Der Israelit
- Journal
- Der Israelit
- Volume
- 22 (1881)
- Issue
- Heft 9 (2.3.1881)
- Date
- 1881-03-02
- Page
- – (sequence 12)
- Language
- German
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212 Gemeindefahne mit einer entsprechenden Aufschrift mit sich tragen. Die Katholiken werden außerdem noch Palmzweige in den Händen halten. Der österreichische General-Eonsul in Jerusalem mit seinem Personal, dann der türkische Militär-Gouverneur und ein Delegirter des lateinischen Patriarchen werden übrigens den Kronprinzeil schon in Jaffa begrüßen. Feuilleton. Die Jugendfreunde. Von A. Königshofen. VIII. Das Gerücht von dem durchgcbrannten Schwindler, der unter dem Namen eines Grafen Roterskoff bis in die hohen Kreise hinein die Personen am Narrenseile umhergefnhrt hatte, fand bald durch die Zeitungen seine Bestätigung. Herr Reicherssohn wollte zuerst in seinem Mißmuthe heute das Haus nicht verlassen, aber cs drängte ihn doch zu sehr, Näheres zu erfahren, und so begab er sich, sein gewohntes Plauderstündchen abzuhalten, nach der Börse. Eben bog er in die Bnrgstraße ein, als zu seinem Entsetzen Herr Posener vor ihm stand. Mußte der auch gerade heute ihm begegnen! Und so freundlich war der ».,err Posener, war das nicht Malice? schlecht verhehlte Schadenfreude? Nim mußte der unausstehliche Mensch ihn noch gar anreden und ihn dabei so scharf fipiren, als er sagte: „Eilen Sie doch nicht so! ich Hab' eine interessante Neuigkeit für Sie!" „Weiß schon, weiß schon!" schrie Herr Reicherssohn nrehr als er sprach. „Nicht möglich, ist doch eben erst fertig geworden." Herrn Reicherssohn fiel ein Stein vom Herzen, Posener wollte ihn nicht mit einer Mittheilung über Roterskoff ärgern, er dachte gar nicht an diesen, es war eine andere Neuigkeit, die er ihm mitzutheilen hatte. „Was ist fertig geworden?" fragte er hastig. „Was? der Schidduch mit Lilienstock-" „Gratulire!" „Sie fragen gar nicht mit wem?" „Jnteressirt mich nicht, ich habe Eile, entschuldigen Sie." „Hören Sie nur mit wem, cs interessirt Sie: Mit der Tochter von Banquier B., altes Berliner Haus. Wie gefällt Ihnen daS?" Bei Reicherssohn kochte cs im Innern. Wie viele Gedanken schwirrten ihm durch den Kopf! Seine ehrgeizigen Pläne — wie lächerlich hatte er sich mit ihnen gemacht; der Mann, den er sohochmüthig von der Hand gewiesen, verband sich mit einer der ersten Familien! Und der zudringliche Posener ließ ihn noch immer nicht: „Welche Neuigkeit haben Sie denn gemeint, von der Sie schon gehört?" „Nichts, nichts — schmutzige Geschichte-" „Ah so, Sie meinen die mit dem Schwindler, thut mir leid um Ihren Freund, er war gar pünktlich — aber ich will Sie nicht aufhalten, Adieu!" Es war gerade die richtige Zeit, daß Posener sich entfernte, sonst hätte sich doch noch die mit Mühe zurückgehaltene Wuth Reicherssohns über des Ehestifters Haupt entladen. — Seine trübe Stimmung wurde durch den Besuch der Börse um nichts gebessert, um so weniger, da Einer, welcher von den Beziehungen Roterskoffs zu Reicherssohn wußte, sei es aus Theilnahme, sei es aus Neugierde, aber keineswegs aus Malice, diesen fragte, ob er doch auch nichts an'dem Schwindler verloren habe? Verstimmt kam Reicherssohn nach Hause, verstimmt war er während des Essens. Seine Frau hatte sich vorgenommen, von der Affaire, welche sie durch die Zeitung erfahren hatte, nichts zu sprechen, sie wollte ihrem Manne nicht wehe thun, auch Emilien hatte sie ciugeschärst, des sogenannten Grafen nicht zu erwähnen, es würde den Vater schmerzen. Nach dem Essen nahm die Frau die Gelegenheit wahr, über Emiliens'Zukunft uiit ihrem Manne zu sprechen, sie hielt diesen Augenblick für den günstigsten »Zeitpunkt, da sie ihn sich durch das Vorkommniß mit dem Roterskoff als von feinem Größenwahn geheilt dachte. Sie erzählte, daß sie glaubte, Emilie und Heinrich sähen sich gegenseitig gern, diese einmal vereint zu sehen, sei ihr ein Herzenswunsch; sie betrachtete die Erfüllung dieses Wunsches als das höchste Glück, das siesich denken könnte. Und obwohl sie noch so sanft, noch so überzeugend sprach, obschon sie auf's Aengstlichste vermied, etwas zu sprechen, das nur im Entferntesten auf Roterskoff gedeutet werden und somit ihren Mann verletzen konnte: war die Wirkung doch eine entgegengesetzte. „Was," rief er entrüstet aus, „ein Mann ohne Stellung, ein verrückter Kerl! Denn wer fromm wird, ist verrückt — dem soll ich meine Tochter geben? Kann ich nicht so gut.wie Lilienstock mit den ersten Familien Berlins verwandt werden? Der Mucker! Dem? Nein, nein, wird nichts daraus." „Sprich das nicht so bestimmt aus, oder thu' es meinetwegen ja. Wenn Gott es bestimmt hat, so ändert Dein Nein an der Sache nichts, und Du wirst dennoch einst ja sagen. Aber auf den Jungen schiinpfe nur nicht, der ist brav und gut, von einem Heuchler hat der Junge nichts an sich." „Nichts? Kann er als gebildeter und aufge-