Der Israelit
- Journal
- Der Israelit
- Volume
- 22 (1881)
- Issue
- Heft 4 (26.1.1881)
- Date
- 1881-01-26
- Page
- – (sequence 10)
- Language
- German
- Belongs to
- journal issue
- OCR quality
- 96% known words query
- IRI
…/2446951-2447850-2447854--17165-2473176- Visual Library
- page viewer of the UB Frankfurt
OCR text
8(5 und Widerspruch.) Die ganze Bewegung läuft nur darauf hinaus, daß eine conservative Mehrheit für die Land- und Reichstagswahlen erzielt werden soll, damit wir noch mehr m die rückläufige Bewegung hineinkommen. Herr Stöcker ist nun aber noch dazu ein Diener Gottes, ein Prediger, für den das Wort gelten soll: Liebe Deinen Nächsten, wie Dich selbst, und thue wohl Denen, die Dich beleidigen. (Unruhe. Zur Sache!), Herr Stöcker müßte also die Juden segnen! — Herrn Dr. Henrici ist auf seine Bierrede auf den Bock zu erwidern: Wenn man den Deutschen an: Biertrinker: erkennen soll, dann danken wir. An der guten Sitte muß man dm Deutschen erkennen, nicht aber am Saufgelage. (Lebhafter Beifall.) In der letzten Tonhallen - Versammlung hat Hr. Stöcker scheinbar schon etwas abrüsten wollen. Aber ich frage Sie: wenn ich ein schädliches Feuer au meines Nachbars Haus lege und es kommen die Buben, welche das Feuer so anfachen, daß das Haus abbrennt, wer trägt dann die Verantwortung: ich oder die Buben. (Beifall.) So trägt auch Herr Stöcker die Verantwortung für diese Hetze. (Lärm, Beifall.) Unsere Gesetze und Rechte bedürfen keiner Ergänzung durch Ausnahmegesetze, am meisten wird sich der Arbeiterstand davor bedanken und nicht die Hand zu Ausnahmegesetzen bieten, da das Gros des Ärbeiterstandes unter Ausnahmegesetzen schmachtet. (Lebhafter Beifall.) Der Arbeiter darf nicht Thcil haben an solchen Machinationen, wenn man sich des deutschen Namens im Auslande schämen soll. Was hat der Arbeiter mit der Judenhetze? Nun, der Arbeiter soll wieder einmal gebraucht werden und wenn man ihn gebraucht hat, dann wirft man ihn zur Seite. (Sehr wahr!) Ich glaube, daß die größte Mehrzahl in diesem Saale meiner Ansicht ist. (Lebhafter Widerspruch und Lärm.) Ich lasse mich durch Unterbrechungen nicht irritircn und vertheidige meine Ansicht, wie es mir vorgeschrieben ist. (Großer Lärm und Zurufe aller Art.) Der Redner berichtigt sich dahin, daß er habe sagen wollen, „wie er es für seine Pflicht halte", betont nochmals, daß es Pflicht der Arbeiter ist, gegen diese Bewegung Opposition zu machen und empfiehlt schließlich folgende Resolution: In Erwägung, daß das Bestreben, die sogen. Judenfrage durch Wiederbeleben des auf längst veraltete Vorurtheile gegründeten und einer niederen Culturftufe entsprechenden Rassenhasses, sowie durch Ausnahmegesetze gegen die Juden lösen zu wollen, eine dem wirklichen Rechtsbewußtsein und der sittlichen Bildung der deutschen Nation widersprechende, inhumane Verirrung ist, welche, wenn ihr Folge gegeben würde, Deutschlands Interessen gegenüber dem Auslande sowohl in politischer, als auch in volkswirthschaftlicher Beziehung zu beeinträchtigen geeignet wäre; in fernerer Erwägung, daß es sich in der gegenwärtigen angeblich nationalen antisemitischen Bewegung in Deutschland im Grunde nur um einen materiellen Jnteressenstreit und um Machtfragen innerhalb der besitzenden Elasten handelt — um Tendenzen, die in keiner Weise eine Besserung des Looses der Lohnarbeiter zur Folge haben können; sodann in Erwägung des Umstandes, daß die»-: auf einen Ansturm gegen die wesentlichsten Grundlagen des modernen Staates, gegen die Gleichberechtigung der Staatsbürger, abzielende, innerlich widerspruchsvolle Bewegung eine Handhabe zur Erreichung rückläufiger politischer Zwecke darbietet; sowie in Erwägung, daß die Interessen der Lohnarbeiter durch eine etwaige weitere Vermehrung der rückläufigen Elemente in den parlamentarischen Vertretungskorpern in noch höherem Grade geschädigt werden würden, als es bisher schon der Fall war; und in endlicher Erwägung, daß der Gerechtigkeitssinn und demokratische Geist der vorurtheilsfreien, in ihrer großen Mehrheit unter bem Drucke von Ausnahmegesetzen gegenwärtig selbst leidenden Lohnarbeiter Deutschlands, deren politisches Verhalten die Grenzen des Gesetzes nie überschritten Hai. gegen eine Schmälerung der den Juden verfassungsmäßig garantirten staatsbürgerlichen Gleichstellung sich sträuben muß — beschließt die am 11. Januar 1881 in den Reichshallen tagende öffentliche Arbeiterversammlung: I. Wir warnen alle städtischen und ländlichen Lohnarbeiter Deutschlands vor den Bethörungsversuchen gewisser angeblicher Volksfreunde der verschiedensten Art, sich zu einer Betheiligung an jener gottlosen und widersinnigen Bewegung verleiten und als Werkzeuge zu ihren selbstsüchtigen, bewußt oder unbewußt volksfeindlichen Zwecken gebrauchen zu lassen Ebenso warnen wir die Arbeiter vor jeder weitere:: Betheiligung an dieser sie nicht direct berührenden Bewegung. H. Wir fordern die Arbeiter auf, bei den Reichstagswahlcn überall da, wo unter den derartigen Ausnahmezuständen nicht völlige Wahlenthaltung geboten ist, nur solchen Candidaten ihre Stimme zu geben, die sich verpflichten, nicht nur gegen Ausnahmegesetze, sondern auch für Aufhebung der noch bestehenden wirken zu wollen. III. Wir bitten die Lohnarbeiter, sowie die gesummte vorurtheilsfreie und unabhängige Presse Deutschlands, in dem hier ausgesprochenen Sinne aufklärend zu wirken und unserer Resolution die weiteste Verbreitung zu verschaffen. (Stürmischer Beifall.)