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Der Israelit · 1881-01-19 · Heft 3 (19.1.1881) · page 8

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Journal
Der Israelit
Volume
22 (1881)
Issue
Heft 3 (19.1.1881)
Date
1881-01-19
Page
– (sequence 8)
Language
German
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60 „Was soll ich mich," enlgegnete Akiba, „um den Tod eines Mannes grämen, der sein Leben mit müssigen Forschungen verbracht und die Jünglinge Israels verführt hat, sich derselben unnützen Thätigkeit hinzugeben! O, ich hasse diese Rabbinen! Sie sind voller Hochmuth und schließen sich gegen das übrige Volk ab, wie wenn sie aus besserem Teige geknetet wären als Unsereiner. Ein in der Thora Unwissender gilt ihnen kaum als Mensch. Sie reden nicht mit uns, weil sie fürchten, daß der Speichel des Mundes auf sie spritze und sie verunreinigen könnte; sie essen und trinken nicht mit uns, weil sie behaupten, daß unsre Speisen nicht rein seien. O, schweige mir von diesen Rabbinen, Herrin! Sie haben nur dazu beigetragen, die Zwistigkeiten zu vermehren, die da die Ursache des Unterganges unsres Volkes geworden sind." „Du redest so," antwortete Rahel, „weil Du die Lehre unseres Gottes nicht kennst. Als der allgütige Gott sich einst seinem Volke auf dem Berge Sinai offenbarte, da verkündete er unter Donner und Blitz, inseiner Herrlichkeit und Majestät, die ehn Gebote; dann gab er dem Hause Israel die christliche Lehre, die Moscheh niederschrieb, auf daß sie Gemeingut des ganzen Volkes werde; sie liegt aufgeschlagen für Jeden da, Jeder kann darin forschen. Aber die schriftliche Lehre erhält erst Erklärung und Deutung und praktische Erfüllung durch die mündliche Belehrung, welche Gott dem Moscheh ertheitt hat. Moscheh lehrte sie das ganze Volk; sein vorzüglichster Schüler war Josua; von Josua empfingen die mündliche Ueberlieferung die Aeltesten, von ihnen die Propheten, von diesen die Rabbinen. Sie sind die Träger des Geistes der Thora, sie sind die Seele des jüdischen Volkes. Denn, was wäre unser Volk ohne den Geist Gottes, der auf uns ruht und ohne die Erfüllung seiner heiligen Gebote? Siehe, alle Menschen hat Gott erschaffen. Allen ist Er ein liebender Vater, mögen sie Römer oder Griechen, Aegypter oder Parther heißen, mögen sie irgend welchem Volksstamme angehören, selbst wenn sie Götzen dienen und in Sünde und Verbrechen leben. Uns Israeliten aber hat Gott auserwählt aus allen Nationen der Erde, hat uns durchgeistigt mit seinem Geiste und uns geheiligt mit seinen Geboten. Der jüdische Staat ist aufgelöst, das Haus unsres Gottes ist vom Feuer zerstört, kein Opfer sühnt mehr unsre Sünden, und der prophetische Geist ist von Israel gewichen. Nur die Thora ist uns geblieben, und sie wird uns ewig bleiben. Daß sie in ihrer Reinheit, Heiligkeit und Volkommenheit erhalten werde für alle kommenden Geschlechter, das ist die Aufgabe der Rabbinen. — Wer weiß, welchen Zeiten wir entgegengehen, welchen Gefahren wir ausgesetzt sein werden! Da müssen Vorkehrungen getroffen werden, daß die Thora nicht vergessen, daß Israel seines größten Schatzes nicht beraubt werde. — Als ich noch ein kleines Kind war, hörte ich oft die Reden großer und heiliger Männer, die im Hause meines Vaters in Jerusalem verkehrten; oftmals hörte ich sie von den Gefahren sprechen, die Israel bedrohen, und daß es nothwendig sei, die Ueberlieferung, die in ununterbrochener Kette bis zur Offenbarung am Sinai hinaufreicht, so eng mit oem heiligen Schriftwort zu verknüpfen und an dasselbe anzulehnen, daß diese heiligen Traditionen nimmer vergessen werden können. O, wenn Du Dich dieser Aufgabe widmen wolltest, Akiba, Du könntest ein Beglücker Deines Volkes werden für ewige Zeiten. Gott hat Dich wunderbar begnadigt, hat Dir Geist und Scharfsinn und große Willenskraft verliehen. Verlasse die Heerden meines Vaters und werde ein Hirte meines Volkes!" „Du hast eine zu gute Meinung von mir, o Herrin," antwortete Akiba „Wie könnte ich noch anfangen zu lernen, da ich die Jahre meiner Kindheit und Jugend in Unwissenheit verbracht habe!" „Du kannst, was Du willst," entgegnete Rahel; ich habe Dich oft genug beobachtet, seitdem Du im Hause meines Vaters weilst. Groß ist Dein Fleiß, unerschütterlich Deine Ausdauer und an geistigen Fähigkeiten überragst Du alle Menschen, die ich kenne. Du brauchst nur zu wollen, und Du wirst selbst das Unmöglicherscheinende erreichen. O, gehe hin und lerne, und Du wirst einst ein Großer in Israel werden!" „Wenn ich mich dem Studium widmen sollte," sagte Akiba nachdenklich, „so müßte ich ihm ganz und gar leben; dann müßte ich meine einträgliche Stelle aufgeben. Und welchen Preis bietest Du mir dafür?" „Ruhm und Ehre und Ansehen in dieser Welt und ewige Glückseligkeit in der zukünftigen Welt!" „Mit all diesen schönen Dingen," sprach Akiba lächelnd, „kann man noch nicht einmal seinen Hunger stillen." (Fortsetzung folgt.) Hier;« zwei Beilagen. Verantwortliche Redaction: Dr. Lehmann in Mainz. — Verlag und Expedition deö , Israelit * große Bleiche 45. I. GottSleben'S Buchdruckerei (Mainzer Anzeiger).

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