Der Israelit
- Journal
- Der Israelit
- Volume
- 22 (1881)
- Issue
- Heft 6 (9.2.1881)
- Date
- 1881-02-09
- Page
- – (sequence 12)
- Language
- German
- Belongs to
- journal issue
- OCR quality
- 97% known words query
- IRI
…/2446951-2447850-2447856--17217-2473230- Visual Library
- page viewer of the UB Frankfurt
OCR text
140 Der Neffe verbarg sein Lachen durch ein leichtes Schmunzeln, das der Onkel als Bestätigung für seine Behauptung, daß die Cigarre gut sei, auslegte. „Gewiß erfährt man so Manches," meinte Kohn, „und ich glaube meine Studienzeit gut angewandt zu haben." „Hab's gehört, bist schon zum Doctor promenirt, oder wie man das nennt, gratulire auch; jetzt wirst Du wohl auch bald als Arzt praxerciren?" Kohn war doch schon zu lange der Art und Weise entfremdet, mit welcher der Onkel die Fremdwörter zu maltratiren Pflegte, als daß er nicht hätte laut auflachen sollen. Reicherssohn schien sehr betroffen, aber der junge Mann wußte einen Ausweg: „Nichts für ungut, lieber Onkel; die Vorstellungen, die Du vom Arzt werden und dem Studiren hast, entsprechen durchaus nicht der Wirklichkeit; Du kannst es ja gar nicht wissen, wie es ist, so wenig ich die richtige Art und Weise eines Geschäfts verstehe^ da mußte ich doch unwillkürlich lachen, da ich hörte, wie Du Dir das so leicht dachtest. So schnell gebt es nun mit dem Practiciren nicht. Jetzt, da meine 4 Universitätsjahre vorüber sind, ist erst das praktische Studium noch weiter zu üben. Ich werde deshalb erst hier die Klinik des Dr. Gräfe, da'ich Augenant werden will, besuchen, und dann noch die Hospitäler von Wien und Paris." „So, so, dauert ein bischen lang, nun hat auch nichts zu sagen; ich habe nur geglaubt, wir könnten Dich jetzt hier behalten. Apropers! Hast Du die Tante schon gesprochen? Hast Du Deine Cousine Emilie noch nicht begrüßt? Ist ein großes Mädchen in den letzten zwei Jahren geworden, da Du nicht hier warst." „Ich habe die Tante noch nicht gesprochen," antwortete der junge Mann erröthend und verlegen. Die Frage nach der Cousine schien er überhört zu haben, oder wollte er nichts merken lassen, daß Emilie ganz zufällig auf dem Corridor stand, als er den Onkel aufsuchte, oder daß er ganz zufällig auf dem Corridor vor dem Eintritte in des Onkels Zimmer so lange hin und herzugehen hatte, bis er seine Cousine sah? Durch ein lautes Klopfen an der Thür wurde das Gespräch unterbrochen. Es mußte der ältliche Herr, der ins Zimmer trat, ein guter Bekannter des Herrn Reicherssohn sein, denn dieser ging ihn: entgegen, um ihn aufs freundlichste zu begrüßen. „Guten Morgen, Herr Posener, was verschafft mir die Ehre? Aber setzen Sie sich doch! Wir haben uns lange nicht gesehen, was bringen Sie Neues?" „Könnte ich Sie," unterbrach Posener den Redeschwall, „auf einige Augenblicke in einer vertraulichen Angelegenheit sprechen?" Ein mißtrauischer und unzufriedener Blick streifte'Kohn bei diesen Worten. „Gewiß, gewiß, alter Freund; Heinrich," wandte sich der Onkel an den Neffen, „Du wirst mich auf kurze Zeit entschuldigen; mach' unterdessen den Frauen Deine Aufwartung, das wird Dir sicherlich eine gute Entschädigung sein." „Herr Reicherssohn," begann Posener, nachdem Kohn das Zimmer verlassen hatte, „wir als alte Bekannte brauchen gegen einander keine langen Präambeln zu machen; Sie werden sich ungefähr denken können, weshalb ich zu Ihnen komme. Wenn Heimann Posener in ein Hans geht, in welchem eine 18 Jahre alte Jungfrau ist, so weiß der Vater gewiß, was die Glocke geschlagen hat. Vielleicht aber kann ich alle meine Reden sparen, darum erlauben Sie mir die Frage: ist Ihre Fräulein Tochter vielleicht schon so weit vergeben, vielleicht mit dem jungen Manne da, der eben bei Ihnen war? Wenn dies der Fall, da m rede ich kein Wort mehr, chaß w'scholaum, dann kein Wort!" „Von deswegen dürfen Sie mir schon Partieen antragen; das ist ein Cousin, der gestern von der Reise gekommen ist, an den denk' ich für meine Tochter zuletzt. Ich muß was Apartes für sie haben: erstens gebe ich viel, viel Geld mit, zweitens ist meine Tochter schön und drittens sehr gebüldet. Von der Büldung haben Sie keinen Begriff, ich auch nicht einmal, und ich thu' doch für mich jetzt sehr viel. Denken Sic, da sitzen wir vorgestern Abend auf dem Balkon, der Himmel ist ganz ausgestirnt, und sie unterhält sich mit einem jungen Professor, der bei uns zu Abend gegessen hat, über die Sterne und weiß, wie sie heißen; da spricht sie von einem Wenix und einem Satan und von einer Milchstraße von Gibraltar, alles weiß sie; für solch' ein Mädchen kann ich doch keinen gewöhnlichen Mann brauchen." „Er ist auch kein gewöhnlicher Mann, den ich da antragen will; ich sag' Ihnen eine Partie, hochfein; jung, schön und viel, viel Geld." „Nun, lassen Sie mal hören! aber ich muß Ihnen bemerken, meinerseits ohne Prestige! Ich habe mit dem Anhören mich auf M nichts eingelassen, und sage ich: nein, so haben wir überhaupt nichts miteinander gesprochen; alles unter größter Direction." „Versteht sich, Discretion ist für einen Schadchen die Hauptsache, und Sie präjudiciren nichts. Der junge Mann, den ich Ihnen Vorschläge, ist Herr Moritz Lilienstock, fein, gebildet, Compagnon in seines Vaters Geschäft-" „Halten Sie ein, halten Sie ein! Aber mein lieber, guter Herr Posener, wie können Sie mir den Vorschlägen! Hätte ich nur keinen Namen angehört! Aber ich habe Ihnen ja gesagt: ohne Prestige! Ich