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Der Israelit · 1881-02-09 · Heft 6 (9.2.1881) · page 5

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Journal
Der Israelit
Volume
22 (1881)
Issue
Heft 6 (9.2.1881)
Date
1881-02-09
Page
– (sequence 5)
Language
German
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133 gehen, darum zog er arm und elend in die Fremde, darum ward er nach allen Enden der Windrose hin über den ganzen Erdball zerstreut. Bettelnd trat der Jude in den Kreis der Völker ein, bettelnd um die Gewährung des Rechts, welches von der Lehre verkündet wurde, die er zum Heile der Menschheit zu bringen hatte. Er hatte der Gewalt, dem Hasse, dem Vorurtheile nichts entgegenzusetzen, als die Bitte um die Anerkennung des natürlichsten Menschenrechts: die Luft des Landes einathmen zu dürfen, in welchem ihn der Schöpfer zum Dasein erstehen ließ. Wie ward dieser rührenden, flehenden Bitte geantwortet? Aus den Theatern Roms antwortet der verzweifelte Schrei der zur Augenweide des Volks von wilden Thieren zerfleischten Juden, — von Spanien senden die Flammen die Autodafes, in welchen jüdische Männer und Frauen mit dem Bekenntnisse des alleinigen Gottes unter blasphemirenden Schaugepränge ihre Seele aushauchten, Kunde, — aus Deutschland, Frankreich, England, Polen geben eingcäscherte Judenhäuser, gemordete Judenleiber die Antwort, — aus Asien, Afrika und Europa tönt der Jammer der elenden Juden, deren Geschichte, seitdem die Brandfackel die Zinnen des Zionstempels traf, ein einziges Martyrium bildet bis in die Gegenwart, die Erwiderung dieser Bitte zurück. Juda aber fand sich in demselben wieder und fand seinen Gott wieder; in erhabener Größe schaut die Heldengestalt Israels aus diesem düstern Nachtbilde hervor; das Leid hat es geadelt, hat es zu der hohen Stufe des echten Gottesgehorsams emporgehoben, und um das Haupt des palästinensischen Flüchtlings strahlt die Krone der Treue, der Hingebung an Gott und sein Gesetz in unvergänglicher Glorie. Die jüdische Geschichte bezeichnet aber auch den Siegeslauf der Principien der Wahrheit und des Rechts im Kreise der übrigen Völker. Vor den grellen Ausbrüchen einer fanatischen Wuth, einer, jedes menschliche Gefühl höhnisch mißachtenden Gewalt, schauderten die noch nicht ganz verhärteten Gemüther zurück. Sie bebten zurück vor den Orgien, die das Unrecht feierten, und das erwachende Rechtsbewußtsein rettete die Juden vom gänzlichen Untergange. Auch die Gewalt beugte sich dem Rechte und der Wahrheit und ward menschlicher und milder. Die Scheiterhaufen erloschen; den Bestien der Wüste warf man keine Menschen — nicht einmal einen Juden — zum Fräße ferner vor; man brannte auch nicht mehr die Wohnstätten friedlicher Bürger — selbst nicht der verhaßten Juden — nieder; man verstattete sogar den Juden, ein, freilich verachtetes. gequältes Dasein — der Jude durfte leben, um erdrückende Steuern zu zahlen und die Last des Hohns und des Vorurtheils zu tragen, aber er durste doch leben! Die Gewalt begnügte sich damit ihm Fesseln anzulegen, ihm bestimmte Wohnplätze und Stadttheile anzuweisen, ihn auf gewisse Erwerbszweige zu beschränken und ihn mit Judensteuern, Leibzöllen, theuren Schutzbriefen — mit Spott und Verachtung, zu belasten. Lichter wurden die Zeiten und Heller die Geister — lichter und Heller auch der Juden Geschick. Wahrheit und Recht gelangten zur größeren Macht; Haß und Vorurtheil konnte nicht hindern, daß als vollen und ganz ebenbürtigen Wesen den Juden das volle und ganze Recht der übrigen Bürger gewährt wurde. Der Jude wurde frei auf deutscher Erde; er fand freundliches Entgegenkommen bei seinen nichtjüdischen Brüdern; sie räumten ihm einen Platz neben sich ein und gewährten ihm den Zutritt zu den Ehrenposten des bürgerlichen und staatlichen Lebens. Wie empfingen wir dieses Glück? Erkannten wir darin die allliebende Waltung Gottes, welche in das Herz unserer Mitbürger einen Strahl der Gerechtigkeit und Milde gesenkt hatte, daß sie Liebe und Recht üben wollten, daß sie sich das Unrecht der Jahrhunderte zu sühnen anschickten? Betrachten wir die freundliche Gestaltung unseres Geschicks als eine Mahnung Gottes, Ihm zu dienen mit diesem Glücke, sein Gesetz zu vollführen in der Freiheit und Gleichheit mit verdoppelter Treue, in vermehrter Hingebung? Daß wir doch auf diese Fragen ohne Erröthen zu antworten vermöchten, daß wir doch nicht unser Haupt verhüllen müßten vor dem erhabenen Beispiele unserer geknechteten, gehöhnten, gemarterten, gemordeten Ahnen! (Hoseah 2.) p-n »nnj »3 njn» eö r«'.w tya? wjf 3nn r6 ’nunn ^ddi nns’rn wvvrw. Israel erkannte nicht, daß Gott es war, der ihm die bürgerliche Freiheit, das ungestörte friedliche Leben, die Ehre und das Ansehen und den Reichthum bescheerte, -- Israel benutzte diese Güter nicht zu einem Leben in treuem Gehorsame gegen Gott und sein Gesetz, — Israel wandte sich vielmehr von Gott ab und huldigte den Mächten der Erde. Aber Gottes allmächtige Waltung läßt nicht von seinem irrenden Kinde. Er spricht zu ihm durch das Grollen des Donners, durch das Zucken des Blitzes, durch Sturm und Ungewitter! Der heitere Horizont über des deutschen Juden Geschick beginnt sich in Wolken zu verhüllen; schon

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