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Der Israelit · 1881-01-19 · Heft 3 (19.1.1881) · page 3

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Journal
Der Israelit
Volume
22 (1881)
Issue
Heft 3 (19.1.1881)
Date
1881-01-19
Page
– (sequence 3)
Language
German
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55 lehren. Auf der Tagesordnung steht eine Frage, die für uns nicht mehr eine Frage ist, die sich aber so in den Vordergrund gedrängt hat, daß auch wir glaubten, sie durch unseren Abgeordneten beleuchten lassen zu sollen. Ich bemerke noch nach dem Muster einer anderen Versammlung: „Ich bin Miether dieses Laales, bin für heute Besitzer desselben und bitte recht sehr, mich nicht zu zwingen, eventuell mein Hansrccht zu gebrauchen." (Bravo!) Hierauf nahm Dr. Langerhans, lebhaft begrüßt, das Wort: Tägliche Beobachtungen lehren, daß vorgefaßte Meinungen und Antipathien gegen die Juden jetzt zahlreiche Kreise gefangen halten und daß selbst Lolche, die von Inden Wohlthaten empfangen haben, ihrer Gefühle nicht Herr werden. Diese antisemitische Bewegung gereiche nicht zur Ehre unserer Hauptstadt und er wolle zur Versöhnung und Dämpfung dieser häßlichen Exeesse durch sein Wort beizutragcn suchen. Die Judenverfolgungen des Mittelalters hatten einen religiösen Hintergrund; man warf den Juden vor, daß ihnen das Blut des Stifters der christl. Religion anklebe. Aber nicht das jüdffche Volk hat diesen gekreuzigt. Derselbe ist aus dem jüdischen Volk hervorgegangen und das jüdische Volk war die Pflanzstätte des Christenthums. Wenn man sich beklagt, daß jüdische Richter Christenmenschen den Eid abnchmen, so sei zu erwidern, daß der Eid eine staatliche Einrichtung und der Richter nur ein Repräsentant des Staates ist. (Beifall) Mit dem Vorschläge in der Mommsenschen Broschüre, daß sich alle Juden taufen lassen sollen, weil das Christenrhum eine höhere Kulturstufe darstelle, könne er sich nicht einverstanden erklären, denn die Juden wüßten doch wahrlich nicht, zu welchem Christenthum sie sich wenden sollen, wenn sie sehen, wie die christlichen Kirchen sich gegenseitig befehden, wie in unserer evangelischen Kirche ein Zelotismus sonder Gleichen herrscht und mehr Werth gelegt wird auf den Buchstabenglauben, als auf tugendhaftes Leben. (Beifall und Widerspruch.) Wenn man ihnen die schlimmen Cügenschaften ihrer Race, das Zusammenhalten, das Streben nach Macht rc. vorwirft, so solle man doch daran denken, daß wir es sind, die sich stets von den Juden abgeschlossen haben. (Gelächter.) Die deutschen Juden sind nicht, wie die Staatsbürger anderer Nationalitäten, untreu ihrem Vaterlande geworden, sie haben Theil genommen an Leid und Frmd desselben uud haben es mit ihrem Blute verteidigt; sie gehorchen auch nicht, wie die Ultramonranen, Befehlen von Außen her, oder lehnen sich gegen die Landesgesetze auf. (Bravo!) Die sogen, schlimmen Eigenschaften der Inden finde man auch! bei vielen anderen Leuten, namentlich bei reich gej wordenen Parvenüs und nur der Neid sei es, der! das Bild der Juden verzerre. Sollte es aber wahr!? sein, daß bei den Juden größere Charakterverwilderung herrsche, als anderswo, so solle man bedenken, daß wir ihnen von jeher das Dasein so unerträglich wie möglich machten und sie lediglich dem Handel zudrängten. (Beifall.) Die Juden haben aber auch viele gute Eigenschaften,sonst würden sie nicht trotz aller kolossalen Verfolgungen sich im Kampfe um's Dasein behauptet haben. Zu der ihnen vorgeworfenen Mßigäkeit (Heiterkeit) komme die außerordentliche Ausdauer in der Arbeit (Rufe: Arbeit?) ihr ungeheurer Wohlthätigkeitssinn auch gegen christliche Mitbürger, ihre Pietät gegen die Eltern und ihr gutes Familienleben. Es ist eine merkwürdige Thatsache, daß es keine jüdischen „Louis giebt. (Lauter Widerspruch und Unruhe.) Hervorragend sei bei den Juden auch der Trieb nach Bildung. Verhältnißmäßig halten die Christenmenschen weniger darauf, ihre Kinder in die höheren Schulen zu schicken, als die Juden. Lauter, allseitiger Widerspruch.) Wäre aber selbst die gute Meinung, die er von den Juden habe, eine ganz falsche, so frage es sich doch, was die ganz ziellose Judenhetze mit ihren häßlichen, nach sozialdemokratischem Muster eingerichteten Excessen nutzen solle. Den Sozialdemokraten schwebte bei ihrem Thun und Treiben doch wenigstens in ihren Lehren ein hohes Ideal vor, die jetzige Bewegung aber werde nicht von einem Ideal, sondern von Haß und Neid geleitet. (Lebhafter Beifall und Widerspruch.) Die Bürgerschaft müsse in sich gehen und mit Energie solchen Erscheinungen entgegentreten, sonst schlagen dieselben um in religiösen Fanatismus und Gott bewahre uns vor der Zeiten der Inquisition u. drgl. (Unruhe.) Das Ziel der Antisemitenpetition bedeute nichts Anderes als Aufhebung der Gleichheit der Menschenrechte. (Oho! Oho! Beifall.) Es gebe nur ein Mittel der Ausgleichung: die Beseitigung aller noch bestehenden hemmenden Schranken zwischen Christen und Juden. (Beifall und Unruhe.) Haben die Juden noch unangenehme Eigenschaften, so sei das kein Wunder, denn ihre Emanzipation sei noch nicht alt. Diejenigen, die bei der gegenwärtigen Bewegung hinter den Coulissen arbeiten, wollen nichts weiter, als unter der Bürgerschaft zum Schaden der liberalen Sache eine Trennung hervorbringen, genau so wie man s. Z. die Sozialdemokratie groß päppelte, den Handwerkern schmeichelte und schließlich die Agrarier ins Gefecht führte. Er hoffe, daß sich die Bürgerschaft durch solche Agitationen nicht beirren lassen werde. (Lang anhaltender Beifall und Zischen.) Nachdem der Vorsitzende nochmals zur Aufrechterhaltung der Ordnung aufgefordert hatte, begann die Diskussion. Herr Wilhelm Barenthm bekennt sich zu denen, welche die Judenfrage als berechtigt anerkennen. Herr Langerhans habe viel zu rosig gemalt und die Konsequenz seiner Ausführungen gehe

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