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Der Israelit · 1881-01-26 · Heft 4 (26.1.1881) · page 19

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Journal
Der Israelit
Volume
22 (1881)
Issue
Heft 4 (26.1.1881)
Date
1881-01-26
Page
– (sequence 19)
Language
German
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ur> Der Bruder war aus der Ferne herbeigeeilt, um dem Verstorbenen die letzte Ehre zu erweisen. Es war aber ein Punkt zu erledigen, den man sich als äußerst schwierig dachte, weil man die Opposition des durch seine immense Gelehrsamkeit berühmten, aber namentlich auswärts, als „ultra-orthodox", „finstern Zeloten" und wie all' die netten Epitheta heißen, verschrieenen Rabbiners fürchtete. Das Studentencorps, dem der Verstorbene angehörte, wollte diesen nemlich nach studentischer Weise und mit studentischen Ehren bestatten, d. h. am Abend in studentischem bunten Aufzuge mit Fackeln und unter Musikbegleitung. Kohn erbot sich, den Bruder auf seinem schweren Gang zum Rabbiner zu begleiten, und sich mit diesem auseiuandcrzusetzen. Unterwegs überlegte man hin und her, wie und was man sprechen, wie man den Vornrtheilen des „Zeloten" entgegentreten wolle, der gewiß mit seinem Hasse über den Verstorbenen nicht zurückhalten würde, welcher auf der Universität ein durchaus unjüdisches Leben geführt hatte. So mit Gründen und Gegengründen wohl versehen, erregt in Erwartung des bevorstehenden Wortgefechtes, trat man in das Haus des Rabbiners ein. Nicht immer ist es der Luxus und die Pracht, welche aus die Besucher eines bedeutenden und weltberühmten Mannes einen verwirrenden Eindruck machen, noch ehe dieselben die Person, denen der Besuch gilt, von Auge zu Auge gesehen haben. Oester noch macht die überraschende Einfachheit, die dem verwöhnten Auge als Aermlichkeit erscheint, einen solchen Eindruck. Man ist gewöhnt, Berühmtheit mit Pracht sich umgeben zu sehen, wenigstens mit einer sorgfältigen Eleganz, die der Person auch den entsprechenden Rahmen verleihen soll. Es sind nur wenige, welche es verschmähen, auch durch äußere Mittel zu wirken. Die jüdischen Berühmtheiten huldigen im Großen und Ganzen der Sitte, dem Besucher durch Eleganz zu imponiren, nicht; was aber hier dem Auge der jungen Lente sich darbot, durfte für sie kaum den Anspruch auf Einfachheit erheben. Das Fehlen alles dessen, was über das Notwendigste hinausging, und dieses noch in einer sehr bescheidenen Gestalt, war es aber gerade, was die an Luxus gewöhnten jungen Männer schon beim ersten Tritt über die Hausschwelle in eine furchtsame Stimmung versetzte. Wie geistig hoch mußte der Mann stehen, zu dem mau kampfgerüstet gegangen war, wenn er auf Aeußerlichkeiten gar keine Rücksicht zu nehmen hatte, wenn er es nicht für nöthig finden mußte, sein Haus, seine Zimmer in einer gesellschaftlichen Toilette seinen Besuchern zu zeigen. Und doch gingen die höchsten Spitzen der städtischen Behörden in diesem Hause aus und ein, doch war keine der jüdischen Geistes¬ oder Geldkoryphäen, welche in die Stadt kam, ohne den berühmten Mann aufzusnchen, doch sprach man überall viel von diesem Manne, viele mit Furcht, viele mit anhänglicher Liebe, alle aber mit Hochachtung. Zitternd traten die jungen Männer in das Zimmer des Rabbiners, in welches man sie hineinwies. In einem dürftig ausgestatteten Zimmer stand im einfachen Hausrocke ein hochaufgewachsener Mann vor ihnen, ein langer Bart umrahmte das edle Gesicht, uni dessen Mund der Zug ernster und entschlossener Energie nicht zu verkennen war. Auf der hohen, klaren Stirn hingegen lag eine himmlische Ruhe, und aus dem Hellen blauen Auge leuchtete eine Milde und Freundlichkeit hervor, die so ganz dazu angethan war, Ruhe und Frieden in das Herz derjenigen zu senken, die zu dem Manne gekommen waren, um bei ihm Rath und Hilfe zu suchen, wenn Roth und Elend ihnen die Herzensruhe geraubt und ihr Glück zertrümmert hatten. Solcher waren nicht wenige, ungetröstet und unerhört ging keiner von dort fort; für Verlassene und Unglückliche hatte er stets Hülse, das hatte er dem Vertrauen seiner Freunde zu verdanken, die reichliche Mittel zll wohlthätigeu Zwecken ihm in die Hände gaben. Vor diesem Manne, den sie sich finster und unwirsch gedacht hatten, standen jetzt die beiden jungen Leute, und je entschlossener ihr Kampfesmuth gewesen war, desto zaghafter waren sie geworden, da sie sich im ersten Moment, ehe sie noch über die üblichen Begrüßungsformeln hinaus waren, schon durch den freundlichen Blick entwaffnet fühlten. Bescheiden stellte Kohn erst sich selbst, dann seinen Begleiter als den Bruder des verstorbenen Studenten vor, um dessenwillen mau eine Anfrage bei dem Herrn Rabbtucr sich erlaube. „Ihr Anliegen ist mir bekannt: Sie wollen wissen, ob ich eine Bestattung nach studentischem Brauche gestatte? Diese Frage ist seitens der Beerdigungs- Brüderschaft bereits an mich gestellt und von mir bejaht worden." Erstaunt sahen sich die beiden jungen Männer au, so leicht hatten sie es sich nicht gedacht, ihren Wunsch erfüllt zu scheu, und schon war er gewährt, noch ehe sie nur ihn ausgesprochen hatten. Der Fremde brach zuerst das Schweigen, drückte seinen Dank für die befriedigende Antwort ans und setzte dann hinzu: „Gestatten Sie mir, Herr Rabbiner, das sreimüthige Geständniß, daß ich mir die Gewährung meiner Bitte schwerer gedacht; ich glaubte, Sie als streng orthodoxer Rabbiner, würden eine Voreingenommenheit gegen feierliche Aufzüge, namentlich wenn dieselbe mit Musik verbunden sind, nicht verläugnen können und würden uns Schwierigkeiten machen." „Auf meine persönliche Neigung oder Abneigung,"

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