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Der Israelit · 1881-01-19 · Heft 3 (19.1.1881) · page 20

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Journal
Der Israelit
Volume
22 (1881)
Issue
Heft 3 (19.1.1881)
Date
1881-01-19
Page
– (sequence 20)
Language
German
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72 er die verachtete, aus dem Leben in den oer^olbeteu Schrein gebannte Thora umfließt. Sollte fle wirklich das Gefühl der Schaam ergreifen, wenn sie der alten Thora gegenüber stehen und sie daher nicht den Muth zu einem lauten Worte haben? Oft habe ich mir diese Fragen vorgelegt, wenn ich die scheue Berlegenheit gewahrte, in welcher Reformjuden, die doch sonst den Mund so voll nehmen, so kläglich kleinlaut die mmn rva-a hinlispeln. Doch nein, sie schämen sich nicht; dieses Gebahren ist es ja, das sie als ihren Fortschritt bejubeln. Ich war es, der ich mich für meine Brüder schämte, weil sie es verlernt haben, weil sie kein Ohr für die Stimme haben, die Tag für Tag vom Choreb herab über die kränkende Mißachtung klagt, welcher Gottes Wort im Kreise der Menschen begegnet. Diese und ähnliche Gedanken wogten mir durch die Seele, als ich — der Herr Vorsteher hatte mir noj:m rwsm übertragen — die Thorarolle aus der heiligen Lade nahm. Die mit der Thorarolle verbundenen Ehrenfunctionen werden in Hattmfcls natürlich nicht verkauft. Die Mizwoth stehen in Hattenfels zu niedrig im Cours, als daß ihre Versilberung etwas Erkleckliches abwerfen würde. Zudem wäre es auch zu ungebildet in Hattenfels, im letzten Viertel des 19. Jahrhunderts noch Geld für Mizwoth zu geben! „Warum kaufen Sie Kühe, Pferde, Wein und Getreide?" fragte ich, als mir der Vorsteher nach der Synagoge dieses letztere Argument entaegenhielt. „Warum wird man durch den Kauf und Verkauf eines Ackers nicht ungebildet und warum wird man es, wenn man Geld für eine Mizwo gibt? Sie wollen den Armen nicht beschämen, der berm Erwerb einer Mizwoh mit dem Bemittelten nicht concurriren kann? Aber warum wird man gerade bei den Mizwoth so empfindsam während man es selbstverständlich findet, daß der Bemitteltere besser wohnt, ißt, trinkt und sich kleidet und so den Armen in hundertfacher Weise seine Armuth fühlen läßt?" „Im täglichen Leben", erwiderte der Herr Vorsteher, „lassen sich die Unterschiede zwischen Arm und Reich nicht ausgleichen, um so mehr sollte man es in der Synagoge bestrebt sein." „Haben Sie nicht," entgegnete ich ruhig, „Ihre Plätze in der Synagoge derart vermiethet, daß die ersten Vorderplätze die theuersten sind und so die Bemittelteren in den vorderen, die weniger Bemittelten in den Hinteren Reihen placirt sind? Und liegt denn in der That eine Zurücksetzung vor, wenn der Vermögende für das Geld, das er sich's kosten lassen kann und auch kosten läßt, sich leichter eine Mizwoh oder einen besseren Platz erwerben kann, als der weniger Vermögende? — Jst's Ihnen mit der Parität aller Synagogenbesucher ernst, warum hat man sie in den ernstesten Momenten des Jahres verletzt, indem man laut H so und so viel der Synagogen- Ordnung die alte jüdische Sitte beseitigte, nach welcher Reich und Arm an pjo und di» in gleicher Kleidung, in den Sterbekleidern vor dem Herrn über Leben und Tod erscheinen?" Da ich den Herrn Vorsteher damals noch nicht so genau kannte, so wußte ich nicht, daß er immer in eine nervöse Aufregung zu verfallen pflegte, wenn irgendwie in der Unterhaltung vom Tode die Rede ist. Woher das kommt, weiß ich selbst nicht. Furcht ist es wohl nicht; denn wie sollte sich ein so gebildeter Mann mit so erleuchteten Grundsätzen fürchten! Wenigstens würde er diese Furcht nicht eingestehen; sie läßt sich ja auch leicht durch einige Phrasen bemänteln. Wer sich schämt Furcht vor dem Tod zu haben, kann sein Gruseln als einen Horror bezeichnen, der die mangelhafte Bildung des Todes einem „gebildeten" Menschen einflößen muß. Wer so plötzlich ohne allzuklopfen eintritt, so wenig Rangunterschiede kennt, so gering von der Etiguette denkt und immer das letzte Wort hat, wie der Tod, warum sollte der einem Reformjuden, der nicht höher als bei seiner Bildung und Aufklärung schwört, nicht — fürchterlich sein! Kurz, der Herr Vorsteher verfiel in eine so hochgradige Nervosität, als er von Tod und Sterbekleidern sprechen hörte, daß ich es für gerathen hielt, das ganze Thema fallen zu lassen. Diese Angst vor dem Tode, ist ein nicht minder charakteristisches Moment, das den Namenjuden vom Juden sondert. Die bange Scheu des Einen und die zuversichtliche Furchtlosigkeit des Anderen*) sind in der That die zuverlässigsten Proben für das Rechenexempel ihres Lebens. Wenn nach allem Calculiren und Manipuliren nach abgeschlossener Lebensrechnung die Furcht als Rest bleibt, so bedarf es keines weiteren Beweises, daß die Rechnung falsch war. Schon der alte Bileam hat bei aller Zungenfertigkeit nicht den Wunsch unterdrücken können, einmal so zu sterben, wie redliche Menschen sterben. D'-u" mo ’tpsj mon, Sterben möchten unsere Reformjuden wohl auch so wie die Orthodoxen, aber leben wollen sie nicht so; dann liegt's. Da treten sie hin an die Thorarollen und ihre Lippen nennen sie den „Baum des Lebens", den Gott in unsere Mitte gepflanzt, aber im Herzen glauben sie nicht an sein Leben. Diesen Baum oes Lebens haben sie aus ihren Herzen und Geistern gerissen und ihre selbstgezogene Treibhauspflanzen an seine Stelle gesetzt! Sie haben dem o»»nn yy den *) Anm. der Red.: Das ist wohl nicht ganz zutreffend; siehe in dieser Nummer in der Erzählung „Akiba", was der Talmud über die letzten Lebensstunden des R. Jochanan ben Sackai berichtet.

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