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Der Israelit · 1881-01-26 · Heft 4 (26.1.1881) · page 8

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Journal
Der Israelit
Volume
22 (1881)
Issue
Heft 4 (26.1.1881)
Date
1881-01-26
Page
– (sequence 8)
Language
German
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84 den sich Dir die Räthsel der göttlichen Weltenlenkung erschließen!" „„Und bietet die Thora wirklich solche Wissenschaft?"" „Schau dort hinab, Akiba. Der Bach fließt dahin. Gewaltige Steine suchen seinen Lauf zu hemmen. Er aber stürzt sich auf sie, zerschellt zwar an ihnen, spritzt In die Höhe' und löst sich auf in unzählige Tropfen. Aber die Tropfen sammeln sich wieder, und ruhig setzt der Bach seinen Lauf fort, bis er auf neue Hindernisse stößt, die er gleichfalls überwindet. So geht er unaufhaltsam seiner Bestimmung entgegen, bis er sich ins Meer ergießt. Und nun betrachte die Steine, die großen gewaltigen Felsmassen. Schon sind sie ausgeschliffen, durchlöchert und durchbohrt von der Gewalt des schwachen Wassertropfens. Siehe, diesem Bache gleicht unser Volk, wenn es erfüllt ist vom Geiste der Gotteslehre. Ihm stellen sich, gewaltigen Felsmassen gleich, die feindlichen Völker entgegen. Unaufhaltsam verfolgt es seinen Weg, den ihm die göttliche Vorsehung vorzeichnet. Nicht können die Steine es hindern; aber sie werden zermalmt und durchbohrt von der Gewalt des scheinbar so schwachen Wassertropfens, wie es heißt: Das Wasser höhlt die Felsen aus." „„Steht das wirklich in der heiligen Schrift?"" „Jjob sagt cs, der große Dulder!"' „„Wunderbar! Solche Weisheit findet sich in der Thora?"" „In der Thora, die Du verschmähst, der Du die ganze Kraft Deines Geistes widmen solltest." \,„C, sage mir nur Eines, Herrin: Warum mußte das große Unglück, die Zerstörung des heiligen Tempels, die Vernichtung des jüdischen Staates, gerade in unfern Tagen über uns hereinbrechen? Warum müssen gerade wir das Alles erdulden, warum sind wir nicht geboren worden in einer Zeit des Glückes und des Frohsinns, roarnm müssen wir büßen für die Sünden der Väter?"" „Ich kann Dir nur wiederholen: Geh' hin und lerne. Aber die Geschichte unseres Volkes lehrt uns, daß auch der Ungelehrte manches verstehen kann von den geheimnißvollen Wegen der göttlichen Vorsehung. Als Gott in grauer Vorzeit den Bund schloß mit unserem Vater Abraham, da verhieß er ihm: Und Fremdlinge werden sein Deine Nachkommen in einen: Lande, das ihnen nicht gehört, und man wird sie knechten und peinigen vierhundert Jahre lang. Und nun bedenke, was hatten Diejenigen verbrochen, die in der ägyptischen Sklaverei geboren wurden, heranwuchsen und starben, die das Licht der Freiheit nicht erschauten? Und doch waren auch sie ein nothwen- I diges Glied in der Kette der Ereignisse; ihre Kinder empfingen die Thora am Sinai, ihre Enkel nahmen; Besitz vom Lande der Verheißung. — Erscheint uns ' das Leben der in der Knechtschaft Geborenen und Gestorbenen nicht elend und freudlos? Sie durften kaum rasten bei der harten Arbeit, ihre neugeborenen Söhne waren immerwährend vom Tode bedroht. Und doch hat der allgütige Gott auch das Leben! dieser Unglücklichen mit einem reichen Maaße von Freuden geschmückt Die Frauen waren es, die edlen, frommen Frauen Israels, welche es sich zur Aufgabe stellten, ihre so hart geprüften Männer zu beglücken. Sie verschmähten die ägyptischen Herren und hingen in unwandelbarer Treue ihren geknechteten Gatten an. Für sie schmückten sie sich, für sie lebten sie und verloren den Muth und die freudige Hoffnung nicht, selbst wenn die Schergen des Tyrannen ihnen ihre Lieblinge, ihre Kinder raubten, um sie im Flusse zu ertränken. Wie damals das häusliche Glück und die innige Liebe zwischen Mann und Weib Israel aufrecht erhielt und stählte und kräftigte, so ist es auch geblieben in allen Zeiten der Noch und Gefahr. Auch in unserer Zeit wird die Liebe wachen an unsren Pforten und uns lehren, allen Leiden Muth und Ausdauer entgegenzusetzen." „„Wenn ich ein Weib finden könnte, das mir treu und liebend zur Seite steht, ich würde nicht sorgen um die Noth des täglichen Lebens, ich würde mich freudig mtb gern der Erforschung der Gotteslehre widmen, selbst wenn ich nicht wüßte, woher ich Speise und Trank und Gewand nehmen sollte. Aber dieses Weib müßte so sein, wie Du, o Herrin. Nicht jedoch wage ich, mein Auge zu Dir zu erheben." " „Und ich, wenn ich wüßte, daß Du einst ein Lehrer würdest werden in Israel — ich würde Deine Werbung nicht zurückweisen." „„Du stellst mir das Ziel ins Ungewisse."" „Ich würde Deine Werbung nicht zurückweisen, wenn Du mir versprechen möchtest. Dich der Erforschung der Gotteslehre zu weihen, magstDu jenes Ziel erreichen oder nicht." „Rahel, Du wolltest . . . ." Er suchte ihre Hand zu ergreifen, sie aber zog die Hand zurück. „Rede mit meinem Vater," sprach sie und eilte von dannen. (Fortsetzung folgt.) Hierzu zwei Beilagen. Verantwortliche Redaction: Dr. Lehmann in Mainz. — Verlag und Expedition des „Israelit" große Bleiche 45. I. ÄottLleben'S Buchdruckerei (Mainzer Anzeiger).

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