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Der Israelit · 1881-01-26 · Heft 4 (26.1.1881) · page 9

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Journal
Der Israelit
Volume
22 (1881)
Issue
Heft 4 (26.1.1881)
Date
1881-01-26
Page
– (sequence 9)
Language
German
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XXII. Jahrgang. Erste Beilage za tlr. 4 des Israelit. Zeitungsnachrichten und Correspondenzen. Deutschland. Berlin, 13. Jan. „Die Stellung der Arbeiter zur Judenfrage", so lautete die Tagesordnung einer allgemeinen Arbeiterversammlung, welche zu Dienstag Abend nach dem Saale der Reichshallen geladen worden war. Der Andrang war ein ganz colossaler, und da die Arbeiter-Legitimationen am Eingänge einer sorgfältigen Prüfung unterworfen wurden, so ergab sich, daß die 3000 Personen, welche den Saal bis auf den letzten Platz füllten, ausschließlich zur Kategorie der Lohnarbeiter gehörten. Alle sociale Schattirungen waren vertreten: Social-, demokraten, Gewerkvereinler, Christlich - Sociale in starker Zahl und auch viele Kteinmeister nahmen an der Versammlung Theil. Eine gewisse Erregung der Gemüther gab sich schon vor Eröffnung der letzteren kund, ein unbestimmtes Hin- und Herwogen und eine gewisse Unruhe, welche das Schlimmste befürchten ließ. Im Ganzen war der Versammlung, Dank der kräftigen Lunge und der rastlosen Energie des Vorsitzenden, jedoch ein ganz ordnungsmäßiger und die theilweise recht lärmenden Unterbrechungen einzelner Redner, die dem überwachenden Polizei- Lieutenant Veranlassung gaben, dem Vorstande den Wunsch nach Ruhe auszudrücken, konnten immer wieder in die Grenzen des Erlaubten zurückgebracht werden. Kurz vor 8 Uhr eröffnete Herr Tischlergeselle Poppe, der die polizeiliche Anmeldung übernommen batte, die Versammlung. Er begrüßt dieselbe und bittet um Unterlassung aller Ruhestörungen und Bewahrung der möglichsten Würde, damit die Arbeiter Berlins zeigen, daß sie verständig und parlamentarisch gebildet genug seien, um in öffentlicher Debatte einer solchen Frage näher zu treten. (Beifall.) Bei der Aufforderung zur Constituirung des Bureaus werden allseitig die Rufe: Beck! Beck! laut, dazwischen jedoch auch andere Vorschläge gemacht. Gewählt werden: Tischlergeselle Herr Beck) der Leiter der Tischlerlohnbewegung vom letzten Sommer) zum ersten, Herr Poppe zum zweiten Vorsitzenden, die Herren Plouk und Gundlach zu Schriftführern. Hierauf nimmt das Wort als Referent Herr Ewald: Ich will keinen Vortrag halten, sondern i als schlichter Arbeiter zu Arbeitern sprechen. Alle i Parteien requiriren zu Zeiten die Arbeiter für sich und j in neuester Zeit thut dies mit besonderem Nachdruck! Herr Stöcker. Wenn man sicb die Versammlungen j ansieht, die von Stöcker und Compagnie abgehalten! werden, so muß man immer wieder sagen, daß das! Gros der Berliner Arbeiterwelt der Stöcker'schen Partei nicht angehört. (Lebhafter Beifall und Widerspruch. Große Unruhe. Der Präsident appellirt mehrmals an die Versammlung, erinnert daran unter welchen schwierigen Verhältnissen heutzutage überhaupt Arbeiterversammlungen abzuhalten und bittet, ihn in der Aufrechterhaltung der Ordnung zu unterstützen.) Ich glaube, wir Arbeiter haben diese Phrasen lange genug mit angehört (Lärm und Beifall) und es ist an uns, endlich einmal aufzutreten und ein Wort mitzureden. (Beifall.) Was wollen die Herren Stöcker und Compagnie? Ausnahmegesetze! (Großer i Lärm, lebhafter Beifall. Rufe: Nein! Lüge! Der Präsident appellirt abermals an die Einsicht der Versammlung,) Ja wohl, diese ganzen Agitationen und Machinationen laufen nur auf Ausnahmegesetze gegen die Juden hinaus (Beifall und Widerspruch.) Jeder rechtlich denkende Mensch muß aber gleiches Recht für den Staatsbürger, ganz gleich, welchen Glaubens er ist, verlangen. Was haben denn die Juden gethan, daß man ihnen Ausnahmegesetze geben wist? (Rufe: Sie haben kein Vaterland! Oho! Großer Lärm, Raus! Raus! Der Präsident intervenirt abermals und droht, gegen etwaige Ruhestörer sein Hausrecht nachdrücklich!! zu handhaben. Beifall.) Man wirst den Juden vor, daß sie schacherisch, selbstsüchtig, egoistisch, schmeichlerisch u. s. w. sind. Wenn einige von diesen Behauptungen theilweise zutreffen, so fragt es sich doch: wer ist schuld daran. Wenn die Juden bis in die 40er Jahre theilweise rechtlos waren und unterdrückt wurden, so ist es ganz natürlich, daß sie sich eng zusammengeschlossen und eine Art großer Familie, einen Staat im Staat bildeten. (Rufe: Jetzt noch! Das thun sie immer!) Seit sie gleiche Rechte haben, haben sie diese Abgeschlossenheit aufgegeben, sie sind nicht blos Schacherjuden geblieben, haben theilweise Handwerke erlernt ... (Oho! Oho! Gelächter.) Hr. Stöcker benutzt die Judenfrage nur als Wahlagitation (Sehr wahr!), ein vernünftiger Arbeiter wird wissen, wo die ganze Geschichte hinaus will und jeder vernünftige Mensch überhaupt wird auf diesen Köder nicht anbeißen. (Lebhafter Beifall

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