Der Israelit
- Journal
- Der Israelit
- Volume
- 22 (1881)
- Issue
- Heft 3 (19.1.1881)
- Date
- 1881-01-19
- Page
- – (sequence 9)
- Language
- German
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XXII Jahrgang. Erste iSeilage z« Ur. 3 des Israelit. Zeitungsnachrichten und Correspondenzen. Deutschland. München, 5. Jan. Von Berlin aus wurden schon wiederholt Versuche gemacht, die Antisemiten- Bewegung auch dahier besser in Fluß zu bringen. Der Erfolg war jedoch ein sehr geringer und es läßt sich heute konstatiren, daß die Bewegung dahier ganz im Einschlafen begriffen ist. Auf dem Lande war mit Ausnahme einiger fränkischen Gegenden überhaupt wenig von einer solchen zu verspüren. München, 6. Jan. Wenn der Hauptsprecher iu der Berliner „Versammlung von Studirenden deutscher Herkunft" geklagt hat, daß in Süddeutschland eine so geringe Betheiligung an der Antisemiten- Bewegung stattfinde, so hätte er auch beisetzen sollen, daß es an Aneiferungen von Berlin her nicht gefehlt hat. Hier hörte man schon vor länger als einem Monat, daß Aufforderungen zur Unterschrift unter den Studenten verbreitet würden. Diejenigen, von denen wir erfuhren, waren aber mit scharfem Proteste zurückgewiesen. Wären die Unterzeichnungen in irgend nennenswerter Anzahl erfolgt, so hätten es die Faiseure an triumphirenden Verkündigungen nicht fehlen lassen; statt dessen beobachten sie tiefes Schweigen. Beachtenswert ist übrigens bei dieser ganzen Bewegung, so weit sie über Universitäten sich ausbreitet, daß nicht die katholischen, sondern die auf ihre vermeintliche Aufklärung stolzen evangelischen Hochschulen den Reigen führen. Man darf nur Berlin, Leipzig, Göttingen, Halle, Kiel und Rostock nennen. Berlin, 4. Jan. Als Vorsitzender der Volksversammlung in der Vockbrauerei ist übereinstimmend ein Herr Liebermann v. Sonnenberg genannt worden. Zn Bezug hierauf ist dem „Tgbl." folgende Erklärung zugcgangen: „In der Abend-Ausgabe des Berliner .Tgbltts." Nr. 614 ist ein Hauptmann a. D. Lieöermann v. Sonnenberg als Vorsitzender der Versammlung der Antisemitenliga im Saale der Bockörauerei genannt worden. Da nur ein Hauptmann ci. D. dieses Namens hier in Berlin cxistirt, so erkläre ich hiermit, daß ich diese Versammlung als Vorsitzender nicht geleitet habe, überhaupt den Agitationen der Antisemitenliga ganz ferne stehe. Berlin, den 3. Januar 1881. Liebermann v. Sonnenberg, Hauptmann a. D., Lichtenbergerstraße 5." Berlin, 5. Jan. Auf der Tagesordnung der gestern Abend stattgehabten Versammlung im Sommer'schen Loeal in der Potsdamer Straße stand ein Vortrag des Abgeordneten Klotz, der dm Volkswirthschaftsrath, den Eisenbahnrath und den noch nicht in die Erscheinung getretenen Unterrichtsrath einer kritischen Betrachtung unterwarf und die Stellung der Fortschrittspartei zu diesen drei Institutionen in rein sachlicher Weise darlegte. Die Gegner nahmen wiederholt Veranlassung, durch Zwischenrufe aller Art ihren Widerspruch in demonstrativer Weise geltend zu machen. Unsinn! Blödsinn! Lächerlich! so lauteten die Unterbrechungen und jede Veifallsäußernng der anderen Seite wurde mit Zischen beantwortet. Natürlich fehlten auch nicht die Zurufe über Juden und Judenintereffen. Die Versammlung endete mit einem großen Tumult. Dann rief man: „Hoch der Kaiser! Hoch Bismarck! Hoch Henrici!" Hierauf folgte der Gesang: „Heil dir im Siegerkranz!" und der Ruf: „Nieder mit der Fortschrittspartei!" bildete den Beschluß. Berlin, 6. Jan. In der heutigen Sitzung der Stadtverordneten wurde Straßmann mit 97 von 120 Stimmen zum Vorsitzenden wiedergewählt. Als Stellvertreter des Vorsitzenden wurde Virchow nnt 73 Stimmen gewählt. , Straßmann und Virchow haben die Wahl angenommen. Köln, 7. Jan. Seit einigen Tagen bildet hier ein Vorfall das Tagesgespräch, der anscheinend tragisch in seinem Enderesultate ist. Ein in einem hiesigen sehr bedeutenden Hause seit ca. 20 Jahren angestellter Handlungsgehilfe Herr P., der ein beliebter Carnevalsredner und sehr thätiges Mitglied mehrerer Carnevalsgesellschasten stets war, ließ sich in nicht ganz nüchternem Zustande in der jüngsten Sitzung einer der hier zahlreich bestehenden Earnevalsgesellschaften Hinreißen, seinen antisemitischen Gefühlen Ausdruck zu verleihen. Seitens des Vorsitzenden wurde ihm natürlich sofort das Wort entzogen, und der Redner ferner aus dem Verein ausgeschlossen.— Dieses Benehmen des P. kam auch zu Ohren der Chefs der Firma (Einer derselben ist Israelit und