Der Israelit
- Journal
- Der Israelit
- Volume
- 22 (1881)
- Issue
- Heft 3 (19.1.1881)
- Date
- 1881-01-19
- Page
- – (sequence 19)
- Language
- German
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71 Die beiden Apostel Peter und Paul vernehmen im Himmel die Klagen der Antisemiten, daß die Christen von den Juden unterdrückt würden. Sie erbitten darauf die Erlaubniß, aus die Erde hernieder zu steigen, und den bedrängten Christen zu helfen. Nachdem ihnen die Erlaubniß hiezu gewährt worden, gehen sie dem Geschrei nach und kommen direct nach Berlin in eine Antisemiten-Versammlung. „Was gibts?" fragt den ersten da Sankt Paul — „Du Judenbeugel, halt gleich das Maul! Wir sind Germanen und Antisemiten, Die allen Juden das Maul verbieten, Wir wollen euch wohl das Handwerk legen!" So schallts ihin in wüsten Chor entgegen. Hierauf eröffnet der Apostel Petrus den versammelten Antisemiten, daß die beiden Ankömmlinge die hervorragendsten Jünger des Stifters der christlichen Religion seien, gekommen, um den bedrängten Christen zu helfen. „Das mag wohl sein; doch was denn weiter?" So spricht des wüsten Haufen Leiter. „Wir wollen unter uns nicht Juden leiden. Und Semiten seid ihr doch auch, ihr Beiden. 'Wir kennen euch wohl! Tu nennst dich Paulus; Aber im Grunde heißt du doch Saulus Und bist ein Jude und ein Semit, Den kein Germane gern bei sich sieht. Und du nennst Petrus dich auch per nef:*.s *) Du Judenbengel, du heißest Kephas" Und eigentlich Simon Jonassohn. Wir kennet! genau dich, Du Patron!" ,/Schmeißt Saulus und Jonassohn hinaus!" So schallt das Schreien durchs ganze Haus. Die Apostel werden — geschlagen, geknufst Und gestoßen — hinausgesetzt an die Luft. Nachdem die Apostel draußen noch erfahren, daß im deutschen Reiche auf 80 Christen nur 1 Jude komme, kehren sie in den Himmel zurück, wo der Apostel Petrus in den heftigsten Ausdrücken seinem Unwillen Luft macht. Wir setzen das herrliche Schlußwort hierher: „Gemach! — ruft Gott — Tu mußt nicht schimpfen, Und mir meine Deutschen nicht verunglimpfen, Weil darunter einige wüste Gesellen Voll N-id und verblendet so schreien und bellen. Sahst du Gewölk und Nebel nicht ^chon manchmal dämpfen der Sonne Licht? Es braucht nur einen frischen Hauch von oben, Und all das Gewölk ist schnell zerstoben, Unv die Sonne glänzt und strahlt und lacht In ihrer reinen, goldnen Pracht. Glaubt mir, der Antisemiten Treiben, Es wird nicht lange bestehen und bleiben; Und strahlen als Sonne des deutschen Lands Wird unbefleckt in reinem Glan; Menschlichkeit, Freiheit und Toleranz; — Daß Deutschland blüh, gedeih und wachs, Das wünscht getreuen Sinns Hans Sachs. Die treffliche Broschüre ist in Zürich (Verlags- Magazin) erschienen und kostet 30 Pfennige. *) mit Unrecht. Itus dem Hagebuche eines Aezirks- Babbiners. | ix. | Hattenfels, im October 1880. | Nirgends sonst habe ich die Kluft, die zwischen I Jndenthum und Reformjudenthum, zwischen Juden und Reformjuden klafft, tiefer empfunden, als wenn ich unsere alten heiligen Thorarollen von unseren abgefallenen Brüdern hantiert sehe. — Sie haben ihnen einen prachtvollen Schrein gezimmert, einen gold- und silbergesticktcn Vorhang davor gehängt — in Hattenfels haben sie sogar innerhalb der heiligen Lade noch einen zweiten schweren Vorhang angebracht, als fürchteten sie, die Thora könnte einmal ihren goldenen Kerker sprengen und wieder in der Gemeinde heimisch werden wollen, — in kunstvolle Hüllen hat nian sie gekleidet, sie mit Kronen, Glocken und anderem Schmuck geziert, aber man ^at sie in die Ecke gedrückt und nur der Snabbat oder Feiertag befreit sie aus einige Minuten aus ihrem Verließ, um dann mit feierlichem, kaltem Gepränge — öffentlich verhöhnt zu werden. Denn es ist und bleibt doch eine Verhöhnung sonder Gleichen, wenn Leute, die ihr Schicksal beklagen, das ihr Wohl und Wehe mit tausenden von Fäden an die Erfüllung oder Nichterfüllung dieser Thora geknüpft hat, wenn Leute, die daher der Thora und ihren Satzungen aus tiefster Seele gram sind, beim Anblick der eingekerkerten Gefangenen in trefflich geleiteten Chören hinausrufen und singen: icj/p mm jmo ins lnampD. Es ist und bleibt doch eine Heuchelei sonder Gleichen, wenn Leute, die nichts weniger als erbaut davon sind, daß sie nun einmal zum „auserwählten" Volke gehören, die daher das, was den Juden zum Juden macht, die Anerkennung der Göttlichkeit unserer Thora und ihre praktische Verwirklichung und Erfüllung im Leben weit, weit von sich weisen, wenn solche Leute vor die heiligen Rollen, deren Inhalt sie verachten, hintreten und allerdings nur leise flüstern: jmi D'oyn baa ua -ina *ina .irmn nx Warum findet man unter hundert Resormjuden kaum einen einzigen, der. die mm über die mm laut und vernehmlich spricht? — Steigt ihnen vielleicht doch die Schamröthe in's Gesicht, stockt ihnen vielleicht doch das Wort auf dem Wege zwischen dem thoraleugnenden Herzen und dem thorapreisenden Munde, wird ihnen Angesichts unserer heiligen Thora vielleicht doch die schwere Versündigung klar, die gerade in jener ceremonietlen Verehrung, in jenen gold- und silberverbrämten Mäntelchen, in den trefflich geschulten Chören zu Tage tritt? Wird doch der ganze Nimbus um so hohler, heuchlerischer, je glänzender