Der Israelit
- Journal
- Der Israelit
- Volume
- 22 (1881)
- Issue
- Heft 8 (23.2.1881)
- Date
- 1881-02-23
- Page
- – (sequence 6)
- Language
- German
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182 und so dem Judenthume tiefe Wunden schlagen oder noch öfters Beides in einer Person vereinigt, wie uns eine bekannte Schule Musterexemplare zeigt. Es gibt zwar eine Anzahl Reformlustiger, die die hohe Bedeutung des gründlichen talmudischen Wissens nicht erfassen und dasselbe auf ein bescheidenes Minimum beschränkt wissen wollen, die sich überhaupt über Gesetz und Sitte erhaben dünken. Das Urtheil derer ist jedoch Gottlob nicht das endgiltige. Die Ansicht ferner, junge Leute aufs Gerathewohl ohne Führung oder Leitung sich den Weg bahnen zu lassen, wie es früher Usus war, scheint in der Jetztzeit nicht angemessen, denn dies ist ein zu gefährliches Spiel. Entweder kommen diese jungen Leute nie zur festen Ueberzeugung, oder werden sie durch bittere Erfahrungen und schwere Enttäuschungen von ihrem Ziele abgelenkt. Ausnahmen sind sehr selten. Ein rechtes Mittel zur Abhilfe dieser Misere, wie sich der geehrte Correspondent richtig ausdrückt, dürfte nach meiner unmaßgebenden Ansicht folgendes sein: Es sollen Schulen gegründet werden, in die Knaben von 10 Jahren eintreten können und in denen von einem tüchtigen ->a?a gründlicher Unterricht in 'vn nwo tnpo mit allen dazugehörigen für das entsprechende Alter berechneten Unterrichtsgegenständen. wie hebr. Grammatik, bibl. und nachbibl. Geschichte re. gegeben wird und zugleich die Disciplinen, wie sie in den Gymnasien durchgenommen werden, von einem Gymnasiallehrer gelehrt werden. Ziel einer solchen Schule muß sein, gründliches talmudisches Wissen, das nicht nach Jahrgängen berechnet werden darf. Der junge Mann, der etwa mit 19 Jahren eine solche Anstalt verläßt, muß gut „lernen" können, er muß den Grad von Selbstständigkeit im „Lernen" erlangt haben, der ihn befähigt, auf Grund des gewonnenen Eapitals von jüdischem Wissen unter der Leitung eines guten *:n auf dem speciellen Gebiete der ro?n weiter arbeiten zu können. Was die profan-wissenschaftliche Ausbildung anbelangt, so kann es einem jungen Mann nicht schwer fallen, auf genanntem Wege sich die Gymuasialbildung anzueignen, die ihn befähigt, an einer Staatsanstalt des Gymnasialabsolutorium zu machen. Freilich könnte man entgegnen, daß eine derartige Privatvorbcreitung für das Gymnasialabsolutorium manche Lücken läßt, die bc$m später auszufütlen, nicht leicht sind. Es ist dieses' theilweise wahr, aber, muß man sich nicht sagen, daß der regelmäßige Besuch eines Gymnasiums das „Lernen," für das gerade in diesem Alter ein fester Grund gelegt werden soll, zu sehr beeinträchtigt? Ist es nicht natürlich, daß die Nebensache für die Hauptsache etwas leiden darf! Es gehört ja in den Bereich der Unmöglichkeit, junge Leute, die 9 Jahre hindurch eine öffentliche Schule besuchen, zum gen. Ziele bezüglich des Lernens zu bringen. Nur unter den denkbar möglichst günstigsten Verhältnissen wäre eine Ausnahme möglich, was also obiger Annahme immerhin die vollste Berechtigung läßt. Es bliebe also dem Lernen zu wenig Zeit und Kraft. Die Tage, an denen kein Unterricht in den Staatsanstalten ist, ein Theil der Ferienzeit müßten dazu benutzt werden, mit den genannten Anstalten so viel wie möglich gleichen Schritt zu halten, und die Möglichkeit liegt ja nahe, weil bei einer kleinen Schülerzahl der Unterricht von günstigerem Erfolg gekrönt ist, als bei einer größeren Zahl. Umgekehrt könnten diese Vortheile nicht aufs Lernen angewandt werden, denn dieses muß unausgesetzt ohne Unterbrechung betrieben werden. Wenn das, was an einem Tage mühsam beigebracht, mehrere Tage vernachlässigt wird, ist kein ersprießlicher Erfolg zu erhoffen. Wenn wir überdies den Zweck einer Gymnasialbildung vom pädagogischen Standpunkt aus betrachten, so gipfelt derselbe in dem Bestreben, den jugendlichen Geist zu entwickeln und zu schärfen, denselben für die großen Ideen des Alterthums empfänglich zu machen, veredelnd auf das Gemüth einznwirken, Herz urtb Verstand zu bilden, um so eine sittliche Grundlage für den später» Beruf zu geben. Sollte das eifrige Studium der hebr. Sprache, der Bibel, des Talmuds nicht im Stande sein, jene wohlthätige Wirkung hervorzubringen? Jeder Unbefangene wird zugeben müssen, daß dies in ausgedehntem Maße der Fall ist. Wir hätten auch nach dieser Richtung hin reichlichen Ersatz für das Verlorene. Endlich wahre '~i n»T aulangend bedarf cs wohl keiner weitläufigen Auseinandersetzung, wenn man behauptet, daß eine jüdische Anstatt unter streng jüdischer Leitung, die das unterrichtliche und erziehliche Moment zur Aufgabe hat, auch die vollste Garantie nach dieser Seite hin bieten kann. Diese meine Vorschläge sollen nur in der angeregten Frage die Discussion erleichtern, denn auf Grund eines posillven Planes läßt sich über eine Frage gründlicher debattircn. Ich würde mich glücklich schätzen, wenn ich durch Gegenwärtiges dazu beitragen würde, die tonangebenden Persönlichkeiten für diese Idee zu erwärmen und die Realisirung etwas näher zu rücken. Gebe bald eine günstige Aenderung der bestehenden Verhältnisse. Dr. G. T ach au er.