Mannheim
Compact Memory

Der Israelit · 1881-02-02 · Heft 5 (2.2.1881) · page 3

Scan of the page
Image: UB Frankfurt, Visual Library (IIIF)
Journal
Der Israelit
Volume
22 (1881)
Issue
Heft 5 (2.2.1881)
Date
1881-02-02
Page
– (sequence 3)
Language
German
Belongs to
journal issue
OCR quality
95% known words query
IRI
…/2446951-2447850-2447855--17183-2473195
Visual Library
page viewer of the UB Frankfurt

No entity mentions on this page.

OCR text

nissen gegenüber, in welchen wir zu handeln berufen sind, wenn wir wissen wollen, was wir zu thun haben -- dann - so ruft uns das Lied, „welches vor uns als Zeuge aussagt und nimmer in Vergessenheit gerathen wird", zu — dann sollen wir der Vergangenheit gedenken, sollen verstehen lernen die Gänge der Geschichte, auf daß unsere Väter ein empfängliches Ohr finden für die Lehre, die sie uns ans ihrem Leben zu bringen haben und unsre Weisen uns auch die Gegenwart zu deuten vermögen. Denn die Geschichte umfaßt nichts anderes als nm -h n-jw, als die Jahrhunderte der Menschengeschlechter, welche ihrer Entwickelung entgegengeführt werden. Eine jede Zeit ist das Product der Vergangenheit und birgt die Keime einer neuen Zukunft in seinem Schooße. In ununterbrochenem Zusammenhänge stehen die Zeiten; wir begreifen die Gegenwart nur aus ihrem genetischen Connexe mit der Vergangenheit, und die Einsicht, welche uns aus dieser Erkenntniß zu Theil wird, zeichnet uns für unser eigenes Thun den rechten Weg vor. Und zumal zu uns Juden, deren Geschichte längst ausgezeichnet ist, ehe die Thatsachen in die äußere Erscheinung treten, redet die Vergangenheit in lebendiger, eindringlicher Sprache und gibt uns untrügliche Antwort auf die Frage: was haben wir zu thun? Was haben wir zu thun? — also geht jetzt die Frage in der deutschen Judenheit — was haben wir ' dem Hasse und Vorurtheile gegenüber zu thun, die sich gegen uns Juden wenden? Liegt nicht die Gefahr vor, daß die Stimme der Feindseligkeit immer lauter und mächtiger ertönen wird, daß 'in immer weitere Kreise ihr Ruf dringt und williges Gehör findet? Haben wir nicht zu befürchten, daß wir wiederum aus der Stellung, welche uns das Rechtsbewußtsein der neuern Zeit endlich bewilligt hat, in den alten Jammer und den alten Ausnahmezustand zurückgewiesen werden? Müssen wir nicht besorgen, daß die unausgesetzten feindlichen Bestrebungen ihr Ziel erreichen und der Jude wiederum als Paria auf deutschem Boden dastehen wird? Haben wir nicht zu zittern für die noch so junge Gleichstellung, welche uns das Frühroth eines schönen, lichten Tages zum Geschenk brachte? Werden nicht unsre Feinde triumphiren und wir, unsre Kinder und Enkel, wieder auf uns nehmen müssen die schwere Bürde des Hohnes und der Verachtung, der Zurücksetzung und Bedrückung? on» Ist ja unser Name schon der Mißachtung preisgegeben und unsre Ehre geschändet worden im Kreise unsrer Mitmenschen! Was haben wir zu thun, was können wir thun in dieser Stunde der Bedrängniß und Gefahr? Was haben wir zu thun?? roo» -or Fragen wir die Geschichte, die Geschichte unsres Stammes, — „gedenken wir der Tage der Vo^eit," der altersgrauen Vorzeit, — richten wir unfern Blick auf die ersten Lebenstage unsres volksthümlichen Daseins — vielleicht wird uns dort ein Aufschluß über die Frage, welche uns in der Gegenwart in banger Auftegung hält! Die Stunde der Freiheit war für die armen i ebräischen Sclaven gekommen; der egyptische König hatte das lange zurückgehaltene Wort ihrer Befreiung endlich gesprochen: wy -pno ms, ich gebe euch frei, und mein Volk gibt euch frei, und mit den Geschenken der Volksgunst beladen zog Israel in die Freiheit, — non no dws’ dnnV' ow, die ganze, volle Freiheit war ihnen gewährt worden. Aber es war nur ein flüchtiges Erwachen des Rechtsbewußtseins bei den Egyptern, welches sie diesen Act der Gerechtigkeit und Humanität üben ließ. Nur wenige Tage vergingen, als bereits ein völliger Umschwung sich vollzogen hatte. Man hatte sich übereilt; in einem unbewachten Augenblicke hatte man die „alten, bewährten Staatsmaximen außer Acht gelassen" und dem „Judenvolke" zum großen Nachtheile des Staatswohls die Sclavenketten gelöst. Noch ist es Zeit, noch läßt sich der unbedachtsame Schritt redressiren, — aber es ist die höchste Zeit, sonst zwingen wir die Sclaven nimmer in das alte Joch! Die ganze egyptische Macht wird gegen die Juden aufgeboten. Wehrlos sehen die eben Freigelassenen sich der Gewalt ihrer ehemaligen Herren preisgegeben — zwischen Meer und Wüste eingeengt, von den feindlichen Reisigen bedroht, haben sie den gewissen Untergang vor Augen. c>H :>iaj nnoi« nn« crn tonten utryj nmo 'n nerV?o nvyi nno^K nn*o v'n80d num moiK nn«i •HJJ3 pJ/JHl rinn moiK nrjKi pM3 In dieser kritischen Lage machte sich dumpfe Verzweiflung, kleinmüthige Schwäche, kecke Tollkühnheit und unmännliche Verzagtheit im jüdischen Lager geltend. Alles ist aus, Rettung erscheint unmöglich — „werfen wir uns in's Meer" und suchen wir in dessen Fluthen den Tod mit Weib und Kind — also die Stimme der dumpfen Verzweiflung! Es hilft uns nichts, wir können gegen die Macht der Egypter uns nicht halten; das einzige Rettungsmittel ist „die Rückkehr nach Egypten" in das alte, Jahrhunderte lang getragene Sclavenjoch — besser Knecht, als todt — also der Rath kleinmüthiger Schwäche! „Laßt uns kämpfen," mit den Waffen in der Hand den Egyptern entgegentreten — also der Entschluß tollkühner Keckheit!

Text as recognised by OCR (ABBYY FineReader), without corrections. Entity mentions: TagMe (2021); their positions were matched to this text again.