Der Israelit
- Journal
- Der Israelit
- Volume
- 22 (1881)
- Issue
- Heft 5 (2.2.1881)
- Date
- 1881-02-02
- Page
- – (sequence 9)
- Language
- German
- Belongs to
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XXII. Jahrgang. Erke Anlage ju tlr. 5 des Zsraelit. Zeilnngsnachrichten und Correspondenzen. Deutschland. Leipzig. Eine der letzten Nummern des abgelaufenen Zahrgangs der von Rudolph v. Gotisch a l l herausgegebenen „B l ä t t er f ü r l i t er a r i sch e Unterhaltung" enthält eine längere Besprechung einiger bislang erschienener „Schriften zur Judenfrage." Der Artikel ist von einem Herrn Gustav Portiz gezeichnet und durfte nicht so sehr wegen der Verleumdungen, die er enthält, als wegen der tfornt, in welcher sie angebracht sind, ein' kurzes Wort der Würdigung verdienen. Der gute Mann bespricht die Schriften, die in der Judenfrage pro und contra erschienen sind. Bei dieser Besprechung verspricht er sich möglich objectiv halten und nur die Verfasser der verschiedenen Schriften selbst sprechen lassen zu wollen. Wer nun den Streit zwischen den beiden Parolen des Tages: Gleiches Recht für Alle, oder Ausschließung oder Unterdrückung eines Thcils von Staatsbürgern zur Sprache bringt und sich dann neutral und obiectiv hält, der hat schon selber den Stab über sich gebrochen, denn er bekundet damit daß es für ihn Rücksichten gibt, die ihn zurückhalten, offen und ehrlich für die Sache der Gerechtigkeit Partei zu ergreifen, wenn auch nur deshalb, um nicht parteiisch zu erscheinen. Wer aber nur Schriften über die Jndenfrage, nicht diese selbst zum Gegenstand seiner Besprechung macht, mag vielleicht leichter objectiv sein dürfen oder gar sein sollen, ohne deshalb sofort seinen moralischen Credit zu verlieren — aber dann muß er es auch bleiben. Wer aber verspricht objectiv zu sein, um dadurch seine Leser glauben zu machen, was er ihnen biete, sei die reine, goldene Wahrheit, die sie sich ungeprüft aneignen dürften, und dann sobald er den Mund öffnet von lauter subjectiven Auffassungen überfließt, der hat das lesende Publicum getäuscht und im günstigen Falle sich selber. Wenn der Herr Pörtiz findet, daß die gegen die Judenherrschaft geschriebenen Schriften maßvoller in der Form auftreten, als die zur Vertheidigung der,Juden geschriebenen, so kömmt bei einer solchen Anschauung wohl viel auf die Brille an, durch welche sie vermittelt wird; über Geschmack und gar über einen solchen läßt sich nicht weiter streiten. — Zugestanden aber es wäre wahr, daß die Vertheidiger der Juden weniger maßvoll sind, so hätten sie ja alle Ursache dazu. Warum sollten sie Maßlosigkeit nicht Maßlosigkeit entgegnen, warum auf den groben Klotz nicht einen ebenbürtigen Keil setzen? warum sollten dagegen die Feinde der Juden nicht maßvoll sein, da sie doch die heiligsten Menschenrechte verletzen, da sie doch die billigste Gerechtigkeit mit Füßen treten, wenn sie Menschen, die Juden sind, anders als andere Menschen, behandelt wissen wollen, warum sollte ihnen, nicht ihr Kampf gegen die Inden, aber ihr Kampf gegen die Sache der Inden, d. h. der Kampf gegen Gerechtigkeit und Humanität die Schamröthe in die Wange' treiben und sie veranlassen wenigstens nur maßvoll schlecht zu sein? Wenn Herr Portiz, daher nur seine eigene unmaßgebliche Meinung zum Besten gegeben hätte, so ließe sich eben über den dabei bekundeten Geschmack nicht rechten. Aber sein Urtheil über die Schriften der Angreifer und Bertheidiger der Juden ist keine bloße Geschmackssache, es werden Beweise dafür in's ' Treffen geführt. Der objective Herr Psrtiz schreibt: „Wie fanatisch und mit welcher Verdrehung „der Thatsachen die letztere (die Bertheidiger der „Juden) bisweilen auftreten, dafür nur ein Bei- „spiel. Otto Henue-Am-Rhyn, den man doch „wahrlich nicht als einen Feind der Juden an- „sehen darf, führt folgende Thatsachen an: Der „deutsch-'israelische Gemeindebund forderte den „Reichskanzler auf, den jüdischen Versöhnungstag „als staatlichen Feiertag anzuerkennen. Der Stabs- „arzt Rosenzweig verlangte in einer 1878 zu „Schweidnitz erschienenen Schrift ein Staatsgesetz, „welches ans Gesundheitsrücksichten die Beschnei- „dung der Christen beim Militär vorschreibe." Es wird nun ein Citat aus einer Schrift „D i e Judenffrage in Deutschland" von Dr. Eisler in New-Aork citirt, welches die Glaubwürdigkeit in der Henne'schen Behauptungen in recht kräftiger, aber nicht zu kräftiger Spräche in Zweifel zieht. Das zusammen soll als Beweis dienen, daß die Bertheidiger der Juden weniger maßvoll sind, als ihre Ankläger!