Der Israelit
- Journal
- Der Israelit
- Volume
- 22 (1881)
- Issue
- Heft 6 (9.2.1881)
- Date
- 1881-02-09
- Page
- – (sequence 4)
- Language
- German
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132 Indem sie uns die Haltlosigkeit alles Irdischen, Vergänglichen lehren. — auch des Irdischen und Vergänglichen, welches wir selbst an uns tragen, — führen sie uns zu der Erkenntniß des Ewigen, Göttlichen in uns. Was Staub an uns ist, lernen wir als Staub schätzen und würdigen; wir sehen das aus Irdischem gewobene, vermeintliche Glück seiner Auflösung entgegeneilen, während das lange verkannte Ewige in uns zur Geltung kommt, und wir die wirkliche Größe und Hoheit, den wirtlichen Adel unseres Selbst begreifen und entfalten, Die Leiden nns setzen unserer Anbetung des Irdischen „die Grenze"; sie „beschränken" uns auf unser besseres Ich; sie veredeln und „bilden" unser Herz und Gemüth; sie führen uns zur Wahrheit zurück, zurück zu unserm Vater und Herrn cy ry-n ■pD'ü 'H U3 nx ttfW "ID” ->r«6 *3 3333, „so daß die Erkenntniß in unser Herz einzieht, daß wie ein Mann seinen Sohn erzieht, also Gott uns erzieht" zum Leben in Wahrheit, zum echten Glück und Heil. So erzieht Gott den Menschen durch die Schule des Leids zur wahren Glückseligkeit. Die kurzen Momente des Schmerzes, der Sorge leiten zu der Ewigkeit der Wonne, des Friedens über. Es sind Augenblicke der Läuterung, der Veredelung — schmerzliche Augenblicke für ewiges Heil. Und ebenso erzieht Gott die Menschheit im Großen und Ganzen durch Leid und Jammer zum dauernden Glück Wahrheit, Gerechtigkeit, Friede, Glückseligkeit — das ist das Ziel, welchem die Menschheit entgegengeführt werden soll. Wer mit offenem Blicke die Gänge der Geschichte erfaßt, der wird sich der Erkenntniß nicht verschließen, daß die Ideen der Wahrheit und des Rechts trotz des scheinbaren Triumphes der Lüge und der Gewalt in immer größerem Maße sich Geltung erringen. Wer die Blätter der Geschichte zu lesen versteht, wer in ihnen nicht nur die blutigen Kämpfe neidischer Völker und herrschsüchtiger Fürsten gewahrt, wer in ihnen die Entwickelung der Menschheit zu dem höchsten Ideale zu erkennen vermag — der wird überall den Fortschritt gewahren, welcher durch Blut und Thränen, durch Jammer und Seufzern, langsam, aber stetig, den Menschen selber oft unbewußt, sich vollzieht. Er wird sich nicht beirren lassen durch die Schule der Leiden, welche die Menschheit zu bestehen hat; — vertrauensvoll wird er der Zukunft entgegenschauen und vorahnend dem herrlichen Tage zujubeln, an welchem die Leidenserziehung der Weltgeschichte mit der rückhaltlosen und allgemeinen Anerkennung und Huldigung des Rechten und Wahren ihren Abschluß gefunden haben wird. So unentwirrbar dem oberflächlichen Beobachter die Gestaltungen der Geschichte erscheinen, so launisch und räthselhaft ihm der Zufall über das Geschick der Völker zu würfeln dünkt, oder die engherzigste und eigensüchtigste Politik ihm die bedeutungsvollsten Wandelungen herbeizuführen deucht — der tiefer Schauende sieht die Hand eines höheren Lenkers, er fühlt den Odem des Allmächtigen über dem wogenden Getriebe der Nationen, er erkennt Gottes Spuren überall in den Siegen, welche die Wahrheit und das Recht über die Lüge und das Unrecht feiern. Die Wahrheit und das Recht — sie sind die mächtigen Potenzen, vor welchem sich unwillkührlich oder widerstrebend die Gewalthaber beugen, vor ihrem Strahle weichen immer mehr Lug und Trug zurück; sie unterdrücken den Haß und das Vorurtheil in der Sterblichen Brust und legen der Bosheit der Menschen hemmende Fesseln an. Nicht was der Staubgeborenen Thorheit als wahr proclamirt, nicht was ihr blöder Witz als Recht präcisirt, ist die einzige göttliche Wahrheit, ist das ewig bestehende, die Welt tragende Recht; — und nur diese von Gott stammende Wahrheit und nur dieses von Gott verkündete Recht sind berufen die Erde zu beherrschen. Durch Leid zum Heil, zur Wahrheit, zur Erkenntniß, - das ist das Signum der Geschichte. Nicht vergebens hat diese erziehende Waltung des Weltenmcisters gearbeitet; mit jedem Pcndclschlage der Geschichte dämmern in steigendem Glanze Wahrheit und Recht in dem Gemüthe der Menschen auf und lassen als Lüge und Unrecht erkennen, was bis jetzt fälschlich als heilig und unantastbar gegolten. Selbst Dienigen, welche noch immer den Irrwahn und die Gewalt auf den Schild erheben uud den Kampf mit den göttlichen Genien der Wahrheit und des Rechts fortsetzen, ahnen die Ohnmacht ihrer Götzen und vermögen sich der unwiderstehlichen Kraft jener Mächtigen nicht zu entziehen. Das bezeugen die Begebenheiten, welche der Griffel des Geschichtsschreibers dem Gedächtnisse der Nachwelt überliefert, das bezeugt vor Allem die Geschichte des israelitischen Stammes. Ihm, dem Verkünder der göttlichen Wahrheit, ist mit diesem erhabenen Berufe auch die schmerzensreiche Mission zu Theil geworden, daß sich zunächst an seinem Geschicke offenbaren soll, welche Fortschritte die Menschheit auf dem Wege zur unbedingten Anerkennung des Rechts mache. Der Juden Leidensgeschichte, wie sie die Läuterung und Erziehung des jüdischen Volks bezweckt, bezeichnet die Entwickelung der Menschheit; mit dem vollen Inhalte ihres beispiellosen Jammers gehört sie der Menschheit an. Darum mußte der Jude dem Heimathlande den Rücken kehren, darum sah er den Staat in Trümmer