Mannheim
Compact Memory

Der Israelit · 1881-03-02 · Heft 9 (2.3.1881) · page 4

Scan of the page
Image: UB Frankfurt, Visual Library (IIIF)
Journal
Der Israelit
Volume
22 (1881)
Issue
Heft 9 (2.3.1881)
Date
1881-03-02
Page
– (sequence 4)
Language
German
Belongs to
journal issue
OCR quality
96% known words query
IRI
…/2446951-2447850-2447859--17284-2473300
Visual Library
page viewer of the UB Frankfurt

No entity mentions on this page.

OCR text

204 Andeutung meines ersten Herrn Vorstehers und bezeige ihm hierdurch meine Hochachtung für seine Belehrung. Uebrigens bin ich der unmaßgeblichen Meinung, daß cs nicht böser Wille war, wenn der Herr Vorsteher meine Frage nicht beantwortet hat, daß es vielmehr lediglich das Unvermögen war, welches ihm die Beantwortung derselben zur Unmöglichkeit machte. Ja, ich glaube, daß sowohl er, wie viele seiner Herren Eollegen in anderen Gemeinden über diese Frage niemals nachgedacht haben, weil sie sich solche niemals gestellt haben, weil sie niemals danach gestrebt haben, den Begriff einer jüdischen Gemeinde sich klar zu machen, weil sie thatsächlich nicht wissen, was eine jüdische Gemeinde ist, trotzdem sie — wie mein Herr Vorsteher — bereits ihr Vorsteherjubilänm feierlichst begangen haben mögen. Sie wissen es mir deshalb vielleicht Dank, wenn ich mit meinen schwachen Kräften zur Erweiterung ihrer Kenntnisse in etwas beitrage — vielleicht aber auch nicht. Als ich mich von dem Herrn Präses verabschiedet hatte, begab ich mich auf das Gemeindesekretariat, um daselbst meine «steuern zu bezahlen. Der Herr Gemcindcsekretär, ein wohlwollender, im Dienste der Gemeinde ergrauter Mann, welcher eigentlich die Angelegenheiten der Gemeinde allein lenkt und leitet, während die Vorstands- und Nepräsentantencoltcgieu nur ihr Ja und Amen zu seinen Vorschlägen, Verfügungen und Entscheidungen ertheilen, gewahrte meine Niedergeschlagenheit, welche ich über den Mißerfolg meiner wohlgemeinten Vorstellung empfand. Er erkundigte sich theilnehmend nach meinem Befinden, und ich theilte ihm die Ursache meiner Mißstimmung mit. „Nehmen Sie es mir nicht übel, lieber Herr Simon," entgegncte er lächelnd, „das hätten Sie doch voraussehen können; es ist ja nicht das erstemal, daß Sie diese Erfahrung machen. Zu welchem Zwecke verschwenden Sie" Ihre Zeit aus derartige Eingaben? Unser Gemeindewesen ist in vortrefflichster Ordnung und Blüthe, Sie können zit uns, der Verwaltung, unbedingtes Vertrauen haben; wir haben Einsicht Ultd Erfahrung in diesen Dingen; wir bedürfen wahrlich keiner Anregung und Belehrung von außen." Ich brachte meine Gegenbemerkungen an, und im Laufe der Unterhaltung legte ich auch ihm die verhänguißvolle Frage vor, was denn eigentlich eine jüdische Gemeinde sei? Der erfahrene gewiegte Beamte war um die Antwort nicht verlegen. " Er defiuirte diesen Begriff kurz und bündig dahin: eine jüdische Gemeinde sei eine Steuergemeinde von Juden eines begrenzten Bezirks. „Ja, aber es ließe sich doch auch eine jüd. Gemeinde denken, welche keine Steuern zu erheben habe, in welcher die Mitglieder, jedes nach eigenem Gutdünken und Ermessen ohne Steuerbeschreibung, ohne Steuerveranlagung, ohne jeglichenZwang zahlen, meinte ich. Das Wesen einer jüd. Gemeinde sei deshalb durch seine Erklärung nicht getroffen; die Erhebung oder Leistung von Abgaben hätte nur eine untergeordnete Bedeutung, sie sei das Mittel zum Zweck, aber nicht Selbstzweck. Die Gemeinde sei ein ideales Wesen, welches in der Steuerkasschncht seine Umgrenzung finde." „Sie sind ein Jdeolog," erwiderte derGemeindesckrctär, „eine Gemeinde ohne Steuersäckel ist wje das berühmte Lichtenberg'sche Messer, an welchem der Stiel und die Schneide fehlen." Ich glaube nicht zu irren, wenn ich es als die Ursache der vielfachen Mißstände in unserem Gcmeindelcben betrachte, daß auf die Frage: was ist eine jüdische Gemeinde? weder Vorstand, noch Beamte, noch Gemeindcmitglieder eine richtige Antwort zu ertheileu vermögen. Würde über den Begriff einer jüdischen Gemeinde, einer n?.-p, oder richtiger eine nrnp, in jüdischen Kreisen allgemeine Klarheit herrschen, so würden so trübe Erscheinungen, wie in der Gegenwart vielfach zu ^age treten, sicherlich nicht möglich sein. Wunderbar! Die erste Lesefibel unserer Kinder könnte uns über das Wesen der jüdischen Gemeinde Aufschluß geben, von dem lallenden Munde unserer Kleinen könnten wir die Weisheit vernehmen, aus der eigenen Erinnerung unserer frühesten Jugend würde uns Aufschluß ertheilt werden können — wenn wir nur Nachdenken wollten, wenn cs uns nur ernst wäre mit unserer Aufgabe als Jude, mit unserm Berufe als Israel, wenn uns die jüdische Gemeinde in der That etwas anderes wäre, als eine Steuer zahlende Vereinigung von Inden. Wie lautete doch der Satz, den uns" unsere Mutter lehrte, nachdem wir das Credo des Judenthums, das ycr, glücklich behalten hatten? Ich bin überzeugt, daß auch unser Vorsteher und unser Gemeindesecretär diesen Satz ihrer Mutter nachgestammelt haben — aber das ist schon lange, lange her. Damals hieß noch der erste Vorsteher rnph tp®n, und der Gemeindesekretär wurde T-pn genannt, damals gab es noch eine „Kehillah!" Dieser Satz, welcher uns das Wesen einerjüdischen Gemeinde offenbart, ist ja der alte Ausspruch „unseres Lehrer Moses": nan-a -wo rvs m-n n-np. „Gemeinde Jakobs! Die Thora, welche uns Moses geboten, sie ist das Erbtheil!" sie ist das ewige, bleibende Eigenthum der Jakobsgemeinde, sie ist das Gut, zu dessen Hüter und Pfleger die Gemeinde bestellt ist. Nicht das uns verheißene Land,

Text as recognised by OCR (ABBYY FineReader), without corrections. Entity mentions: TagMe (2021); their positions were matched to this text again.