Der Israelit
- Journal
- Der Israelit
- Volume
- 22 (1881)
- Issue
- Heft 4 (26.1.1881)
- Date
- 1881-01-26
- Page
- – (sequence 20)
- Language
- German
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96 bemerkte jener, „kommt es bei der Entscheidung ritueller Fragen nicht an. Ein Anderes ist es, ob ich solche Feier- und Prachtentfaltung befürworten oder gar anregen würde, ein Anderes wieder, wenn ich die Anfrage, ob eine solche gesetzlich gestattet oder verboten sei, beantworten soll. Da ziehe ich den Buchstaben des Gesetzes zu Rathe, nicht meine Neigung." „So bin ich denn wirklich glücklich, daß ich nicht in die peinliche Lage versetzt worden bin, einen Widerspruch versuchen zu müssen, bei einer etwaigen Discussion hätte ich außer der Unannehmlichkeit, Ihnen zn widersprechen, gewiß das beschämende Gefühl des Unterliegcns davon getragen." „Ich glaube nicht", bemerkte der Rabbiner lächelnd, „daß es zu einer Discussion gekommen wäre; es gilt hier „nein" oder „ja." Eine Diseussion wäre hier nur möglich gewesen, wenn ^ie meinen Ausspruch an der Hand der maßgebenden Gesetzesguellcn hätten widerlegen können, und ich glaube wohl nicht, Sie zu beleidigen, wenn ich annehme, daß Sie mir mit solchen Waffen nicht hätten entgegcntreten können." „Nein, nein! Herr Rabbiner, ich bekenne offen meine Unwissenheit auf diesem Felde.-Nun hätte ich aber noch eine Bitte; ich 'weiß, es ist kühn von nur, etwas von Ihnen zu verlangen, das Ihre Gewissensgrundsätze Ihnen zu erfüllen vielleicht verbieten, aber entschuldigen Sie mich im Voraus in Anbetracht des traurigen Ereignisses, das mich zu Ihnen geführt hat und verzeihen Sie mir, wenn ich vielleicht durch diese Bitte Aenßerungen von Ihnen provozire, die Sie gerne zurückgehalten hätten " „Sie sehen mir nicht darnach aus, als ob Sie mich zu einer unredlichen oder unehrenhaften Handlung veranlassen wollten, sonst müßte ich Ihnen gleich erwidern: Sprechen Sie lieber die Bitte nicht aus! Doch ich fürchte Ihrerseits nicht einen für mich unehrenhaften Antrag und — sagen Sie nur rund heraus, was Sie wünschen." „Ich — ich hätte es sehr gerne gesehen, wenn Sie dem Leichenbegängnis; meines Bruders beiwohnten. Wenn man auch im Leben der Religion und den religiösen Hebungen fern steht, so will man doch, sofern noch eine Spur von Religiosität im Menschen ist — und wir Geschwister sind ja alle religiös erzogen — die Segnungen der Religion nicht ganz entbehren. Für mich als den Hinterbliebenen, wäre es ein peinlicher Gedanken, den Geistlichen nicht an der Bahre meines Bruders zu sehen, und ich bin überzeugt, er selbst hätte beim Herannahen seines Todes diesen Wunsch ausgesprochen, wenn ihm das Bewußtsein bis zuletzt geblieben wäre." Ich habe Sie aussprechen lassen und muß zuerst mein Bedauern aussprechen — Sie sehen mich plötzlich so fragend an, als ob Sie eine abschlägige Antwort erwarten, nun beruhigen Sie sich, ich werde der Leiche folgen — aber ich muß mein Bedauern anssprechen, daß solche Anschauungen als sei die Religion nur für besondere hochsreudige oder hocktraurige Momente im Leben da, heute nickt mehr zu den Seltenheiten gehören. Damit hängt nun die ebenso traurigcErscheimmg zusammen, daßdem jüdischen Geistlichen eine Stellung vindictirt wird, die er in der That nicht einnimmt. Es wäre für das Wesen der Religion besser, wenn man die Stellung des nichtjüdischen Geistlichen nicht ans den Rabbiner übertragen hätte. Bei uns Juden bedarf cs weder zum Leben noch zum Sterben des Rabbiners. Es ist für die Seligkeit nichts gethan, wenn der Rabbiner einer Leiche folgt, und cs geht von der Seligkeit nichts verloren, wenn er es unterläßt, sowie auch dessen Begleitung oder Nichtbegleituug für den Verstorbenen rein Zeugniß für oder gegen seine Glaubenstüchtigkeit oder Ehrenhaftigkeit ist. Ich werde natürlich der Leiche folgen, nicht weil ich Rabbiner, sondern Jude und als socher, wie Jeder cut§ meiner Gemeinde, verpflichtet bin, diesen Liebesdienst zu üben, sofern nicht ein unvorhergesehenes Hindernis; in dieser Pflichtübung mich stört." „Ich danke Ihnen für Ihre Zusicherung; ich muß offen gestehen, daß ich glaubte, ^tc würden an dem irreligiösen Wandel meines verstorbenen Bruders Anstoß nehmen und die Begleitung verweigern." „Diesen Lebenswandel fmm ich nur bedauern, kann mich aber nicht zum Richter darüber aufwerfcn; kenne ich die Umstände und Verhältnisse, die ihn ans diese Wege brachten? Ist cs nicht möglich, daß er in seiner Todesstunde sein vergangenes Leben bereut hat? Unsere Weisen lehren: „Nickte deinen Nächsten nicht, jbis du an dessen Stelle gekommen" und „benrtheile jeden Menschen zürn Bessern." Daß gegen diese Sätze so oft gefehlt wird, ist leider die Ursache vieles Unheils." Bisher hatte Kohn stillschweigend der ganzen Unterredung zugehört; jetzt, da sein Begleiter zum Abschied sich erhob, drückte jener seine Freude darüber aus, die Bekanntschaft des Rabbiners gemacht und in der kurzen Zeit, eine ganz andere Anschauung über das fromme Judenthnm als sie ihm bisher eigen war, gewonnen zu haben. Er konnte mit dem Wunsche nicht zurückhalten, den Rabbiner bisweilen besuchen zu dürfen, um Gelegenheit zn bekommen, das wahre Judenthnm kennen zu lernen. Mit entgegenkommender Liebenswürdigkeit erklärte der Rabbiner dem Jünger der Medizin sein Haus alleneit für ihn geöffnet, und die jungen Männer verabschiedeten sich.