Der Israelit
- Journal
- Der Israelit
- Volume
- 22 (1881)
- Issue
- Heft 3 (19.1.1881)
- Date
- 1881-01-19
- Page
- – (sequence 17)
- Language
- German
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XXII. Jahrgang. Zweite Leilage zu tlr. 3 des Israelit. Zeitungsnachrichten und Correspondenzen. Deutschland. Heilbronn am Neckar, 13. Jan. Viele Einwohner und zahlreiche Besucher unserer ersten Handelsstadt in Württemberg, sprachen den Wunsch aus, zu erfahren, wie sich die städtische Behörde zu der berüchtigten Antisemitenpetition, welche wohl auch an den hiesigen Herrn Oberbürgermeister Wüst eingelaufen sein werde, verhalten habe, zumal der hier existirende „conservative Verein" seine Judenfeindlichkeit durch sein Organ, die kleine „Heilbronner Zeitung," nicht selten an den Tag legt. Vor wenigen Tagen erst erfuhren wir aus authentischer Quelle, daß Me Petition allerdings auch hier mit der Bitte um Unterzeichnung und Verbreitung derselben eingelaufen, aber von dem Gemeinderath einstimmig verworfen und erfolglos als Makulatur in den Wandkorb gewandert ist. Zugleich wurde auf den Antrag etlicher Mitglieder des Collegiums beschlossen, etwaigen antisemitischen Aeußerungen der Lehrer an den höheren Kgl. Lehranstalten, den städtischen Volks- und gewerblichen Fortbildungsschulen entschieden entgegenzurreten, wenn solche Vorkommen sollten, und den Frieden nicht stören zu lassen, in welchem hier alle Confessionen neben einander leben. Die Gesinnung unseres hochgeehrten Oberbürgermeisters im Verein mit den Rectoraten und Schulinspectoren bieten Garantie, daß diese Willensäußerung des Gemeinderaths energisch befolgt werden würde, wenn dazu je Veranlassung sich bieten sollte. — Zur morgigen städtischen Bürgerausschußwahl sind von Seiten der Demokratie und der Nationalliberalen auch Israeliten in Vorschlag gebracht trotz der antisemitischen Agitation. Heilbronn, den 13. Januar 1881. Loewenstein. Berlin, 8. Januar. Erheiternd hat in der Umgebung des Reichskanzlers die Nachricht der Köln. Ztg. gewirkt, derselbe habe in Friedrichsruh ein Abschiedsdiner gegeben. Die Gäste desselben müßten denn etwa sein Oberförster und Amtsverwalter, allenfalls auch sein Rechtsanwalt Philipps und sein Hamburger Arzt Dr. Cohn gewesen sein, von welchen letzteren — übrigens beide Juden*) — der Fürst zu sagen pflegt, daß sie ihm die liebste Unter- *) Wenn wir recht berichtet sind, ist dieser Dr. wohl ein Lemit. aber kein Jude. — Red. Haltung seiner Nachbarschaft seien. Uebrigens hat die Behandlung Dr. Cohns, der als ebenso geistvoller wie gebildeter Arzt bekannt ist, günstig auf die Gesundheit des Reichskanzlers gewirkt, der sich in der letzten Zeit gewöhnlich von Mitternacht bis gegen 9 Uhr Morgens eines sehr gesunden Schlafs erfreut und in der Folge dessen nicht nur körperlichen Anstrengungen gewachsen ist, wie seit vielen Jahren nicht — so hat er jüngst in tiefem Schnee einen dreistündigen Spaziergang gemacht — sondern auch eine entsprechende geistige Frische gewonnen hat. Berlin, l2. Jan. Dem „F. I." wird von hier geschrieben: „Wenn die von dem Hofprediger Stöcker eingeleitete Bewegung keine andere Frucht gezeitigt hätte, als diejenige, unserer Socialdemokratie Gelegenheit zu geben, sich in gewissem Sinne moralisch zu rehabilitiren, so hätte sie schon genug geleistet. In der That war die für gestern Abend nach den Reichshallen einberufene Arbeiter-Versammlung ein lauter Protest gegen die Stöcker'schen Agitationen und gegen jede Art sogenannter „germanischer Propraganda," welche sich daran geschlossen hat. Die Mitglieder der Versammlung legten eine sehr bemerkenswerthc parlamentarische Schulung an den Tag, und wenn auch schließlich die von ihnen votirten Resolutionen etwas langathmig ausgefallen sind, so läßt sich doch nicht leugnen, daß dieselben sehr gute Logiker verrathen und in humaner Beziehung dem Zeitalter, in welchem wir leben, viel intimer entsprechen, als die Brandreden, an welche die Antisemiten uns seit geraumer Zeit gewöhnt haben. Es ist kein Zweifel, daß damit den socialdemokratischen Führern eine Gelegenheit geboten wurde, in einer Weise öffentlich aufzutreten, welche ihnen die Sympathien der gebildeten Welt zuführen muß, und so ist auch für diese günstigere Wendung der socialdemokratischen Sache der intellectuelle Urheber der ganzen Hetze, Herr Hofprediger Stöcker, moralisch verantwortlich zu machen. Im klebrigen haben die Arbeiter durch ihr taktvolles Auftreten bewiesen, daß sie die Kinderschuhe der Agitation abgelegt haben. Berlin, 12. Jan. In allen parlamentarischen Kreisen legt man der gestrigen Versammlung in den „Reichshallen," in welcher zum ersten Male Arbeiter und Handwerker zur Antisemiten-Agitation öffentlich