Der Israelit
- Journal
- Der Israelit
- Volume
- 22 (1881)
- Issue
- Heft 9 (2.3.1881)
- Date
- 1881-03-02
- Page
- – (sequence 3)
- Language
- German
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203 _ Ich muß bemerken, daß ich zu der dritten Steuerklasse der Gemeinde zähle, mithin der misera plebs contribuens angehöre und es während dieser fast dreißigjährigen Gemeinde-Mitgliedschaft noch nicht einmal zu der geringsten Ehrenstelle gebracht habe. Ich hege auch nicht die ehrgeizigen Hoffnungen des wackcru David Lob Magdeburg und bescheide mich, dereinst rühmlos und still von der Welt zu gehen, ohne daß mein Leichensrein der Nachwelt verkündet, wie ich als „Parnaß" oder „Gabbai" oder „Kazin" in der Gemeinde geglänzt habe. Zur Erklärung der staunenswerthen Thatsaehe, daß ich dem hochgestellten Herrn Präses die Eingangs erwähnte Frage vorznlegen vermochte, ans welchem bedeutungsvollen Factum mit Recht geschlossen werden rann, daß ich mit diesem Herrn gewisse Beziehungen zu pflegen in der Lage bin, habe ich auzuführeu, daß ich von Zeit zu Zeit mir die Freiheit nehme, einem verebrlichen Borstandseollegio meine Wünsche in Betreff der Gemeinde in der Form von schriftlicheil gehorsamsten Vorstellungen zu erkennen zu geben. Ich bin in der Regel so unglücklich, mit diesen Eingaben das Mißfallen dieser hohen Behörde zu erregen, so zwar, daß mir in kurzen Bescheiden eröffnet wird: „Wir haben keine Veranlassung, auf den Inhalt Ihrer Eingabe einzugehen." Oester aber ereignet sich auch, daß meine Schriftstücke gar keiner Erwiderung gewürdigt werden. Ich bin nun freilich sehr geduldig und auch einsichtsvoll genug, um zu begreifen, daß der Vorstand wirklich sich nicht um jedes Schreiben sofort bekümmern kan'.l, welches von einem untergeordneten Mitgliede an ihn gerichtet wird. Ich sehe auch sehr wohl ein, daß eine rasche Beantwortung aller eingehenden Bitten, Beschwerden und Wünsche eine ganze Flnth von derartigen „Petitionen" erzeugen würde, während ein langsamer Geschäftsgang dem Mißbrauche des Petitionsrechts einen heilsamen Riegel vorschiebt. Deshalb pflege ich auch völlig sechs bis neun Monaten ruhig abzuwarten, bevor ich in Erwägung ziehe, ob das Vorstandscollegium von dem „Einlaufe" meines Schriftstückes Kenntnis; genoinmen hat — und ich verharre während-weiterer sechs bis neun Monate in erwartungsvoller Ruhe, bis ich mich dem Gedanken hingebe, daß jetzt wohl bald vielleicht eine Antwort anlangen könnte. Wenn sich aber auch das zweite Jahr nach dem denkwürdigen Datum meiner ehrerbietigen Vorstellung seinem Ende nähert, ohne daß eine Bescheidung erfolgt ist, dann fasse ich manchmal den kühnen Entschluß, unserm .Herrn Präses meine Aufwartung zu machen, um eine geneigte Beschleunigung meiner Angelegenheit zu erbitten. Also war es auch kürzlich der Fall. Vor zwei Jahren hatte ich mir die Freiheit genommen, die Aufmerksamkeit des Vorstands auf die Thatsache zu lenken, daß für den Religionsunterricht der armen Kinder gar nicht gesorgt sei, und demgemäß etwa 150 Kinder ohne jegliche Kenntnis; der Religion anfwachsen. Ich wagte bescheidentlich hieran die Melnnung zu knüpfen, daß die Errichtung eines Unterrichts in den entsprechenden Fächern für die Kinder Armer, welchen die Pforten der bereits bestehenden Religionsschule verschlossen seien, ein unabweisbares, dringendes Bedürfnis; sei, dessen Befriedigung der Gemeinde obliege. Da ich durch keinerlei direktes oder indirektes Zeichen irgend welchen Erfolg an meiner sehr eingehenden Vorstellung wahrgenommen hatte, so wollte ich inich mündlich bei dem Herrn Präses erkundigen, ob niein Schreiben vor zwei Jahren etwa in seine'Hände gelangt sei. Der würdige Herr konnte sich natürlich nicht sogleich meiner Eingabe entsinnen; ich möchte ihm deshalb den Inhalt derselben auseinandersetzen. „Ich erinnere mich", sagte er darauf, „ein Schreiben mit einem solchen Inhalte ist allerdings angelangt. Das Eollegknm hat aber schon lange beschlossen, über dasselbe zur TageSordilnng überzngehcn. Die Gemeinde kann sich nicht zu der Unterhaltung einer Armenschule für Religionszwecke entschließen. Diese Armen sind großtentheils erst während der letzten zehn Jahre ans der Fremde hier ansässig geworden; die Gemeinde hat sich nicht um dieselben zu kümmern." „Die Gemeinde kann aber doch wahrlich nicht sich der Pflicht entziehen, für den Religionsunterricht ihrer armen Kinder zu sorgen;" wagte ich zu bemerken; „so weit ich im Staude bin, über die finanzielle Lage der Gemeinde ans dem jüngsten Rechenschaftsberichte des Vorstandes ein llrtheil zu haben» stehen ihr doch Mittel genug zur Verfügung, so daß durch die Gründung einer Religionsschule für die Armen eine Erhöhung der Gemeindebeiträge nicht erforderlich sein wird." „Ich habe Ihnen eben erst gesagt," entgegnete der Präses unmnthig, „daß es nicht Sache der Gemeinde ist, hierfür Sorge zu tragen." „Nicht Sache der Gemeinde?" frug ich erstaunt; — was ist denn Sache der Gemeinde? — was ist denn eine jüdische Gemeinde?" — Der Herr Präses war nicht geneigt, sich mit mir in theoretische Ilntersuchungen über das Wesen einer jüdischen Gemeinde einzulassen; dergleichen Erörterungen gehörten in die Presse, meinte er; der Vorstand habe sich von praktischen Gesichtspunkten leiten zu lassen; Verwaltungsbehörden pflegten sich nicht über allgemeine Principien zu äußern, vielmehr nur von Fall zu Fall zu entscheiden. Indem ich an die Spitze dieser Zeilen die Frage, was ist eine jüdische Gemeinde? stelle, folge ich der