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Der Israelit · 1881-01-12 · Heft 2 (12.1.1881) · page 20

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Journal
Der Israelit
Volume
22 (1881)
Issue
Heft 2 (12.1.1881)
Date
1881-01-12
Page
– (sequence 20)
Language
German
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44 Reformrabbiner da? Die von Gleichgiltigkeit, Scrupellosigkeit und Leichtfertigkeit in den Schlaf Gelullten wollen nicht geweckt sein, und die Wachen, welche ihre beiden Augen offen haben und daher wissen, was es an der Zeit ist, brauchen es wahrlich von einem solchen Wächter nicht erst zu erfahren. Und da wäre wahrlich ein ehrlicher Nachtwächter einem solchen connivirenden Abbtz noch vorzuziehen.' Ein ehrlicher Nachtwächter ruft, was er zu rufen hat, laut und dreist in's Dorf hinein, selbst auf die Ge- > fahr hin, die Schläfer aus dem Schlaf zu wecken. > Aber ein richtiger Reformrabbiner will seine Leute schlaftrunken erhalten und richtet Alles, was er zu sagen hat, so ein, das; es sich sanft wie ein Wiegenlied anhört, obwohl er doch von Hanse aus nicht dafür bezahlt wird, Wiegenlieder vorzutragen. Aber was soll er anfangen? Würde er nicht ganz leise auf den Fußspitzen auftreten, würde er nicht melodisch lispeln und flüstern und jeden Anstoß vermeiden, der feine Schläfer aus dem Schlafe rütteln konnte, dann könnten sie ja plötzlich aufwachen, sich die Augen reiben und zu der Einsicht kommen, sie hätten einen Rabbiner eigentlich gar nicht nöthig, denn sie könnten ohne reformrabbinerliches Wiegenlied schlafen, ohne geistlichen Dispens das jüdische Gesetz mit Füßen treten und ohne seelsorgcrischen Zuspruch ihr weites Gewissen selber beruhigen. Aber sie wachen nicht auf, sic schlafen zu fest; und weil sie wissen, wie fest sie schlafen, bezahlen sie Einen, der wenigstens wachen soll, und damit der Wächter, den die Schlafenden sonst nicht controlliren können, nicht selber einschläft, haben sie ihm zur Pflicht gemacht, zu tuten oder zu predigen. Das ist das tertium comparationis der Nachtwächter und Reformrabbiner. Die Zeiten werden lichter, mehr und mehr schwinden die Nachtschatten und die Nachtwächter sind die ersten Opfer des heraufziehenden Morgenroths. Man hat sie in größeren Städten längst abgeschafft und die kleineren folgen so rasch nach, daß man sie Mld nur noch in Museen als Reliquie aus einer .Mhxiarchalischen Zeit anstaunen wird. '/d -Heht's mit den Reformrabbinen anders? mon Sie gingen mit der Zeit, sie 'HrachU^mit der Zeit. Die Sonne braucht nur ein Himmel zu stehen und die schlafen- -WwMaMnM *4vl wecken, dann hat ihr Stündlein WMl ^r Nachtwächter geschlagen! 'M <i\m . ui , 8 .uKM'dG wj&iÄ K.attenfelser Traume, deren als in ein Tagebuch ngMrt^,-HM Mr.aMZuMagesordnung d. h. zu Schabboser- Da das Schacharisgebet in der Synagoge sehr spät begann, hatte ich es schon zu Hause gebetet. Ich kam dadurch erst zur lauten nj'Cff in di: Synagoge, was in Hattenfels zum guten Ton gehört. Es scheint diese Anschauung aus der benachbarten Residenz zu stammen. Distinguirte Theaterbesucher pflegen dort auch erst nach den ersten Akten, im Theater zu erscheinen. Herr Lautenschläger trillerte wie eine Lerche, und das rein mir zu Ehren, denn in normalen Zeiten darf — der „Gotte s dienst" nicht so lange dauern, als diese Triller es verlangen. Natürlich dauert er den aufgeklärter- Betern doch noch immer zu lange. Trotz aller abgekürzten Verfahren, trotz aller Zugmittel, ergreif: die biedern Hattenfelser sofort nach der Muffaph- Keduschah ein so namenloses Heimweh, daß der Gebetmantel fällt und die wackeren Herzoge sofort in so hellen Haufen Nachfolgen, daß von iw ab nur noch mit knapper Mühe die letzten Zehn des wackeren Regiments zu halten sind. Der Herr Vorsteher hatte mich schon vorher auf diese betrübende Erscheinung aufmerksam gemacht, wie er schon alle Mittel angewendet habe, um die Synagogenbesucher zurückzuhalten, wie aber allerdiesbezüglichen Paragraphen der Synagogenordnung zum Trotz diesem Unwesen nicht zu steuern sei. Es helfe hier nur eine Radicalkur: die Einführung deutscher Gebete und gänzliche Beseitigung der hebräischen Sprache, dann würde die Weihe des Gotteshauses gewahrt, dann höre alle Conversation in der Synagoge auf, kurz, dann schössen die Andächtigen wi: Pilze aus der Erde. Ich hatte dem Herrn Vorsteher darauf bemerkt, daß ich auf diesen Gegenstand noch während meines hiesigen Aufenthalts zurückkommen würde und das sollte nun bald geschehen. Eines der künstlichen Mittel, die Hattenfelser Andächtigen zu überlisten, daß wenigstens der -no?c d■’ und das pa-n ivn? noch mit r:o vorgetrageu werden könnten, besteht nämlich darin, diese Theil? des Gebets statt nach «po schon nach mnar einzu schalten. Da mußten sie nun Stand halten. Aber ich traute meinen Ohren kaum, als Herr Lautenschläger plötzlich aus einer übersetzten Tefilloh zu „lernen" ansing: „Rabbi lehrte, welches ist der richtige Weg, den der Mensch sich erwählen soll" rc. und so die zwei ersten Sätze aus dem II. der Pirke Aboth mit einem solennen Pathos, ohne ein jüdisches sWort über die Lippen zu bringen, vortrug, dann salbungsvoll den x'vpy p rvun 'ai als Appendix in der Ursprache anfügte, worauf dann der pm tynp folgte.

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