Der Israelit
- Journal
- Der Israelit
- Volume
- 22 (1881)
- Issue
- Heft 4 (26.1.1881)
- Date
- 1881-01-26
- Page
- – (sequence 7)
- Language
- German
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'«' MTimi ■H'ifttfWBI 83 er zu seinem größten Verdrusse von dem Ausspruche eines Rabbinen gehört, daß der Unwissende nicht wahrhaft fromm sein könne. Er hatte darin eine Ueberhebung erblickt und die Rabbinen nur noch mehr gehaßt. Jetzt fing er an zu erkennen, daß die Frömmigkeit nicht blos eine Thätigkeit des Gemüthes, sondern auch ein Product des gereisten Denkens sein müffe. Manche Fragen stießen ihm auf, die er sich nicht zu beantworten verstand, und eine heiße Sehnsucht nach der Ausbildung seines Geistes ergriff ihn. Auch Rahel war von einer ihr bisher fremden Unruhe erfaßt worden. Der junge Mann, den sie so eifrig für das Studium der Gotteslehre zu gewinnen sich bemühte, war ihrem Herzen nicht gleichgiltig geblieben. Zwar suchte sie sich zu überreden, daß einzig und allein die Liebe zu ihrem Volke es sei, die sie zu ihrem Vorgehen bestimme; aber wenn sie die Augen schloß, so stand die hohe, edle Gestalt Akiba's vor ihrem Geiste, so glaubte sie in sein feuriges Auge zu blicken, von seiner hohen Stirn die Gedanken zu lesen, so sah sie ihn, wie er einem Könige gleich, den Knechten ihres Vaters Befehle ertheilte. Hinter dem Hause Kalba Sabua's befand sich ein großer Garten, der von einem der vielen Bäche durchströmt wurde, die sich in den See Genezareth ergießen. An einem schönen Sommermorgen wunderte Rahel hinaus ins Freie, um ihrem gepreßten Herzen Erleichterung zu verschaffen. Sie hatte ihre Mutter früh verloren, sie besaß weder Bruder noch Schwester; auch unter den Dienerinnen ihres Vaters war keine, der sie sich enger hätte anschließen können; ihre alte Amme, die sie erzogen hatte, war ein Jahr zuvor gestorben; die Freundinnen ihrer Kindheit waren bei der Zerstörung Jerusalems umgekommen oder von den Römern als Sklavinnen verkauft oder weit ins Land versprengt. So war denn Rahel ganz allein auf sich angewiesen; ihren Vater konnte Rahel nicht zum Vertrauten ihres Herzens machen. Kalba Sabua hatte viel Schlimmes erdulden müssen; sein Gemüth war verbittert und den zarten Regungen des Herzens nicht zugänglich. In tiefes Nachdenken versunken, schritt Rahel am Ufer des Baches dahin, immer aufwärts schreitend, dem Ursprünge des Baches entgegen, der vom Gebirge sich herniederstürzte. Längst hatte sie den Garten am väterlichen Hause verlassen und wanderte durch zackiges Gestein, durch welches der Bach sich mühsam hindurchwand. So kam sie an eine von Olivenbäumen beschattete Bank, welche die Diener für sie aus Rasen hergerichtet hatten; dort ließ sie sich nieder und schaute auf das schäumende an den Felsen in weißer Gischt aufspritzende Wasser hinunter. Plötzlich stand Akiba vor ihr. „Verzeihe, Herrin," sagte er, „daß ich Deine Einsamkeit störe. Aber Du selbst warst es, die Fragen in mir angeregt hat, nach deren Beantwortung ich vergeblich suche, und so möchte ich Dich denn bitten, mir manches Räthsel zu erklären, deffen Lösung ich nicht finde. Ich habe Deinen Worten nachgedacht und dem, was Du über das Geschick unseres Volkes gesprochen. O, sage mir, warum muß gerade Israel unter allen Völkern der Erde so viel dulden und leiden?" „Sieh', mein Freund," antwortete das Mädchen, „je höher und größer eines Menschen Aufgabe auf Erden ist, desto mehr hat er zu erdulden, zu kämpfen, ru ertragen. Der dumme und einfältige Mensch, der sich nicht um Dinge kümmert, die, wie er sagt, ihn nichts angehen, lebt meistens ruhig und in Frieden! Der strebsame Mensch, der für das allgemeine Wohl zu sorgen sich bemüht, erwirbt sich dadurch viel Last und Kummer. Dadurch, daß der allmächtige Gott Israel so hoch erhoben, daß er es erwählt hat aus allen Völkern der Erde, daß er es gemacht hat zu seinem Volke, zum Priester gleichsam der großen Völkerfamilie, dadurch hat uns Gott mitten hineingestellt in alle Kämpfe, und wo um ein Großes gestritten wird, muß Israel dabei betheiligt sein. Es sind immer nur wenige Völker, welche sich emporheben aus der Mitte der andern und ihren Fuß setzen auf den Nacken der Nationen. Die einzelnen Geschlechter wachsen, werden groß, erblühen und verwelken wieder. An jeder dieser Völkerblüthe durste Israel Theil nehmen. Freilich mußte es mit in den Kauf nehmen Elend und Kummer aller Art; oftmals wurde es zu Boden geworfen, und auf seinem Rücken pflügten die Pflüger und zogen lang ihre Furchen. Aber Gott hat uns immer wieder emporgehoben und hat uns nicht dem Verderben preisgegeben. Er hat uns niemals gestraft, wie er unsere Peiniger strafte, und hat uns niemals getödtet, wie er unsere Unterdrücker tödtete, und wenn wir auch mehr erdulden müssen als andere Völker, so hat uns Gott auch die Kraft verliehen, die Schmerzen zu ertragen, die Leiden zu überdauern." „„Du gleichst einer gottbegeifterten Prophetin, Herrin! Nichts scheint Dir verborgen zu sein. So löse mir denn auch ein Räthsel, welches mich seit einigen Tagen unaufhörlich beschäftigt. Wir müssen doch glauben, daß Gott Alles im Voraus weiß. Wie können wir, wenn Gott alle unsere Handlungen schon seit Anbeginn kennt, den freien Entschluß fassen, das Gute zu thun und das Böse zu meiden, wie können wir verantwortlich gemacht werden für unsere Thaten, die der Notwendigkeit, aber nicht unserer Freiheit entspringen?"" „Und das fragst Du mich, Akiba, mich, ein unwissendes Mädchen? Geh' hin und lerne, so wer-