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Der Israelit · 1881-02-16 · Heft 7 (16.2.1881) · page 19

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Journal
Der Israelit
Volume
22 (1881)
Issue
Heft 7 (16.2.1881)
Date
1881-02-16
Page
– (sequence 19)
Language
German
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ergriff. Zu seiner Vertheidiguug erzählte er nur wahrheitsgetreu, die Zudringlichkeit und Taktlosigkeit der beiden Herren, die ihn am Vormittag mit ihrem Besuche bedacht hätten, und bemerkte, daß er mit Zuhilfenahme aller Feinfühligkeit selbst von dem Standpunkte des Herrn Rabbiners ans sich keines Unrechts bewußt sei, als höchstens desjenigen, daß er so frei sei, heute zu fasten, nachdem der Herr Rabbiner zu essen dekrctirt habe. Er glaube aber nicht, sich deshalb erst rechtfertigen zu müssen, wolle aber entgegenkommend sein, und den Beweis liefern, daß deshalb gar kein Grund sei, ihn sofort als einen hartgesottenen Stockstabilen zu verdammen. Heute vor drei Wochen, Herr Rabbiner, hat noch die ganze Gemeinde gefastet, weil wir von der bereits eiugetretenen rr?-.*« noch nichts wußten; nun haben Sie uns verkündet, es wäre nicht nur überflüssig, cs sei sogar unrecht, heutzutage noch zu fasten. Das habe ich mir zu Herzen genommen, und ich faste heute, um das Unrecht abzubüßen, das ich dadurch begangen habe, daß ich am roro nra«* noch die Sünde des Fastens begangen habe. Kann man ein folgsameres Schaf sein? Ein schallendes, ganz 12*0 DMr-widriges Gelächter folgte auf diese Frage. Herr Waldberg hatte die Lacher auf seiner Seite; der selige Herr Bezirks- Rabbiner war abgeblitzt. Herr Waldberg benutzte die günstige Stimmung und fuhr fort: Sie sehen, Herr Rabbiner, Ihre Sache ruht bei mir in guten Händen. Bis zu unserem Ehewra-Fasttag ist noch fast ein halbes Jahr und bis dahin will ich schon in der Sache thätig sein. Sie sind doch mit mir einverstanden, meine Herren, daß wir uns heute noch nicht durch eine Verpflichtung nach der einen oder andern Seite hin binden wollen und daß wir bis zur geeigneten Zeit die Besprechung der Sache verschieben? „Einverstanden!" rief die große Mehrheit der Anwesenden. „Sollte aber nicht" bemerkt der Rabbiner, „da ich d gerade hier bin, der augenblickliche Zeitpunkt geeigneter sein, die Sache ein für allemal zu erledigen?" „Sie dürfen aber auch nicht zu gering von uns denken," entgegnete ironisch Herr Waldberg. „Haben wir es ohne rabbinerliche Asistenz so viele Jahre fertig gebracht zu fasten, warum sollten wir es nicht ohne Ihr weiteres Zuthun fertig bringen, zu essen?" Abermaliges Gelächter; der Herr Rabbiner zog es vor, sich zu empfehlen, und die Herren folgten dem Beispiele. Für den Augenblick hatte nun die rabbinerliche Anregung allerdings nichts erreicht, aber die Saat war ausgestreut und trug ihre Früchte. Als die Zeit herankam, um welche im Winter der Fasttag der Chewra abgehalteu werden sollte, erinnerte an dem, rotr vorher beim Lernen ein Schwager des Vorstehers daran, daß man sich jetzt entscheiden müsse, ob diese Woche gefastet werden soll, oder nicht. „Dieses Mal bleibt es jedenfalls beim Alten," bemerkte Herr Waldberg, „da unser Statut uns einstweilen noch verpflichtet, aber bei dem Festessen wollen wir die Sache einmal besprechen." Aber es blieb nicht beim Alten. Drei Mitglieder dkspensirten sich selber und zahlten lieber die für diesen Fall statutenmäßig vorgeschriebene Strafe. Als die Angelegenheit dann zur Sprache kam, blieben die Esser allerdings in die Minorität, aber das geschah nur unter dem augenblicklichen Eindruck einer zündenden Ansprache des Herrn,Waldberg. „Warum wir fasten? fragte er, das weiß jeder von uns. Weil die ms?, die wir üben, uns besondere Pflichten auferlegt. Deshalb hat die alte jüdische Sitte diejenigen, die sich mit den 2^2 beschäftigen, einen besonderen Tag zur Selbstprüfnug festgesetzt, an dem sich Jeder fragt, ob er auch die einmal übernommene Pflicht voll und ganz in jedem einzelnen Falle gewissenhaft erfüllt habe. Ich will Ihnen noch einen weiteren Grund sagen. Wenn im Kampfe mit der Sinnlichkeit das bessere Ich zu erliegen droht, empfehlen unsere Weisen die Beschäftigung mit der Thora als mächtige Waffe gegen die Leidenschaft. Erweist sich die Beschäftigung mit der Thora als erfolglos, so empfehlen sie das Lesen des yotff und wenn auch dies die Sinnlichkeit nicht zu bewältigen vermag, so erwarten sie von der Erinnerung an den Tag des Todes, den Sieg über die entflammte Sinnlichkeit. Dieses letzte Mittel, dem die Weisheit unserer Weisen einen solchen Einfluß zuschreibe, daß sie ein wirksameres nicht zu empfehlen hätte, llieser Gedanke an nn’cn dp hat für uns Chewramitglieder viel von seiner abschreckenden Kraft dadurch verloren, daß wir eben gewöhnt sind, dem Tode ins Auge zu schauen. Derjenige, für welchen der Gedanke an den Tod etwas Abschreckendes hat, der eignet sich eben nicht zum Ehewramann und wer daher ein gewissenhafter Chewramann ist, muß je treuer er seine Pflicht erfüllt, um so sicherer ein Aequivalent für jenes Mittel haben, das den Gedanken an riwor» in ihm weckte. Das ist der rvjyn der Chewra. Herr Waldberg hat das ausführlicher und ergreifender seinen Zuhörern ins Herz.geredet, als ich es hier wiedergeben kann; und hatte den Erfolg, daß eine schwache Majorität für die Beibehaltung des rpjyn stimmte. Aber von Jahr zu Jahr schmolz diese Majorität mehr und mehr zusammen; und heute ist Herr Waldberg der einzige, der noch am Fasttage der ehemaligen Chewra fastet. Die Chewra hat sich aufgelöst; die Alten sind hinweg gestorben

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