Der Israelit
- Journal
- Der Israelit
- Volume
- 22 (1881)
- Issue
- Heft 3 (19.1.1881)
- Date
- 1881-01-19
- Page
- – (sequence 10)
- Language
- German
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62 nimmt eine sehr geachtete Stellung hier ein, der Andere ist Christ), die auf Veranlassung der Vorstandsmitglieder der Gesellschaft, bei denen P. Abbitte geleistet hatte, die Sache auf sich beruhen lassen wollten, ihm jedoch gleichzeitig die fernere aktive Betheiligung am Carneval untersagten. — Seit dieser Zeit ist P. verschwunden und man vermuthet, daß er sich entleibt habe, vielleicht aus Besorgniß, daß die Sache möglicherweise später einmal nachtheilig für ihn sein könnte. Cassel. Unsere Stadt war letzhin so glücklich, Herrn Hofprediger Stöcker in ihren Mauern begrüßen zu können, und zwar dankte sie diese Freude einem Rufe, den der hiesige konservative Verein an den genannten Herrn gerichtet hatte. In der Wirkung hatten sich jedoch die Herren verrechnet. Sie glaubten, einen hohen Erfolg für die konservative Sache verzeichnen, unsere Wählerschaft vielleicht den Klauen der bösen Fortschrittspartei entreißen zu können. Der 5. Januar, der das große Ereigniß endlich brachte, bot ihnen nur den Beweis, daß sie sich gewaltig getäuscht hatten, sowohl in der Person ihrer Wahl, als auch in dem Geiste unserer Bürgerschaft. Herr Stöcker wollte sich von dem bekannten Vorwurfe des Abg. Parisius reinigen — es verfing nicht; er begann, vor seinen Zuhörern reumüthig zu beichten — er erregte aber keine Zuneigung; er machte schlechte Witze über die Fortschrittspartei, gab Zeugniß von seiner eigenen Unkenntniß der Zeitverhältnisse, und was die Hauptsache ist, die Judenfrage berührte er sehr sanft, wie er ja jetzt überhaupt zum Rückzuge bläst. Der Erfolg war mehr als zweideutig, oenn die Parteiblätter der Konservativen schweigen über die Sache, wogegen die liberalen Zeitungen Stöcker's Auftreten aufs Herbste geißeln. — Stöcker scheint dem Göthe'schen Zauberlehrlinge zu gleichen, der die Wasser durch den Besen wohl hercinzuleiten versteht, aber später das Zauberwort nicht mehr finden kann, das den Diener zum Besen wieder wandelt. Stöcker probirt es mit dem Talmud, Henrici mit dem sogenannten alten Testament, in Kurzem wird Jemand das sogenannte neue Testament als semitisch angreifen, und dann haben die entfesselten Wogen Alles, selbst ihre Entfesseler überschwemmt. Das mahnt zur Vorsicht und Stöcker mag wohl zum Rückzuge predigen, wenn Nachrichten aus Berlin uns nicht trügen. (In Frankfurt a. M., wo Herr Stöcker in voriger Woche einen Vortrag hielt, berührte er die Angelegenheit der Juden gar nicht. Die Red.) Frankfurt, 8. Januar. Vor der Civilkammer des hiesigen Landgerichts ist ein als Zeuge geladener Israelit, der sein Ausbleiben im Termin brieflich durch Berufung darauf entschuldigt hatte, daß er nach seinem Religionsgesetz an einem Sabbath kein (eidliches) Zeugniß aolegen dürfe, dennoch mit 3 Mark Geldstrafe belegt und in die Kosten, welche durch sein Ausbleiben veranlaßt worden, verurtheilt. Die Entscheidung geht nach dem „Jnt-Bl.^ davon aus, daß der Zeuge sich auf die in Bezug genommene Religions-Vorschrift nicht berufen könne, weil die Civil-Prozeß-Ordnung die Ansetzung von Terminen (im Nothfalle) selbst auf Sonntage und allgemeine Feiertage gestattet habe und jeder Zeuge der Vorladung Folge zu leisten verpflichtet sei, auch wenn sie auf einen Feiertag erfolgt sein sollte. Der Zeuge hätte nur rechtzeitig aus dem angegebenen Grunde eine Verlegung des Termins beantragen, nicht aber ohne Weiteres ausbleiben dürfen, vielmehr eine gerichtliche Entscheidung über sein Verlegungsgesuch vor dem Termine erwirken müssen. Hattingen, 8. Jan. In der jetzigen bewegten Zeit, welche das häßliche Gespenst der Judenverfolgung aus der Rumpelkammer mittelalterlichen Racenhasses wieder hervorgebracht, ist es für jeden wirklichen Vaterlandsfreund von erheblichem Interesse, von kompetenter Seite aus ein Gegenstand dem allgemeinen Verständnisse zugänglich gemacht zu sehen resp. zu hören, welcher bei der Entstehung und Entwickelung jener Bewegung von den Producenten derselben mit Vorliebe benutzt worden ist: „Der Talmud." Am vergangenen Mittwoch Abend hielt nämlich im hiesigen Bildungsverein Hr. Lehrer Koesterich über diesen Gegenstand einen Vortrag. Redner erwähnte als Einleitung, daß er sich nur an das wissenschaftliche, zunächst historische Interesse wende, welches jeder Denkende, an ehrwürdigen Denkmälern grauen Alterthums, zu welchem der Talmud zu zählen sei. nehme und dast er nicht beabsichtige, die religöse Tagesfrage in den Bereich seines Vortrages zu ziehen. Herr K. behandelte sodann in durchaus sachlich gehaltener Weise und populärer Sprache das gestellte Thema. Es würde zu weit führen, den Inhalt des Vorgetragenen hier wiedergeben zu wollen. Erwähnt mag nur werden, daß der Vortrag in Beantwortung folgender 4 Fragen gipfelte: 1. Was ist der Talmud? 2. Wie entstand derselbe? 3. Was ist sein Inhalt? 4. Wie verhält sich sein Inhalt zu den Bekennern anderer Confessionen? In zweistündiger wohldurchdachter Rede führte Redner die Beantwortung dieser Fragen in erschöpfender Weise aus. Sein Resüme wies nach, daß der Talmud unreinen durchaus veredelnden Einfluß auf die Juden ausgeübt habe und ausübe. Redner erntete nicht allein den rauschenden Applaus der Zuhörer, sondern auch noch den ofsiciellen Dank des Herrn Vorsitzenden. Es entspann sich noch eine ziemlich lebhafte Discussion über den gehaltenen Vortrag, welche davon Zeugniß