Der Israelit
- Journal
- Der Israelit
- Volume
- 22 (1881)
- Issue
- Heft 3 (19.1.1881)
- Date
- 1881-01-19
- Page
- – (sequence 18)
- Language
- German
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70 Stellung nahmen, eine große Bedeutung bei. Die 3—4000 versammelt gewesenen Arbeiter gehörten in ihrer überwiegenden Majorität der Socialdcmokratie an, während die Minderheit sich aus Mitgliedern der Gcwerkvereine rekrutirte und die wenigen anwesenden Christlich-Socialen nur die Aufgabe hatten, Unterbrechungen zu veranlassen. Die verschiedenartigen seit Wochen hier cursirenden Gerüchte, wonach die Socialdemokratie die Agitationen der Herren Stöcker, Henrici und Genossen protegire und eventuell bei vorkommenden Stichwahlen zwischen Fortschrittlern und Antisemiten — denn auch solche Eandidaten wird cs bei den nächsten Wahlen geben — für die letzteren eintreten werde, sind damit gründlich widerlegt. In der gestrigen Versammlung wurde fast einstimmig eine Resolution angenommen, welche sich auf's Schärfste gegen die Antisemiten-Agitation erklärt. Berlin. 13 Jan. Beider gestern Abend stattgehabten Wahlmänner-Versammlung wurde folgende von Prof. Virchow beantragte Resolution mit allen gegen eine Stimme angenommen: „Die heutige 3500 Personen zählende allgemeine Versammlung der Wahlmänner Berlins gibt dem Bedauern und der Entrüstung darüber Ausdruck, daß unsere Stadt feit einiger Zeit zum Schauplatz von Versammlungen, Kundgebungen und selbst gewaltthätigen Ausschreitungen gemacht wird, welche darauf ausgehen, durch Aufstachelung der verwerflichsten Leidenschaften die Mitglieder verschiedener Bekenntnisse mit Haß und Verachtung gegeneinander zu erfüllen und geeignet sind, den Ruf der Reichshauptstadt und die Ehre des deutschen Namens zu beflecken. Die Wahlmänner Berlins verwahren sich und die von ihnen vertretene Bürgerschaft gegen jede Antastung der Rechtsgleichheit der religiösen Bekenntnisse; sie sind einig in der Ueberzeugung, daß nur in dem friedlichen und einträchtigen Zusammenwirken alle Kräfte des nationalen Lebens, vor dem kein Unterschied der Bekenntnisse Berechtigung hat, die Wohlfahrt des deutschen Reiches und seiner einzelnen Bürger gedeihen kann." (Lebhafter langanhaltender Beifall.) Berlin, 16. Januar. Bei der gestrigen Generalversammlung der Victoria - National - Jnvaliden- Stiftung wandte sich der Kronprinz an den Geheimrath Magnus mit der Frage, wie er mit dem vergangenen Jahre zufrieden gewesen sei? Der Angeredete entgegnete, daß angesichts der dem Kronprinzen wohlbekannten Agitation das Jahr für ihn eines der trübsten seines langen Lebens gewesen. Wenn ihm und unzähligen seiner Glaubensgenossen inmitten dieser traurigen Bewegung ein starker Trost geblieben wäre, so sei es die lebendige Erinnerung an den an dieser Stelle gethanen Ausspruch des Kronprinzen, daß er die Bewegung bedauere und daß sie eine Schmach für unsere Zeit sei. Mit allem Nachdruck bemerkte hierauf der Kronprinz, daß er dieselbe Anschauung heute wie damals hege, daß er die gedachten Bestrebungen entschiedenst mißbillige und verwerfe Was sein Gefühl dabei am meisten verletze, sei die Hineintragung dieser Tendenzen in die Schule und in die Hörsäle; in die Pstanzstätten des Edlen und Guten sei dieses böse Samenkorn hineingeworfen worden, hoffentlich werde es nicht zur Reife gelangen. Er vermöge nicht zu fassen, wie Männer, die auf der geistigen Höhe stehen oder ihrem Berufe nach stehen sollten, sich hier zu Trägern und Helfershelfern einer in ihren Voraussetzungen und Zielen gleichmäßig verwerflichen Bewegung hergeben könnten. Der Kronprinz zog zur Erläuterung dieser Anschauungen eine Anzahl markanter Zwischenfälle der letzten Zeit herbei, wobei er auf die Geschichte der Agitation und ihrer Phasen einging. Gelegentlich der Versammlungen knüpfte der Kronprinz insbesondere an die in den Reichshallen stattgefundene Worte der Verurtheilung. Im weiteren Verlaufe der Unterredung fragte der Kronprinz, ob es wahr fei, daß viele jüdische Familien Berlin zu verlassen beabsichtigten. Herr Magnus entgegnete, daß ihm kein einziger Fall zur Kenutniß gekommen sei und er auch nicht daran glaube. Unter den Juden herrsche wohl leicht eine begreifliche und tiefgehende Erregung, aber keinerlei Furcht. Die früheren Worte des Kronzprinzen, die Erkärung der Notabeln, die Resolution der Berliner Wahlmänner und allem voran die Antwort des Kaisers an die Stadtvertretungen von Berlin hätte« mächtig dazu beigetragen, die feindseligen Bestrebungen in ihren nächsten Wirkungen abzuschwäche«. Der Kronprinz meinte hierauf, auch er gebe sich der sicheren Hoffnung hin, die Bewegung werde sich langsam im Sande verlieren. Derartige ungesunde Dinge könnten keinen Bestand haben. Auch er habe vo« den eben genannten Akten mit wahrhafter Genugthuung Keüntniß genommen und glaube an deren gute Wirkung. Er selbst habe dafür nur 7>ie aufrichtigsten Wünsche. Diese Unterredung dauerte fünfzehn Minuten. Feuilleton. 'Professor Daniel Sanders und die Antisemiten. Der berühmte Sprachforscher, Herr Profeffor Daniel Sanders, hat unter dem Namen „Hans Sachs" einen Schwank veröffentlicht, der nicht verfehlen wird, in weitesten Kreisen das größte Aufsehen zu erregen. Wir wollen den Inhalt desselben hier kurz wiedergeben: