Versicherung geglaubt. Sie läßt sich leichter unterrichten als üben. In Münster liegt übrigens Religion geradezu auf der Straße. Denn es haben sie dort schon so viel verloren, daß man sich wohl nur zu bücken braucht, um sie scheffelweise einheimsen zu können. Daß Herr Lautenschläger selbst nicht viel Religion hatte, spricht nicht dagegen. Er hat seine Schüler so viel gelehrt, daß für ihn wahrscheinlich nichts mehr übrig geblieben ist. Zudem ist auch die Lautenschläger'sche Religion derart, daß man ihrem Besitzer nicht viel davon ansieht, wenn sie auch noch so reichlich vorhanden ist. Einem Juden ist sein Judenthum, ist seine sogenannte Mligion, Gesetz, göttliches Gesetz, das fast bei jedem «schritt des täglichen Lebens sich kundgibt. Wie religiös oder irreligiös ein Jude ist, muß sich daher in kurzer Zeit bei jedem Beobachter ergeben. Sein bloßes äußeres Auftreten, sein Genießen und Versagen, sein Arbeiten und sein Ruhen bekunden unwillkürlich den religiösen Ernst des Juden, roty, nr.io, ruwL, ^bp, ntren, nn’Dx mtOND, kurz alle njyy niso und n^yn »b rvso, ihre Beachtung oder ihre Verachtung geben den untrüglichsten/ ein-

Text as recognised by OCR (ABBYY FineReader), without corrections. Entity mentions: TagMe (2021); their positions were matched to this text again.