Der Israelit
- Journal
- Der Israelit
- Volume
- 22 (1881)
- Issue
- Heft 5 (2.2.1881)
- Date
- 1881-02-02
- Page
- – (sequence 13)
- Language
- German
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113 ein reicher Mann. In seiner Wohlthätigkeit zeigte er seine glänzende, in der Sucht aber vornehm und gebildet zu erscheinen, seine Schattenseite. Als erstes Erforderniß der Bildung betrachtete er das Abstreifen aller Religiosität, so bekannte er sich zur extremen Reformpartei, welche den Sabbat auf den Sonntag verlegt, und die nur noch das hebräische Sch'mah als dunkle Reminiscenz aus früheren Tagen in ihrem „Gottesdienste" conservirt hatte. Glänzende Bälle und großartige Soireen in seinem Hause zu veranstalten, glaubte er seiner Stellung und seinem „Bildungsgrade" schuldig zu sein, und daß diesen die bunte Decorirung nicht fehle, dafür hatte er stets dadurch gesorgt, daß seinerseits eine große Anzahl Einladungen an Officiere erging, deren Bekanntschaft er mit einem staunenswerthen Eifer aufsuchte. Daß die jungen lebenslustigsten Jünger des Mars die Einladung des „reichen Juden" gern annahmen, wer wollte ihnen dies verargen? gab es dort doch neben einer guten Küche, famose Weine, und Reicherssohn sparte nicht. Freilich kostete den jungen Leuten jede Einladung manches Opfer: es war keine kleine Zumuthung, ohne eine Miene zu verziehen und nicht mit dem Lachen herauszuplatzen, einem Toaste des Gastgebers — und ohne einen solchen that er es nicht — mit anzuhören. Da wirbelten fremdklingende Fremdwörter und provinzialstch angehauchtes Deutsch im bunten Gemisch durcheinander, daß es für die Zuhörer eine Lust gewesen wäre, wenn die innerlich erregte Heiterkeit ihren Ausweg in einem hellen Lachen hätte suchen dürfen. Was man aber in Gegenwart des Gastgebers nicht thun durfte, ohne den Anstand zu verletzen oder die nächste Einladung sich zu verderben, das wurde hinter dessen Rücken und zu Hause reichlich uachgeholt. Wäre es Herrn Reicherssohn einmal vergönnt gewesen, seine Gäste in ihrem ungezwungenen Geplauder auf ihrem Zimmer zu belauschen, er hätte von seiner Bildung und seinem Rednertalent vielleicht eine andere Meinung bekommen, als er sie hatte. Vielleicht — vielleicht auch nicht; wäre es denn nicht möglich gewesen, daß diese junge Herren, die sich über ihn moquirten, zu tief im Wissen standen, als daß sie an seine Bildungshöhe hätten hinanreichen können? Auch mit Künstlern und Gelehrten wußte er seinen Salon aufzuputzen. Zwar waren es nicht die Eelebritäten, die sich bei ihm einfanden, — so sehr er sich auch darum bemühte, solche bei sich zu sehen, hatte er mit diesen immer das Unglück, daß sie, wenn er um ihr Erscheinen ersuchte, bereits eingeladen waren: aber es machte ihm auch Freude, wenn irgend ein schmachtlockiger Dichter bei ihm seine Geistesproducte vortrug, für welche dieser sonst keinen Abnehmer fand. Daß aber, „des Lebens ungemischte Freude keinem Irdischen" zu Theil wird. mußte auch Reicherssohn erfahren. Wenn er so bei einer seiner reichen Soirsen die Zahl seiner Gäste übersah, dann beschlich ihn immer das traurige Gefühl, daß bei ihm doch nicht Alles so sei, wie er es so gerne wünschte. Da fehlte der berühmte westphälische Schinken, die als Delicatesse bekannte Auster, zum Desert wurde nicht der schmackhafte fromage de brie gereicht: das bereitete ihm tiefen Schmerz, und es war keine Aussicht da, daß er jemals ein so glücklicher Gastgeber werden würde, der seinen Gästen alles Dies bieten könnte, denn seine Frau war noch so „stockfromm", so „ungebildet", so „dumm", daß sie darauf bestand, ihr Haus koscher zu führen. In der That war seine Frau eine fromme Frau, die es tief betrübte, ihren Mann sich allmählich vom Glauben und der Beobachtung der jüdischen Gesetze, sich entfernen zu sehen. Je mehr aber der Mann sich von allem Früheren lossagte, desto mehr zeigte sie sich energisch das zu wahren, was sie als ihre Domäne betrachtete:, die streng gesetzliche Führung ihres Haushaltes. Und sie nahm es ernst damit, sie war in dieser Beziehung das gerade Gegentheil ihres Mannes. Wie oft mußte sie Vorwürfe dafür hinnchmen, daß sie täglich die Besuche eines von ihrem Vater her ihr bekannten, frommen Talmudgelehrten, Rabbi Mosche, empfing, dem sie ihre gesetzlich-religiösen Fragen, wie sie ja in jedem jüdischen Haushalte Vorkommen, zur Entscheidung vorlegte. Sie hatte sich so sehr an diese Vorwürfe gewöhnt, daß sie seine stereotypen Fragen: „War der Beichtvater wieder da?" „Kommt der Kaplan bald wieder?" nur noch mit einem ruhigen Lächeln beantwortete. Anfangs hatte es oft heftige Semen gegeben, wenn er seiner Frau lange Reden hielt, in welchen die Worte „Büldung" und „Röform" eine große Rolle spielten; sie hatte aber so lange ihr Caeterum censec „Der Haushalt ist meine Sache, der kümmert Dich nichts!" ihm entgegengehalteu, bis er endlich die Waffen streckte und sich drein fügte. Ein glückliches Familienleben war es nicht, äußerlich war wohl der Frieden hergestellt, aber innerlich waren die Herzen einander entfremdet. Ein anderer Schmerz des Herrn Reicherssohn ging nicht so tief: es fehlte in seinem Knopfloch noch immer das rothe Bändchen und in seinem Pulte das Diplom des Eommissionsraths, aber das konnte ja noch immer kommen: die Hoffnung ist auch etwas werth. Hatte er es auch noch nicht dazu gebracht, Mitglied des Vorstandes oder des Ausschusses der Gemeinde zu werden, so war er doch zum Vorsteher einer Wohlthätigkeitskasse ernannt worden, und so konnte er Anderen gegenüber davon sprechen, daß er im Vorstand sei, in welchem; dies zu errathen, überließ er Denen, welchen er es erzählte.