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Der Israelit · 1881-02-09 · Heft 6 (9.2.1881) · page 7

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Journal
Der Israelit
Volume
22 (1881)
Issue
Heft 6 (9.2.1881)
Date
1881-02-09
Page
– (sequence 7)
Language
German
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135 schickt, ihm zum Guten gereicht, mag es uns auch noch so schlimm erscheinen. Nachum hatte so eben seinen Vortrag geschlossen und seine Schüler entlassen, als eine ärmlich gekleidete, junge Frau zu ihm hereintrat. „Verzeih' mir Rabbi," sprach sie, „daß ich es wage, vor Dir zu erscheinen; aber mein Gatte ist des Verkehrs mit den Gelehrten noch nicht gewöhnt; deshalb komme ich, um Dich zu bitten, ihn in den Kreis Deiner Schüler aufzunehmen." „„Du erscheinst mir bekannt, meine Tochter,"" antwortete der Rabbi. „Wie ist Dein Name?"" „Ich heiße Rahel; Kalba Sabua ist mein Vater." Nachum erschrak. „„Wie,"" rief er, „ist Dein Vater verarmt?"" „Nicht doch," antwortete Rahel, „mein Vater ist noch im Besitze aller seiner Reichthümer. Mich aber hat er verstoßen." „„Unglückliche, was hast Du verbrochen?"" „Ich habe einen seiner Diener unter der Bedingung zu meinem Gatten gewählt, daß er sich der Erforschung der Gotteslehre widme. Diese meine Wahl fand die Billigung meines Vaters nicht, und er verjagte niich aus seinem Hause. Mein Gatte wird das Versprechen, das er mir gegeben, erfüllen, und deshalb bin ich gekommen, Dich, o Rabbi, zu bitten, daß Du ihm die Wege weisest, die da hinaufsühren in das Heiligthum der Gotteslehre." „„Und wovon wollt Ihr leben, und Eurer Leiber Nothdurft erringen, wenn Dein Vater seine Hand verschließt und Dein Gatte sich dem Studium widmet?"" „Ich habe", antwortete Rahel, „die kostbaren Kleider und die Schmucksachen, die ich trug, als ich meines Vaters Hans verließ, verkauft. Wir haben dafür eine kleine Hütte erworben und weniges Geräts). Von nun an werde ich mich und meinen Mann vem meiner Hände Arbeit ernähren." Voll Bewunderung schaute Nachum auf das schöne, junge Weib, welches in Neichthum und lleberfluß herangewachsen war. „„Du bist eine Heldin, meine Tochter,"" sprach er, „und verdienst es, daß Dein Gatte einst ein großer Lehrer in Israel werde. Tann wird man noch nach Jahrtausenden Deinen edlen Opscrmuth preisen, und Du wirst allen Töchtern Israels als Vorbild und Muster dienen. Führe Deinen Mann zu mir herein, und ich werde sehen, was ich für ihn werde thun können."" Nabel ging und kehrte bald mit Akiba zurück. „„Was.hast Du bereits gelernt?"" fragte ihn der Rabbi. „Ich habe gelernt," entgcgnete Akiba, „den Acker zu bebauen, die Weinberge zu Pflegen, der Obstbäume zu warten, die Heerden zu hüten und alles, was der Landban erfordert. Aber die Gelehrsamkeit ist mir fremd geblieben; ich kann nicht lesen und nicht schreiben." „„Garn su letoba,““ antwortete der Rabbi. „Freilich wird es Dir da schwer halten, meinen Borträgen zu folgen, die an die heilige Schrift sich anlehnen. Vor Allem mußt Du die Schrift kennen lernen. Nun, ich will Dich gleich hier behalten und Dich die Buchstaben lehren."" „Habe Dank, Rabbi," sprach Rahel. „Gelobt sei Gott, daß mein Gatte einen so liebevollen und gütigen Lehrer gefunden. Ich aber will nach Hause gehen und fleißig sein." Und sie ging; in ihrer ärmlichen Hütte angekommen, setzte sie sich an den Spinnrocken und spann mit unausgesetztem Fleiße, den Lebensunterhalt für den kommenden Tag zu gewinnen. Als cs anfing zu dämmern, deckte sie den Tisch und zündete die Lampe an. Da öffnete sich die Thüre und Abika trat herein. „Sei mir gegrüßt, meines Lebens Leben!" rief er ihr zu. Sie eilte ihm entgegen, umarmte und küßte ihn. Dann wuschen sie sich die Hände und fetzten sich nieder zum kargen Mahle. „Nun, mein geliebter Gatte," sprach Rahel, nachdem Akiba seinen Hunger gestillt hatte, „hast Du bereits etwas gelernt?" „Ich habe die Buchstaben, das Alphabet, lesen und schreiben gelernt," antwortete Akiba. „Das ist ein Lehrer, bei dem es eine Lust ist, zu lernen; er lehrte mich auch den Zahlenwerth der Buchstaben kennen, und beantwortete jede meiner vielleicht recht tbörichten Fragen mit der größten Liebe und Freundlichkeit. Als ich das Alphabet innehatte, durfte ich schon in der heiligen Schrift lesen. — Mein Sohn, sprach der Rabbi, wenn Dir etwas auffallend erscheinen sollte, so frage nur ohne Scheu. Nicht kann lernen, wer sich zu fragen schämt. — Und sofort fragte ich ihn: Warum beginnt die Thorah mit Bcth? Hat doch das Beth nur einen geringen Zahlcnwerth! Tie Thora sollte mit dem Taw beginnen; das hat den höchsten Werth unter allen Buchstaben, und das Wort Thora fängt damit an. — Da sprach der Rabbi: Deine Frage "ist berechtigt, mein Sohn. Höre, was die Weisen darüber berichten. Die zweinndzwanzig Buchstaben des Alphabets enthalten alle Weisheit, und die ganze Thora ist ans ihnen zusammengesetzt. Gott bildete sie in Flammenschrift, und als Gott die Welt erschaffen wollte, umringten sie seinen heiligen Thron, und jeder Buchstabe flehte den Allmächtigen an, daß er als der erste genommen würde bei der Erschaffung des Weltalls und bei der Niederschrift der Tbora. Zuerst trat das Taw hervor und sprach: Mir gebührt der Vorrang, weil ich am meisten zähle und weil mit mir auch das Wort

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