Der Israelit
- Journal
- Der Israelit
- Volume
- 22 (1881)
- Issue
- Heft 5 (2.2.1881)
- Date
- 1881-02-02
- Page
- – (sequence 14)
- Language
- German
- Belongs to
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114 •i t ■ if;1; itN if \. ii Von seinem Gesinnungswechsel hatte Kohn in seinen Briefen an die Mutter nicht viel Aufhebens gemacht, aus einigen Andeutungen mußte ihr ein solcher wohl zum Bewußtsein kommen, wenn er L B. zuweilen schrieb, daß er wegen des herannahenden Sabbats seinen Brief schließen müsse u. dergl. Ihn weiter darüber auszuforschen, war sie zugleichgiltig, fürchtete wohl auch, in eine weitläufige Korrespondenz sich über diesen Punkt einlassen zu müssen, und nichts scheute sie mehr als das Schreiben langer und ausführlicher Briefe, denn dies war gerade ihre schwache Seite. Ihrem Bruder gegenüber hatte sie aber gar nichts merken lassen, denn sie fürchtete von ihm Unliebsames über ihren Sohn zu hören, und da sie etwaige Wuthansbrüche über ihr geliebtes Kind nicht ruhig hätte hinnehmen können, so hielt sie es, um jeden Streit zu vermeiden am Gerathensten ihre Entdeckung dem Bruder zu verheimlichen. Daß sie die Andeutungen richtig verstanden, begriff sie gleich an dem Morgen nach der Ankunft des jungen Doctors, der als ob es ganz selbstverständlich wäre, sein Morgengebet verrichtete, ehe er den Kaffee einnahm. Sie ließ ihn gewähren, sprach beim Frühstück ruhig mit ihm über die neue Erfahrung, die sie an ihm gemacht, er erzählte ihr Alles, wie es gekommen, und sic fand sich, wie wir bereits oben erzählt, ruhig darein. Es war jetzt die Zeit herangekommen, den Onkel auszusuchen; er mußte sein Frühstück mm beendigt und mit der Lectüre der Zeitungen beschäftigt sein. Um diese Zeit störte man Herrn Reicherssohn am wenigsten, es war ihm vielmehr ein Besuch alsdann gar nicht unlieb, da ihn ein solcher über die Nothwendigkeit hinweghob, eine Stunde lang in die verschiedenen Zeitungen hineinzublicken, in welchen er fast nichts weiter als die Eourse und die telegraphischen Depeschen las, und auch diese kaum noch, fcitbem seine ganze Geschäftsthätigkeit in nichts anderem bestand, als Mittags an der Börse einige Freunde zu einer gemüthlichen Plauderei aufzusuchen. Dennoch erforderte es nach seiner Ansicht der gute Ton, aus die bedeutendsten Tagesblätter abonnirt zu sein, und sie um sich herumliegcn zu haben, sollte ein untrügliches Zeugnis; seiner „Bildung" oblegen. Daß sein von der Universität zurückgekehrte Neffe ihm heute Vormittag feinen Besuch abstatten würde, durfte er wohl erwarten, und so hatte er sich schon in Positur gesetzt, um dem jungen Gelehrten zu imponircn. In beabsichtigter Unordnung lagen eine Menge Tagesblätter auf dem Tischchen, an welchem Herr Reicherssohn in einem schön gestickten Lehnsessel saß, und er war so vertieft in seine Lectüre, der gute Onkel, so vertieft, daß er das Anklopfen an die Thür nicht hörte. Es mußte wohl dem jungen Kohn zu lange gedauert haben, daß er ohne durch abermaliges Anklopfen ein „Herein!" zu provociren, die Thür öffnete, um seinen Onkel zu begrüßen. Aber der war noch immer so vertieft, ganz gefangen gehalten von dem fesselnden Leitartikel der „Bossischen Zeitung", daß er. noch immer den Neffen nicht bemerkte, und erst durch dessen lautes und frisches „Guten Morgen, lieber Onkel!" auf dessen Gegenwart aufmerksam gemacht wurde. „Ei, du da, guter Junge, sei herzlich willkommen! Da bist du ja wieder, komme an mein Herz. Entschuldige, daß ich dich nicht gleich bemerkt, aber ich war in die Zeitung so vertieft; man muß ja heutzutage wissen, was in der Welt vorgeht. Ja,;a schlimme Zeiten! Habe da vorhin in den „Hamburger "Nachrichten" gelesen, daß sie dort Revolution machen und dem Bürgermeister Kellinghusen die Fenster eingeworfen haben." „Wirklich? das nimmt mich wunder, daß jetzt eine Revolution ausbricht." „Ich bin auch erstaunt, daß die „Bossische" nichts davon in ihren Depeschen hat; es muß aber doch wahr sein, wenn es die „Hamburger Nachrichten" bringen; siehst Du?" Damit hielt der Onkel dem Neffen das Blatt hin, iri welchem auf der ersten Seite mit fett gedruckter Schrift, die Jedem, der nur einen Blick in dasselbe warf, auffallen mußte, die Nachricht von der ausgebrochenen Revolution stand. Kohn war im ersten Augenblick über diese Neuigkeit betroffen; doch plötzlich brach er in lautes Gelächter aus: „Lieber Onkel, du kannst nur ruhig sein, auf diese Revolution hin werden die Papiere nicht fallen; dir ist da ein altes Blatt vom Jahre 1848 in die Hände gerochen, und was damals geschehen, wird hoffentlich heute im Jahre 64 die Börse nicht mehr in Panik jagen." Reicherssohn war in nicht geringer Verlegenheit; er wollte vor seinen: studirten Neffen als kenntnißreicher Politiker erscheinen, der jede Begebenheit in der Politik mit regem Interesse verfolgt, und stand nun als ein durch ein altes Stück Makulatur Dupirter da. Der Gedanke brachte ihn in Wuth, er schellte und schrie dem eintretenden Diener entgegen: „Was hat Er mir da für einen alten Wisch aus den Zeitungstisch gelegt! Er Schlingel! Hat Er mich zum Narren gehalten!" „Ick weeß nich," antwortete Johann ganz gemächlich, „was Sie eegentlich von mir wollen; Sie haben mir heite Morsend jesagt, Sie müßten heite mehr Blätter als die jewehniklichen haben, ick sollte Ihnen noch zwee oder dree oosländische holen, et wäre janz cejal, wat vor welche, so bin ick denn zum Krämer jegangen, der immer olle Zeetungen hat, nn Hab'ihn um olle Blätter gebeten, habe aber 8 is 51 1 4