Der Israelit
- Journal
- Der Israelit
- Volume
- 22 (1881)
- Issue
- Heft 3 (19.1.1881)
- Date
- 1881-01-19
- Page
- – (sequence 7)
- Language
- German
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59 Gericht führen würde, müßte ich mich da nicht ängstigen? Und nun, da ich im Begriffe stehe, vor den König der Könige, vor den allmächtigen Beherrscher des Weltalls treten zu müssen, vor den unbestechlichen Richter, vor den allwissenden Gott, soll ich da nicht weinen? Wer weiß, welchen Weg man mich führen wird, ob zu des Paradieses Seligkeit oder in der Hölle Abgrund?" Und die Schüler sprachen: „Unser Lehrer, segne uns!" „Möget Ihr stets," sprach Rabbi Jochanan, „Gott so fürchten, wie Ihr die Menschen fürchtet!" „Nicht mehr?" fragten die Schüler erstaunt. „Wenn Ihr Euch der Allgegenwart Gottes stets bewußt sein werdet, so werdet Ihr niemals sündigen, wie sich ja jeder Mensch schämt, in Gegenwart seiner Mitmenschen etwas Unrechtes zu thun." Unsre Weisen haben Rabbi Jochanan ben Sackai mit Ehiskijahu, dem Könige von Judah, verglichen. Zn den Zeiten dieses Königs brach das Verderben über Israel herein. Die assyrische Weltmacht vernichtete das Reich Israel und führte die zehn Stämme in die Gefangenschaft hinweg. Nur dem Gottvertrauen und der Frömmigkeit des Königs Ehiskijahu gelang es, einen kleinen Theil des israelitischen Volkes vor der Vernichtung durch das assyrische Weltreich zu bewahren, und nach erfolgter Rettung suchte Ehiskijahu den Bestand des Ueberrestes in der fleißigen Beschäftigung des Volkes mit der göttlichen Lehre. In ähnlicher Weise ward auch Rabbi Jochanan ben Sackai ein Retter seines Volkes. Als die nationale Herrlichkeit Juda's zusammenstürzte und der heilige Tempel in Trümmer sank, da war es Rabbi Jochanan ben Sackai's eifrigste Sorge, die Lehre unseres Gottes seinem Volke zu erhalten. — Und nun war er todt, der große Geistesheld, nun war sie gesunken, die mächtige Säule, welche den Ueberrest Israels gestützt hatte! Und ganz Israel betrauerte und beweinte den großen Lehrer; es war, wie wenn der heilige Tempel aufs Neue zerstört worden wäre. Die Trauerkunde drang auch in das Landhaus des reichen Kalba Sabua; namentlich wurde Rahel, die einzige Tochter des reichen Mannes, tief davon ergriffen. Sie war eine begeisterte Tochter unseres Volkes. Schön und jung, wie die Tochter Labans, deren Namen sie führte, hätte sie sich das nationale Unglück nicht sehr zu Herzen nehmen brauchen. In den ersten Zeiten nach der Zerstörung des heiligen Tempels, unter den Kaisern Vespasianus und Titus, lastete das römische Joch nicht allzuschwer auf den im heiligen Lande Zurückgebliebenen. Rahel hätte herrlich und in Freuden leben, sie hätte einen reichen Jüngling sich zum Gatten wählen können, hätte mit ihm nach Rom ziehen können oder nach Alexandria, wo des Lebens Freuden sich in reichstem Maaße den Wohlhabenden darboten, gleichviel welcher Nation sie an gehörten. Aber Rahel liebte ihr Volk, ihre Religion, ihren Gott. Nur die Zukunft ihres Volkes und die Erhaltung der Gotteslehre lag ihr ank Herzen. Sie verschmähte die Freuden und Genüsse, die sonst junge Mädchen zu reizen pflegen, und dachte nur daran, wie sie wohl dazu beitragen könne, die Zukunft ihres Volkes freundlicher zu gestalten. — Es braucht wohl kaum erwähnt zu werden, daß sie sich entschieden geweigert hatte, die Gemahlin desPapus zu werden. Auch ihr Vater hatte nicht darauf gedrungen, nachdem ihm der leichte ^inn des Jünglings offenbar geworden war. Unterdeß hatte Akiba die Gunst seines Herrn in hohem Maße zu gewinnen verstanden. Der junge Mann besaß die herrlichsten Geistesanlagen, die er für den Hausstand seines Gebieters practisch zu verwerten wußte. Unter seiner Leitung gediehen die Heerden, und die Hirten wagten es nicht, ihre Pflicht zu verabsäumen. Kalba Sabua gewann seinen Diener von Tag zu Tag lieber und verkündete den Ruhm desselben bei jeder Gelegenheit. Nur das Eine gefiel ihm nicht, daß Akiba ein abgesagter Feind der Rabbinen war und von deren Thätigkeit, die er für ganz unpraktisch hielt, stets mit der größten Verachtung sprach. Als Kalba Sabua und alle seine Hausgenossen um den Tod Rabbi Jochanan ben Sackai's weinten und klagten, blieb Akiba allein gleichgiltig. Rahel war nicht dazu angethan, sich lange der thatlosen Trauer hinzugeben. „Der große Lehrer Israels ist todt," sprach sie zu sich selbst, „es gilt, einen Mann für Gottes heilige Lehre zu gewinnen, der den von uns Hinweggenommenen einst zu ersetzen im Stande sein wird." Sie ging hinaus zu den Heerden, wo sie Akiba zu finden hoffte. Er saß auf einem Hügel und überschaute die Arbeiten der mit der Schaafschur beschäftigten Knechte. Als er seine junge Herrin daherkommen sah, erhob er sich und ging ihr entgegen „Sei nur gegrüßt," sprach er, „Tochter meines Herrn! Willst Du der Schaafschur beiwohnen, welche in diesem Jahre ganz besonders geeignet ist, die Reichthümer Deines Vaters zu vermehren?" „Ich bin gekommen," antwortete Rahel, „um mit Dir zu reden. Es hat dem allmächtigen Gott gefallen, den größten Mann aus unserer Mitte hinwegzunehmen'. Ganz Israel klagt und weint um ihn; nur Du scheinst Dich nicht viel darob zu härmen!"