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Der Israelit · 1881-01-19 · Heft 3 (19.1.1881) · page 4

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Journal
Der Israelit
Volume
22 (1881)
Issue
Heft 3 (19.1.1881)
Date
1881-01-19
Page
– (sequence 4)
Language
German
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56 dahin, daß wir eigentlich alle schon längst hätten Juden werden sollen. (Beifall und große Heiterkeit. Zahlreiche Zwischenrufe, die der Vorsitzende stets im Keime erstickt.) Das Streben nach Bildung könne nur bei Vorhandensein recht großer Mittel zu Resultaten führen und darin bestehe eben der Ehrgeiz der Juden. (Widerspruch, Zwischenrufe, Intervention des Vorsitzenden.) Ein deutscher Mann, selbst wenn er Mittel hat, werde noch immer eine Ehre darin suchen', seinen Sohn dem Handwerke oder der Industrie zuzuführen, denn die Deutschen seien ein produktives, nicht blos Handel und Schacher treibendes Volk. (Unruhe.) Durch Arbeit erwerben die Juden nicht ihre Reichthümer. Ich nenne Arbeit z. B., wenn Jemand von früh bis zum späten Abend am Landwehrkanal Steine karrt. (Großer, lang andauernder Lärm, den der Vorsitzende schließlich durch einige joviale Worte beschwichtigt.) Die armen Juden wandern bei uns aus dem Auslande ein, betreiben mit Zähigkeit eine besondere recht einträgliche Art von Handel, und wenn sie dann Gelder eingcheimst haben, üben sie den bedenklichsten Einfluß über uns aus. Wodurch sind die Juden in so kurzer Zeit so hervorragend geworden? ^Rufc: durch ihre Intelligenz!) O nein! Wenn der isohn studiren will, muß der Vater Geld haben; welcher deutsche Handwerker kann dies aber? Auch die Uuterstützungssreudigkeit der Juden ist nicht so großartig, denn die Juden haben Alle Geld, und irgend eine Commune solle doch dagegen mal einen einzigen Armen Nachweisen, der Geld hat. (Stürmische, lang andauernde Heiterkeit. Ruse: Blamirt!) Vorsitzender: Solche Zwischenrufe werde ich nicht dulden und die Redefreiheit des Gastes wahren! Bei uns kann Jeder sprechen, wie ihm der Schnabel gewachsen ist. (Bravo! Heiterkeit.) Herr Barenthin wirft schließlich Herrn Dr. Langerhans vor, daß er in der Stadtverordneten-Versammlung gesagt habe: Man müsse dafür sorgen, daß die Antisemiten es nicht mehr wagen, ihre Meinung frei zu äußern. (Widerspruch.) Dr. Langerhans: Wenn mau eine so absolute Unkenntniß aller einschlägigen Verhältnisse besitze, wie der Vorredner, dann sollte man doch nichtöffentlich auftreten, namentlich nicht Anderen Unwahrheiten unterschieben. Er habe nur gesagt, daß die Leute es nicht mehr wagen sollten, solche Skandale aufzuführen, und das vertrete er heute noch. Wenn der Vorredner nicht wisse, daß die Juden nicht bloß Handel treiben, sondern auch in der Industrie Großes leisten und daß die Einwanderung der Juden eine ganz winzige ist, dann könne man mit ihm gar nicht diskntiren. (Beifall.) Prediger Dr. Schulze: Unsere Väter hatten das Sprüchwort, daß, wenn man sich in der Gosse den Rock beflecke, man ihn erst trocknen lassen müsse, ehe man den Schmutz entferne. Auch die jetzigen häßlichen Auswüchse und EDesse in der Judenfrage seien ein solcher Schmutzfleck. Er stehe nicht auf dem Standpunkt des Dr. Langerhans, denn es wäre um Israel schlecht bestellt, wenn es nur auf solche Verteidigung angewiesen wäre. Cr kenne auch den Schwerpunkt der Judenfrage aus seiner Thätigkeit als Judenmissionar in Deutschland, Rußland, Frankreich und England, und ihm seien viele jüdische Männer bekannt, vor denen er den größten Respekt habe. Viele seiner Freunde seien Juden, ja er selber werde wegen seines schwarzen Aussehens oft für einen Juden gehalten. (Heiterkeit.) Sein Name (Heiterkeit) widerspreche dem aber schon, und ebenso weise sein Stammbaum keinen Inden auf, auch sei er nicht nach Henricischer Theorie auf unrechtmäßige Weise auf die Welt gekommen. (Große Heiterkeit.) Nicht durch Hetzereien, sondern in evangelischer christlicher Liebe müsse die Jndenfrage gelöst werden. Der Stifter der christlichen Religion war ein Jude, Israel soll nach Gottes Rathschluß dereinst wieder das herrschende Volk werden. Er wundere sich über die Flachheiten, die Dr. Langerhans bei seiner Krili! der christlichen Kirche vorgebracht. (Beifall, Unruhe. Redner nimmt den Ausdruck „Flachheiten" zurück.) Wir müssen in uns gehen und können viel von der; Juden lernen, z. B. die Bethätigung des vierten Gebotes, die Achtung vor dem grauen Haupt. (Beifall.) Er wolle nicht alle Schranken aufheben, denn wo bliebe dann unser christlicher Staat? Dann würde schließlich noch ein Jude König. (Oho! Sehr richtig! Wenn man "aber den Juden die ihnen von ihrem Könige verbrieften Rechte nehmen wolle, so wäre das der Anfang vom Ende. (Beifall.) Laßt uns die Juden lieb haben, aber laßt uns nicht selber Juden werden! (Lebhafter Beifall.) Schulvorsteher Vogeler: Wie seiner Zeit der Treubnnd, das Tischrücken, so sei auch die jetzige Judenhetze eine geistige Epidemie, eine Folge der allgemeinen Unzufriedenheit, zu deren Prügelknaben jetzt die Juden gemacht werden. (Sehr wahr!) An der Spitze der antisemitischen Bewegung stehen — mit Ausnahme von Stöcker — zumeist jüngere Leute, die noch geringe politische Erfahrungen hinter sich haben und gänzlich unter dem Eindrücke des patriotischen Aufschwunges des letzten Jahrzehnts stehen. Die an politischen Erfahrungen gereifteren Männer lassen sich nicht aus ihrer nüchternen Kritik bringen. (Sehr richtig!) Wohin sollen die jetzigen Hetzereien führen? (Rufe: Zum allgemeinen Wohl!) Zum allgemeinen Wohl führe es nicht, wenn der Staat Bürger erster und zweiter Klaffe erhält. (Stürmische Unterbrechungen. Der überwachende Lieutenant droht

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