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Der Israelit · 1881-02-16 · Heft 7 (16.2.1881) · page 20

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Journal
Der Israelit
Volume
22 (1881)
Issue
Heft 7 (16.2.1881)
Date
1881-02-16
Page
– (sequence 20)
Language
German
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172 und die jüngere Generation hat für das j'ttny» iDn D'non oy keinen Sinn und keine Zeit. Erst ging der D'^y^ der Ehewra ein, dann die n-nyD, später das allsabbathliche Lernen und zuletzt bte«-on selbst. Bezahlte Leute besorgen nun die heiligen Pflichten, zu deren Erfüllung sonst die hervorragendstell Gemeindelnitglieder in edlem Wetteifer sich drängten; das ist Fortschritt, Hattenfelser Fortschritt!! An einem Winternlorgen des Jahres 1848, erzählte mir Herr Waldberg, kommt nufer Bürgermeister zu mir, und zeigt mir eine eines Tages zuvor erschienene Zeitung, welche einen giftgeschwollenen Artilel über die Schlechtigkeit der Juden brachte. Unser Bürgermeister war ein braver, biederer Mann, der mich auf dieses Blatt nur aufmerksam machte, damit eventuell etwas dagegen geschehen könnte. Der Artikel war aber mit so verlogener Dreistigkeit geschrieben, das; ich uliserm Bürgermeister ansah, wie er selber gern von der Grundlosigkeit der darin ausgeftreuten Verleunldungen überzeugt sein wolle. Eben wollte ich zu einem Plaidoyer ausholen, als unsere Ehewramitglieder, 17 Mann hoch, bei mir eintraten. Es war dies nämlich gerade an unserem n’jyp, an welchem wir gemeinschaftlich aus den Friedhof gingen, um dort die üblichen Gebete zu verrichten. Da mir fast eine Stunde weit zu gehen haben, so versammelte sich die *o3n gewöhnlich bei mir, damit wir den Weg gemeinschaftlich machen konnten. Der Herr Bürgermeister erkundigte sich über die Ursache dieses frühen, zahlreichen Besuchs. Ich erwiederte ihm etwa Folgendes: Wir Juden, die man so gern als den Ausbund aller Habsucht und Herzlosigkeit hinstellt, sind vielleicht das einzige Volk auf Gottes weiter Erde, bei welchem die thätige Menschenliebe nicht als herablassende Gnade, sondern geradezu als göttliches Gesetz begriffen und geübt wird. Unter allen Liebesthaten, die nun ein Jude üben kann, steht ihm gesetzlich diejenige, als die höchste, welche er anTodten übt; gerade weil hier jedes eigennützige, egoistische Motiv von vornherein ausgeschlossen erscheint. Der Todte kann sich nicht mehr erkenntlich zeigen, gegen diejenigen, die ihm bei seinem Scheiden von der Erde in der letzten Stunde zur Seite stehen und ihm fernerhin die letzten Ehren erweisen. Auf Grund dieser Anschauung haben sich in allen, auch in dm kleinsten jüdischen Gemeinden besondere Brüderschaften gebildet, zu welchen nur eine beschränkte Zahl der Gemeindemitglieder Zutritt hat. Die Mitglieder dieser Brüderschaft übernehmen ohne Entgelt die Verpflichtung, bei jedem Gemeindemitglied in der Sterbestunde zugegen zu sein und ihm sein Hinscheiden soweit zu erleichtern, als dies zurückbleibende Brüder eben vermögen. Sie sorgen für Reinigung, Bekleidung und Bestattung der Leiche, mit einem Ernste, einer Weihe und einer Hingebung, die selbst in dem Menschenleichnam noch das Ebenbild Gottes ehrt, das der lebende Mensch repräscntin. Sie zimmern den Sarg, der, wie Sie wissen, für Reich und Arm nur aus sechs ungehobelten Brettern besteht, in vielen Gemeinden graben sie auch selber das Grab und versammeln sich während der Trauertage zum gemeinschaftlichen Gebete in den Räumen, in welchen der Heimgegangene seine Seele aushauckte. Einen Tag im Jahre begehen die Mitglieder dieser heiligen Genossenschaft fastend; sie gehen dann gemeinschaftlich an die Gräber derjenigen, die sie zur ewigen Ruhe gebettet, und bitten Gott um Verzeihung, wenn sie es vielleicht bei der Ausübung ihrer schweren Pflicht irgendwie an der wahren Hingebung hätten fehlen lassen sollen. In den hier anwesenden Herren, habe ich die Ehre, Ihnen, Herr Bürgermeister, die Mitglieder dieser Genossenschaft in Hattenfcls vorzustellen. — Heute ist gerade unser Fasttag, und die Herren haben sich hier versammelt, um gemeinsam die Gräber auszusuchen. Der Eindruck, den diese Vorstellung auf den Herrn Bürgermeister machte, war ein so mächtiger, daß er sich bereit erklärte, selbst eine Entgegnung auf die gehässigen Angriffe der Zeitung, die er noch in der Hand hielt, zu schreiben. Zwei Tage darauf erschien ein Artikel in demselben Blatte, mit den; Namen des Bürgermeisters unterschrieben. Er erzählte darin seine Begegniß mit der Ehewra Kadischa und die Bestrebungen der letzteren und fragte, ob es wohl billig wäre, die Bekenner einer Religion zu hassen und zu verachten, die auf einer so hohen Stufe der Humanität stünden? Seitdem, so schloß Herr Waldberg, erinnere ich mich nicht, je eine judenfeindliche Notiz in der betreffenden Zeitung gefunden zu haben. — Aber unsere Ehewra und ihre Schwestern hat man systematisch verkümmern lassen; und diese Verkümmerung, diesen Jammer, die Unwissenheit und Gleichgiltigkeit, das alles zusammen nennen sie — Fortschritt! Soll ich mich nicht freuen, daß mein alter Kopf die neue Weisheit nicht begreift, daß meine alten Füße zu ungelenk sind, um diesen Hexentanz, den sie Fortschritt nennen, mitrasen zu können?

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